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Die Wahrheit · 1924-06-20 · Heft 25 (20.6.1924) · page 14

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 25 (20.6.1924)
Date
1924-06-20
Page
– (sequence 14)
Language
German
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e Seite 12 DIE WAHRHEIT Nr. 25 samkeit und körperlicher Rüstigkeit seinen 75. Geburtstag. An vielen Mittelschulen in Wien'wirkte SchuLrat Weiß mit unermüdlichem Eifer und rastloser Pflichterfüllung als Lehrer der Religion; doch seine Haupttätigkeit entfaltete er am akademischen Gymnasium, wo er viele Jahrzehnte lehrte und sich auch seitens der Direktion und des gesamten Lehrkörpers der größten Wertschätzung erfreute. Er verstand es — wie mir wenige vor ihm — den Religionsunterricht in die moderne Form und Fassung zu bringen und ihm bei allen Schülern, von denen viele oft ganz indifferent dem Gegenstand gegenüberstehen, Anerkennung, Geltung und die - gebührende Achtung zu verschaffen.. Die Hebung des Standesbewußtseins der MittelscLul-Reiigionslehrer lag ihm besonders am Herzen, es darf neidlos ausgesprochen werden, daß er die heutige Stellung der Religionslehrer, die der .aller anderen Mittelschul- Tehrer in allen Belangen gleich und ebenbürtig ist, im Verein ~ mit einigen anderen Männern angebahnt, in die richtigen Wege geleitet, zielbewußt durchgeführt und zu den Erfolgen gebracht hat, die vor Jahrzehnten kaum erwartet wurden. Das Wohl und Wehe seiner Kollegen lag ihm immer am Herzen und er kannte keine höhere Aufgabe, als dem Stande die gebührende Achtung und den Lehrern die ihnen zukommende Stellung zu verschaffen, trotz schwerer Kämpfe, und mancher Angriffe, denen er oft ausgesetzt war. Während seiner Amtstätigkeit, die ihn voll und ganz in Anspruch nahm, fand Schulrat Weiß immer noch Zeit zu schriftstellerischer und pädagogischer Tätigkeit und einige Lehrbücher sind aus seiner stilgewandten Feder hervorgegangen, so z. B. ein „Lehrbuch der jüdischen Religionsgeschichte für die höheren Klassen der Mittelschulen" und „Die biblische Geschichte nach den Worten der Heiligen Schrift". Seit mehr denn einem Jahrzehnt lebt der Jubilar in wirklich wohl und voll verdientem Ruhestande. Aber auch in seinem Otium entfaltet sich weiter seine geistige Regsamkeit und Rüstigkeit. In einem vor Monaten erschienenen großen philosophischen Werke: „Mose ben Maimon — Führer der"Unschlüssigen" (Verlag Felix Meiner, Leipzig 1923), tritt? uns der Autor als Gelehrter von umfassendem fachmännischem Wissen und vielseitiger reicher Begabung rühmlichst entgegen, dessen Werk als erstaunliche Leistung eines Greises in vielen Blättern an'erkannt und lobenswerte Würdigung gefunden hat. Auch die Leser der „Wahrheit" werden sich der trefflichen Rezension «rinnern, die vor einigen Wochen in den Spalten dieses4 Blattes enthalten war. Im Schöße der Kultusgemeinde bei stattgehabten Enqueten und Beratungen über Reform des Lehrplanes und Methodik des Religionsunterrichtes war Schulrat Weiß immer mittätig und seine stets sachlichen und trefflichen Ausführungen wurden allgemein mit gebührender Achtung aufgenommen und oft berücksichtigt. Eineganze Reihe meisterhafter Aufsätze, fachmännischer Gutachten, Rezensionen, Referate in den verschiedenen Zeitschriften sowie Eingaben an die Behörden haben Weiß zum Autor, die alle ob ihres vornehmen Tones, gründlichster Sachlichkeit und Diktion überaus beifällig aufgenommen wurden. Schreiber dieser Zeilen, in jahrzehntelanger Freundschaft mit dem Jubilar verbunden, weiß, welch große Leistung derselbe in seiner seltenen Arbeitskraft, Fülle und Freudigkeit zustande gebracht, wie er in seinem Lehrberuf voll Möge der ehrwürdige Jubelgreis in voller Gesundheit, Lebens¬ und der Zeit verständnisvolles Auge und Ohr — weil Herz — hatte. Gewiß werden seine zahlreichen Freunde, Bekannten und nicht zuletzt die Schüler, die nach vielen Tausenden zählen, den eingangs erwähnten Jubeltag des Herrn Schulrat Weiß nicht vorübergehen lassen, ohne demselben Beweise ihrer Hochachtung und Dankbarkeit zu geben und ihm diesen Tag zu einem wahren Ehren- und Freudentag zu gestalten. Möge der ehrwürdige Jubilgreis in voller Gesundheit, Lebensfrische und Lust uns allen und der Wissenschaff erhalten bleiben, die er gewiß noch mit manch wertvoller Gabe bereichern wird. Mein Freundeswunsch lautet: ad multos annos. P. Rabbiner Dr. S. Friedmann s. A. Der am 18. Mai in Wien verstorbene Dr. S. Friedmann war ein Mann, . dessen Andenken durch ein paar Striche festgehalten zu werden verdient. Daß er Zeit seines Lebens nicht viel hat von sich reden machen, soll ihm nicht damit vergolten werden, daß man ihn nach seinem Tode totschweigt. Geboren in Kempen (Posen) am 24. Oktober 1844, hat er die echt jüdische Erziehung genossen, die in seiner Zeit und jenem Lande üblich war; Frömmigkeit und jüdisches Wissen waren ihm sozusagen mit auf dem Lebensweg gegeben worden. Man war in der Familie stolz darauf, daß er der Neffe von Rabbi Selig L e v i war, der in Kempen das erste jüdische Bethaus gegründet hatte; dessen Gelehrsamkeit sollte ihm ein leuchtendes Vorbild werden. Nach Absolvierung des Gymnasiums in Posen bezog er die Universität in Berlin und machte gleichzeitig rabbinische Studien, für die er das orthodoxe Hildesheimersche Seminar jeder anderen Anstalt vorzog. In Berlin Doktor geworden, wären es eben jetzt 50 Jahre geworden, daß er auf dieses fröhliche Ereignis zurückblicken konnte und schon waren Schritte gemacht worden, um ihn mit dem goldenen Doktordiplomzu ehren, als ihm der Tod von dannen riß. Als Frau durfte er sich Amalie, Tochter des bekannten Rabbiner Chaijim Oppenheim in Thorn, heimführen, wodurch er Mitglied einer hochangesehenen,*weitverzweigten Rabbinerfamilie geworden ist; doch starb die Frau schon nach sieben Jahren in Karlsbad. Sein Leben verlief von da an ohne Störung. 42 Jahre war er Rabbiner in Lublinitz, einer kleinen Gemeinde in Oberschlesien und erst die Unruhen der Nachkriegszeit, in deren Folgen dieses Land an Polen gefallen ist, haben ihn veranlaßt, in Wien Zuflucht zu nehmen, wo seine einzige Tochter .an Rabbiner Dr. A. L. Mandl verheiratet ist. Hier lebte der Mann wie ein Patriarch, geachtet und geschätzt, nicht bloß von den Seinen, sondern auch von all denen, die das Glück hatten, ihn näher kennen zu lernen. Viel Lebensweisheit und viel jüdisches Wissen kam zum Vorschein, wenn er anfing gesprächig zu werden. Auch Schreiber dieses lernte ihn hier kennen, doch war ich wissenschaftlich auch schon früher mit ihm verbunden, denn- Rabbiner Dr. S. Friedmann hat es verstanden, auch von Lublinitz aus die jüdische Literatur zu verfolgen und seinerseits zu bereichern. Häufig erschienen Artikel von ihm in den periodischen jüdischen Blättern. Seine „Erinnerungen", die ein schönes Kulturbild aufrollen, begannen in der Wiener „Jüd. Lehrerstimme" zu erscheinen, wurden aber nicht zu Ende geführt, da das Blatt einging, aber die Handschrift ist in seinem Nachlasse vorhanden und wird wohl auch ans Tageslicht gezogen werden. Selbständige Schriften haben wir leider wenig von diesem begabten Mann erhalten; nicht an Fleiß und Stoff hat es ihm dabei gefehlt, sondern er scheiterte daran, daß er keinen Verleger fand, der ihm die Werke drucken sollte. Immerhin ist ein Heft „Vier Reden" von ihm erschienen, das seinem vorhin genannten Schwiegervater zu seinem 25jährigen Rabbinerjubiläum gewidmet ist. Viel stärker ist ein Heft (1895), das Ansprachen und Reden für die Festtage enthält; diese Reden zeichnen sich durch schöne Sprache und Gedankenreichtum aus; offenbar wurden sie auch gefällig vorgetragen und verfehlten ihre Wirkung nicht. Ein Heft, „Die Haftaroth", ihrem Inhalte nach dargestellt (1896), kann in der Schule und selbst auf der Kanzel gut verwertet werden. In gleicher Weise suchte er dem etwas mangelhaften Wissen der Zeitgenossen durch seine „Deutsche Haggadah" beizukommen (1900), ein Buch, welches in der Tat den ganzen Gegenstand volkstümlich faßbar macht. "Sein größtes und reifstes Werk ist aber „Beiträge zur Wissenschaft des Judentums" (1913), in welchem 17 Abhandlungen verschiedener Themata vereinigt sind; wir sehen in ihnen den vollgültigen Beweis, wie Rabbiner Dr. S. Friedmann auch mit den schwersten Problemen fertig werden konnte. Mögen diese anspruchslosen Ausführungen dazu beitragen, das das Andenken eines lieben und verdienten Mannes in unserer Mitte hochgehalten werde. Seiner Heimat entrissen, liegt-er nun bestattet in unserem Boden; wir wollen, wir dürfen ihn nicht vergessen, ihn, der für unsere Gemeinschaft gelebt und gewirkt hat. Prof. S. Kr aus s. Seidenhaus K UN STADT Wien I., Flei§«jhmorki Nr. 26 EröBtES SpBZialhaus aller Qualitäten Seidenstoffe für Kleider und Futter» Herrliche Brokate, Crepe de Chine, Crepe Maroquins etc., zu staunend billigen Preisen ■ ' ' " Telephon Nr. 79.201 und 79.202 —-—--

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