Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 36 (5.9.1924)
- Date
- 1924-09-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT DeutscböstemicNsdie Woctiensctiriit fflr jüdische Interessen FIH dem Beiblatt: VeröUenllkftunaen der „Union deutscbösterreidiisdier Juden * Redaktton und Administration: Wien II., HeineslraOe *». - Femruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 5. September 1924 Nummer 36 Die Juden und die Demokratie. Der 80. Geburtstag dies Demokraten Dr. Julius O f n er hat in der OeffentMchkeit die Erinneruing an die Blütezeit des Liberalismus wieder wachgerufen, an die Zeiten Kronawetters, Franz Klei n s. Dr. F i s c h h o f s und Dr. K u r a n d! a s unjd anderer Gleichgesinnter. Und1 zugleich damit die Erinnerung daran, wie diese Männer angefeindet wurden. Natürlich konnten es sich ihre Gegner nie versagen, statt sachliche Einwände vorzubringen, die Demokratie in den Augen verständnisloser und übelwollender Menschen dadurch herabzusetzen, daß man sie als Werk von Juden schlecht machte. Alis ob eine politische Anschauung nur den Geist derjenigen trüge, die sie verfechten, ihr also nur die äußere Fassung geben und nicht viel mehr den Geist der Gesamtheit der Menschen, die nach ihr leben wollen, unter denen die Juden einen verschwindend kleinen Bruchteil ausmachten. Ebenso sinnlos ist es, die Demokatie überhaupt als eine undeutsche und jüdische Errichtung oder Erfindung hinzustellen.! Die alte germanische Volkägemeinde, deren Reste sich in der Verfassung einzelner Schweizer Kantone erhalten haben, war durchaus demokratisch gestaltet und sie wurde erst verdrängt, als mit Hilfe des römischen Rechtes — das doch die völkischen) Gelehrten immer gern als verludet hinstellen — die absolute Fürstenmacht über Bürger und Bauern den Sieg davontrug. Und die Quellen der „westlichen" Demokratie findet man in der englischen und französischen Revolution, in der von irgend welchen jüdischen Einflüssen doch keine Rede sein kann. Die demokratischen Einrichtungen dieser Länder wurden vielmehr den Königen von dem Bürgertum ihrer Länder, unterstützt von einigen freigesinnten Adeligen, abgetrotzt. Der Sieg der Volksvertretung über die Könige in England war zunächst für die Juden ganz bedeutungslos, da dieser Sieg nur die Rechtstelliung der englischen Burger verbesserte, Juden aber damals als Bürger nicht zugelassen waren, sondern nur vorübergehend und vereinzelt als Fremde. Und auch als die Einwanderungsverbote allmählich gemildert und aufgehoben wurden, blieb den Juden bis tief inis 19. Jahrhundert hinein der Zugang zum Parlament versperrt. Anders in Frankreich. Dort bedeutete die Revolution mehr als nur eine Machtverschiebung zwischen Königtum und Bürgertum, dort kam mit der Erklärung der Menschenrechte durch das siegreiche Bürgertum eine ganz neue Weltanschauung zur Herrschaft; und wenn trotz der grundsätzlich verkündeten Gleichberechtigung aller Menschen die Verleihung der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte an die Juden noch auf allerhand Widerstände stieß, so handelte es sich dabei doch nur um Nachhiutgef echte, die dem Juden die Rechte auch tatsächlich sichern sollten, die ihnen durch die denkwürdige Proklamation der Menschenrechte schon eingeräumt waren und die ihnen auf die Dauer unmöglich vorenthalten werden konnten. Kein Wunder deshalb, daß weit über Frankreichs Grenzen hinaus die jahrhundertelang unterdrückten und verfolgten Juden die Revolution als Anbruch einer neuen besseren Zeit begrüßten, womit sie übrigens keineswegs allein standen, denn auch unter der chrislichen Bevölkerung sahen alle bisher zurückgesetzten, alle zukuuftsfrohen Kreise teilnah ms- und hoffnungsvoll über den Rhein zui den Freiheitskämpfern in Frankreich hinüber. Völlig unrichtig wäre es daraus, daß die Juden ganz überwiegend die Errungenschaften der Revolution begrüßten, eine Vorliebe der Juden für die Revolution überhaupt und insbesondere für die Gewaltmethoden der französischen Revolution zu folgern. Der zum Beleg für diese Behauptung von unseren Gegnern immer wieder angeführte, dem Historiker Gräte zugeschriebene Satz: „Die Revolution ist der Stern Judas" ist längst als eine Fälschung erwiesen, und findet sich nirgends bei Grätz. Allein nicht einmal für die Demokatie, die ja gar nicht notwendig nur durch Revolution errungen, sondern von ains'ichtigen Fürsten und' Regierungen auch im Weg organischer Fortentwicklung des Staatslebens herbeigeführt werden kann, kann man eine einhellige : Stellungnahme alter Juden feststellen. Es ist ja überhaupt ein Grundfehler der von unseren Gegnern, ja vielfach sogar von objektiven Beurteilern, die sich um eine unparteiische Würdigung jüdischer Angelegenheiten ehrlich bemühen, immer wieder gemacht wird, daß man die Juden als eine in politischer Beziehung einheitliche Masse ansieht. Nur aus dieser falschen Grundeinstellung heraus konnten Wahngebilde wie die berüchtigten „Geheimnisse der Weisen von Zion" Glauben finden, wonach die Juden aller Länder und aller sozialen Schichten nach den Plänen einer geheimen Oberleitung* sicW in einer ausschließlich auf jüdische Ziele gerichteten Weise politisch betätigen. In Wirklichkeit sind die Juden, nicht nur der verschiedenen Länder, sondern auch jedes einzelnen Landes durch soziale und wirtschaftliche Verschiedenheiten, durch Parteiunterschiede, durch religiöse Gegensätze vielfach gespalten. Der deutsche Jude treibt deutsche Politik, wie der französische und englische Jude die Politik ihres Vaterlandes, treiben. Und selbst da, wo Juden sich zusammengeschlossen haben, um eine ausgesprochen jüdisch-nationale Politik zu treiben, bei den Zionisten, die ein nationales Gemeinwesen in Palästina wieder aufrichten wollen, ist die poli-