Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 39-40 (26.9.1924)
- Date
- 1924-09-26
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39/40 DIE WAHRHEIT 9eite 27 r^lritringes -das 'Hearal ahne Krawatte." Wir wollen nicht so igenässig sein wie ein Wiener Blatt, das da schrieb: Wird; um aller Heiligen willen, das ganze Hemd Yon jener naturkräftigen Tönung bedieckt sein — von oben bis unten b—'raun? Sollte -der schöne Brauch in Wien Eingang finden, so kann unser Öhr bald der neuen, populären Redensart gewärtig sein:,, Do hast wieder an, dös ganze Hemert mit Gesinnung ang . .-." Wir gestatten uns:,nur eine bescheidene Frage: Genügte das blendende Hakenkreuz, nicht mehr, muß dffe Gesinnung augenfälliger in Form eines braunen (Hemdes zur Schau getragen werden, damit die wenigen Anbeter -des Nationalsozialismus wenigstens so gesehen werden können? i -;.i Einstein und der Völkerbund. Professor Einstein, der siph dieser Tage auch in Wien aufgehalten hat, fa'Qte seine Genfer Eindrücke wie folgt zusammen: Deutschland wird jetzt schon als ein Glied des Bundes .angesehen. Der Geist, der die Tagung beherrscht hat, wird sicherlich ein gutes Resultat zeitigen; und der Völkerbund wind schließlich eine innere und äußere Gesundung Europas fördern. Die Erfahrung hat mich gelehrt, daß -es?, mit vernünftigen und einer bedenkenlosen Freimütigkeit möglich ist, auch verzwickte Fragen zu lösen. Ich habe Gelegenheit gehabt, .mich über die Frage des Eintritts Dentschrla}nds in den Völkerbund mit gut unterrichteten Persönlichkeiten1, insbesondere mit Franzosen, zu unterhalten. Alle! waren dar Meinung, daß Deutschland nach der erfolgreichen Be- . end'igunig der Konferenz zu London Mitglied des Völkerbundes werden muß.;i Ein Geistlicher, wie er sein soll. Ein Düsseldorfer Pazifist schreibt der „Welt am Montag": In dem lieblichen Mainstädtchen Wertheim hielt der Kriegerverein eine Gedenkfeier für die Kriegsgefallenen ab. Zuerst sollte der protestantische Geistliche sprechen, dann der katholische, und als dritter Sollte für die jüdischen Frontsoldaten des ganzen Bezirkes ein ehemaliger Feldrabbiner aus Frankfurt das Wort ergreifen. Dpch die Völkischen und Hakenkreuzler beschlossen anders in ihrem Rate. Sie versprachen feierlichst, den jüdischen Redner am Sprechen zu hindern und die Kundgebung zu stören. Als 4er katholische Geistliche, der mit dem langjährigen, ehrwürdigen und geschätzten jüdischen Lehrer Wertheim freundschaftliche Beziehungen unterhält, von dem geplanten Vorhaben der Hakenkreuzler erfuhr, sagte er seine Beteiligung nur unter der Bedingung zu. daß der jüdische Geistliche nicht rjach, sondern vor ihm sprechen dürfe. Bei einer eventuell einsetzenden Störung wollte er dann auch auf das Wort vernichten. Das zog, und die List des Pfarrers gelang; denn die K'akenkreuzler durften doch vor der Rede des Pfarrers die Feier nicht stören, und so verlief alles ruhig. Allen Respekt vor der Toleranz des katholischen Geistlichen. /Ii Ritualmord-Propaganda Knüppel-Kunzes. Das Organ des ■4,bg. Richard Kunze, die täglich in Berlin erscheinende „Neue Zeitung1', betreibt eine immer hemmungslosere antijüdische Ketze. In der Nummer vom 11. September bringt die Zeitung eine Meldung aus Perleberg, wonach dort Mitte der vergangenen Woche ein etwa 27- bis 28jähriger jüdischer Spiel- .^.arerihändler aufgetaucht sei, -der seine Groschenware in der Nähe von Schulen auszubieten pflegte und bei den Kindern bald Zutrauen erweckte. Er gewann — so erzählt die Zeitung .^4das besondere Vertrauen des 12jährigen Gert Rüger, des Sphnes einer angesehenen Familie, den er nun entführt hat. I^eide sind am letzten Sonnabend verschwunden, ohne daß man eine Spur gefunden hat. Diese Nachricht bringt das Bjlatt unter der Ueberschrift „Wieder ein Ritualmord-Opfer?'' : In derselben Nummer kündigt die Redaktion im Textteil in ...schreienden Lettern an, daß sie demnächst mit der Veröffentlichung der „Berichte nach amtlichen Grundlagen über aufsehenerregende jüdische Ritualmörde beginnen wird, nach M. Liebermann v. Sonnenberg neu bearbeitet, ergänzt und erläutert von Arth. Herb. Wollnzihn". Liebeswerben des Ku-Klux-Klan. Der jüdische Schrift- Jsleller E. M ilton-Altfelder, der Autor des Werkes „Der •fiyampf der Juden um religiöse und bürgerliche. Freiheit in jyiaryland", erhielt von der antijüdischen und antikatholischen i^erroristengesellschaft Ku-Klux-Klan die Einladung, der Gesellschaft beizutreten mit der Begründung, diese Gesellschaft ^rtab§. ihre Taktik geändert und wolle verdienstvolle Juden in "ihrer Mitte haben. Herr Millon-AItfelder hat natürlich abgelehnt. :.-. Wahre Andacht. Gelegentlich eines längeren Aufenthaltes in Berlin, besuchte ich unter anderem auch die Synagoge in der Fasanen-, Oranienburger- und Johannes Straße. Was mir vor allem auf das angenehmste auffiel, war das würdevolle, ja musterhafte Benehmen der dortigen Ternpeibesuciier. Während unsere „Andächtigen'" selbst bei der „Keduschah" es nicht für anstößig finden, ziemlich laut von dem Kursstürze der Dainüeraktien, den steigenden Mehlpreisen, der abgerissenen Konjunktur zu erzählen! — meine Frau klagte mir gegenüber wiederholt, daß auf der Frauengalerie während des „Maskir" das Thema vom angebrannten Apfelstrudel und der frechen Hausgehilfin episch breitgetreten wird — herrscht in den Berliner Tempeln die weihevollste Stille. Man hört nur den Prediger, den Vorbeter oder die Orgel. Nur wenn der Chor einfällt, singen dLe Anwesenden mit. Auch ist in den deutschen Synagogen die nachahmenswerte Sitte eingeführt, daß während der Predigt und des Schemoncsreh dem Publikum weder dier Eintritt, noch das Verlassen des Tempels gestattet wirdl. Natürlich gehen die Herren Vorsteher mit gutem Beispiel voran. Die schauderhafte Unart ferner, daß Hunderte von Tempelbesuchern gleichzeitig mit dem Vorbeter laut und nach ihrem Gusto gröhlen („singen" kann man dies beim besten Willen nicht nennen), ist in Berlin gänzlich unbekannt. Was nützt ein Vorbeter mit -der gottbegnadetsten Stimme und dem herrlichsten Vortrage, wenn vor, hinter mir, links und rechts von mir „wilde Chasonim" in eine ohrenbeleidigende Konkurrenz treten und den weihevollsten Gottesdienst in der empfindlichsten Weise stören? Kann denn m den östenreichischen Tempeln keine Ordnung herrschen? Ich selbst war Zeuge, wie in der Fasanenstraße der Seharnes während, der Lithurgie laut sprechende J uden — allerdings sehr höflich — zur Ruhe verwies. Die Ruhestörer entpuppten sich — als Glauibensbrüder aus der Fremde. Sehr befremdend wirkte auf mich der Umstand, daß die hiesigen Prediger diesen krassen Uebelstand gar nicht oder nur äußerst selten von der Kanzel herab verurteilen. Die Rabbiner sollen solange von diiieser Stelle erziehlich einwirken, bis »eine Besserung zu konstatieren ist. Die wirklichste und schönste Andacht ist und bleibr die „stille". Es wäre auf das lebhafteste zu begrüßen, wenn in diesem Belange Wandel geschaffen würde. Entsprechende Plakate müssen strenge das Einhalten der vorgeschriebenen Ruhe gebieten, die Tempeldieuer in höflicher Weise Dawiderhandteinde zurechtweisen. Dann wird auch der Besuch des Gotteshauses für viele ein Bedürfnis werden, während der Gebildete momentan allen Anlaß hat, über die Zucht- und Manierlosigkeit einer Anzahl von Glaubensgenossen mit Recht erbittert zu sein. Ich selbst bin kein Eiferer, sondern ein moderner Jude durch und durch, aber ich habe das_ Recht zu beanspruchen, daß man sich an geweihter Stelle entsprechend benimmt .Mau vergleiche nur die Ehrfurcht, mit der der Christ die Kirche, der Mohammedaner die Moschee betritt mit dem rüden Benehmen eines Teiles der Juden! Regierungsrat F. Ueberzeugungstreue. Herr Otto Schindler teilt uns mit Bezug auf die gleichnamige Notiz in der vorwöchigen Nummer der „Wahrheit" mit, daß J e i t e 1 e s. möglicherweise erst als Nordbahnbeamter zur römisch-katholischen Religion übertrat und nach seinem Tode auf dem Hütteldorfer Friedhofe beigesetzt wurde. Die Mitteilung über die religiöse Staiidhaitigkeit des Oberstleutnants stammt, wie wir schrieben, aus der Feder des bekannten tschechischen Publizisten Resniczek, dem die Verantwortung dafür zufällt. An unsere geehrten Leser! Die vorliegende Doppel - nummer ist 36 Seiten stark. Die nächste Nummer erscheint wegen öer hohen Feiertage Freitag, den 10. Oktober.