Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 34 (22.8.1924)
- Date
- 1924-08-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 8 DIE WAHRHEIT Nr. 54 Wahrheiten vom Tage Verjudete Hakenkreuzler. Daß die jüdische Seuche unter den Völkischen wütet, ist gewiß. Wie wohl tut es da, von einem Manne zu hören, der seine Grundsätze wirklich ernst nimmt und durch die Tat bestätigt! Da haust in Nürnberg eine Säule der völkischen Bewegung, namens Streicher: offenbar ein Mann von echtem Schrot und Korn. Er hatteveinen Parteibruder namens Wagner. Bei Gelegenheit einer Versammlung reichte man Streicher einen Zettel aufs Podium, auf dem geschrieben stand, Wagners Schwager habe sich m i t einer Jüdin verlobt. Was tat Streicher darauf? Er ließ Wagner, ohne ihm ein Wort zur Verteidigung zu gestatten, verhauen und hinauswerfen. Wagner hätte, wenn man ihm das Wort verstattet hätte, freilich erklären können, daß er selbst den Verkehr mit seinem Schwager eben wegen dieser Verlobung#abgebrochen habe. Aber was wäre das für eine schwächliche Entschuldigung gewesen! Verkehr abbrechen! Mindestens das Nasenbein hätte er ihm zertrümmern müssen aus Abscheu über die Absicht, arisches Blut jüdisch zu versauen. An seinem eigenen Leibe hat er mit Recht erfahren, wie ein echter Teutschvölkischer zu reagieren hat, wenn er solche Blutschande auch nur von weitem wittert. Ja, aber kaum hat man sich an der Kunde von Streichers mannhaft-teutscher Tat das Herz gestärkt, da trifft einen schier der Schlag. Denn man muß erfahren — Wagners Freunde rufen es laut in Nürnbergs Gassen aus —, daß eben dieser Streicher selbst mit dem Schwager eines Juden namens Bernstein, noch dazu eines Juwelenhändlers, intim verkehrt! Ja, er hat diesem Verbrechen noch ein scheußliches hinzugefügt: er hat bei einer Schlageterfeier — bedenkt: Schlageterfeier! — die Huldigung seiner Getreuen aus den Fenstern eines Hauses entgegengenommen, das ein'em Juden gehört! Ist's auszudenken? Und da blieben die Fenster ganz? Da schmissen die Getreuen nicht sofort mit Handgranaten? Der Schmelztiegel der Rassen. In einem Artikel unter diesem Titel schrieb vor kurzem der bekannte deutsche Journalist Georg Bernhard in der „Neuen Freien Presse" über rtes New-Yorker Judenviertel. Von den dreieinhalb Millionen Einwohnern der Insel Manhattan sind nahezu anderthalb Millionen Juden (jüdischer, selbstironisierender Witz ist es natürlich, der "aus Newyork Jewyork gemacht hat). Der typische .Weg der Entwicklung führt die zugewanderten Juden über die Bowerv nach Harlem. Die ganz Arrivierten enden in einer Villa in Reversied Drive. In der Bowery glaubt man in einer jener litauischen Judenstädte zu sein, die die deutschen Soldaten während des Krieges im Osten kennen gelernt haben. Auf den Zeitungsständen selbstverständlich fast nur jüdische Zeitungen und jüdische Zeitschriften. An den Wänden Plakate in hebräischen Lettern und jüdischer Sprache. Jüdisches Theater, koschere Restaurants. Charakteristischerweise neben jiddischen deutsche Firmenschilder und Aufschriften. Auf den Bürgersteigen wandeln phantastische Gestalten mit langen Barten, Ringellocken und wallendem Kaftan. Von den Türen sitzen junge, hübsche Mädchen mit schwarzen Glanzaugen und dicke Frauen mit schwärzen Scheiteln aus künstlichem Haar, wie es der ostüidischc Ehebrauch verlangt. Nur hie und da eine christliche Kirche von irgendeiner frommen Brüderschaft. Auf offener Straße ein Basar, in dessen Budenreihen neue und gebrauchte Dinge feilgehalten werden. Lärmende Kinderscharen auf dem Straßendamm. Vielfach noch Ghettofarbe in den Gesichtern. Die Synagogen genau, wie in Litauen: das Pult des Vorbeters erhöht in der Mitte. Links und rechts neben der Bundeslade Bänke mit Talmudfolianten, über die junge und alte Männer im Käppchen gebeugt „lernend" sitzen. Oben im ersten Stock das eintönige Hersagen hebräischer Bibelworte von den Kindern, vor denen der Melamed mit dem Bakel steht. Schritt für Schritt Szenen, wie sie hundertfach von Schalom Asch und Jizchok Leib Perez geschildert sind. Am Sabbath sind die Public Schools des Staates New-York in diesem Viertel geschlossen, füllen sich die Bethäuser. Auf den Straßen herrscht eine feierliche Ruhe. Eine abgebrochene Herzl-Gedenkfeier. In einer in Paris als Herzl-Gedenkfeier veranstalteten Versammlung meldete sich auch Wladimir Jabotinsky zu Wort. Bei seinem Erscheinen auf dem Podium wurden viele mißbilligende Zurufe laut, die sich, als Jabotinsky französisch zu sprechen begann, dermaßen steigerten, daß die Versammlung geschlossen werden mußte. Nationale Wiedergeburt durch sportliche Betätigung. Der Bevollmächtigte des Makkabi-Welt Verbandes in Paris bemühte sich krampfhaft, zu Ehren des jüdischen Namens eine Anteilnahme der „Juden als Nation" an den internationalen olympischen Spielen zu bewirken. Zunächst ohne Erfolg. Die Frage, so gibt er wehmütig bekannt, ist noch nicht geklärt, und er hält es für ratsam, daß die Juden erst durch eine große interterritoriale jüdische Sportveranstaltung den Beweis der Ebenbürtigkeit erbringen und sich so den Zutritt zur Olympiade erkaufen. Die Inszenierung dieses allweltlichen jüdischen Sportfestes hat nun der Makkabi-Weltverband in die Hand genommen. Wenn das niclit hilft! . . . 17 jüdische Hörer an der Budapester Universität. Nach einer Mitteilung des Universitätsprofessors Dr. Karl Hoor haben sich biS jetzt für das nächste Semester 357 neue Hörer gemeldet. Nach dem Gesetze des Numerus clausus kann die Zahl der jüdischen Hörer nur fünf Prozent der Gesamtzahl ausmachen. Bis jetzt dürfen sich also nur 17 jüdische Hörer inskribieren. In Friedensjahren inskribierten auf der Budapester Universität etwa 800 Juden, also fünfzigmal so viel wie jetzt. Herr Kunze „berichtigt." Herr Richard Kunze hat sich von seinem Schrecken erholt. Und er fängt nun natürlich an zu berichtigen. Wie nun Herr Kunze das tut, das ist so charakteristisch und amüsant, daß wir unseren Lesern die Berichtigung an die „Welt am Montag" und die daran geknüpften Worte dieses Blattes nicht vorenthalten wollen: 1. Es ist unwahr, daß mich der jüdische Arzt Posener in Leba am 19. Juli aus dem Wasser gezogen und vor dem Ertrinken errettet hat. Wahr ist vielmehr, daß mich mein Parteifreund Juhnke und der Bademeister aus einer gefährlichen Stelle auf den flachen Grund zogen. Herr Posener kam erst hinzu, als ich mich in Sicherheit befand. 2. Es ist unwahr, daß ich splitternackt ans Land gezogen wurde. Wahr ist vielmehr, daß ich auf dem flachen Grund niederkniete, weil ich in der Brandung meine Badehose verloren hatte und nicht eher das Wasser verließ, bis man mir das Badetuch gereicht hatte. 3. Es ist unwahr, daß ich ohne ein Wort des Dankes aus Leba verschwand. Wahr ist vielmehr, daß ich für das Umlegen des Badetuches mit den Worten „danke schön" quittierte. 4. Es ist unwahr, daß ich ständig „helft mir doch" rief. Wahr ist, daß ich dem Bademeister zurief: „Helfen Sie mir doch heraus", weil mir die Badehosen auf die Beine heruntergerutscht waren und mir die Bewegungsfreiheit nahmen. Richard Kunze. Sieh da: Dr. Posener kam erst hinzu, als Herr Kunze sich „bereits in Sicherheit" befand". Herr Dr. Posener, der 111 Jude ist sogar zu einem „man" verflüchtigt. Herr Kunze hat überhaupt nur um Hilfe geschrien, weil er die Badehose verlor. Und er hat zu dem ..man" sogar „danke schön" gesagt. Sagt er — schade, daß er nicht den Nachweis erbringt, daß Dr. Posener schwerhörig ist; am besten wäre es, das gleich als „Rasseeigentümlichkeit" festzustellen. Wir fürchten, Herr Kunze wird die Spuren des jüdischen Badelakens trotz aller Berichtigungen zeitlebens durch.seine Hetzversammlungen schleppen müssen.' Waih geschrien!- Wie sich deutschvölkische Ruderer in Wien aufführen. Ganz Wien war empört über das skandalöse Verhalten der Mitglieder des Deutschen Ruderverbandes, die hier zu Gast weilten, der Vorstand des Verbandes hat es bis heute nicht für notwendig befunden, zu den Vorgängen Stellung zu nehmen. Damit dieselben einer staunenden Nachwelt erhalten bleiben, seien sie hier kurz rekapituliert: Die Mitglieder des Deutschen Ruderverbandes waren Gäste der Stadt Wien im Rathaus, wo sie vom geschäftsführenden Vizebürgermeister mit einer Ansprache begrüßt wurden. In seiner Entgegnung wies Herr Waak-Berlin darauf hin, daß er in Vertretung von 500 Rudervereinen spreche, die 80.000 Mitglieder -umfassen, und betonte, daß die deutschen Ruderwandererfahrten nicht nur Vergnügungsfahrten seien. Der offizielle Teil der Verbrüderung hatte ein recht peinliches Nachspiel in einetti großen „Heurigen-Garten". Zweihundert deutsche Ruderer, die von Musikquartetten mit dem Deutschlandlied begrüßt wurden, nahmen die Höflichkeit zum Anlaß einer völkischen Demonstration. Sie begannen stehend der Reihe nach sämtliche Strophen des Deutschlandliedes zu singen, ohne Rücksicht darauf, daß dieses auch die Melodie des „Gott erhalte" ist. Ein Teil der Wiener stand auf und sang mit, andere blieben sitzen. Einer der deutschen Ruderer verlangte nun von einem der Sitzengebliebenen, daß er sich erhebe und mitsinge, und beantwortete dessen Weigerung mit einem Schlag ins Gesicht, worauf ein wüster Spektakel mit Rauferei entstand und die