Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 22 (30.5.1924)
- Date
- 1924-05-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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WAHRHEIT Deutschösferreicltische Wochenschrift ittr jüdische Interessen mt flem Beiblatt; Veröffentlichungen der „Union tieufschösterreichischer Juden* Redaktion und Administration: Wien II., HeinesirofieilS. - Fernruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 30. Mai 1924. Nummer 22 Sepilira. Von Dr. M. B a u e r. III. Nach dem heiligen Lande lenkt die Sephira; den Blick aiinserer Seelen-, dbrthini, wo einst die Schwielenhand des Landmannes. den Bodien gelockert, das Saatkorn, gestreut und dlie erste Frucht seiner Arbeit, den ersten, Ertrag des Landes als Omergabe dem Ewigen dargebracht-hat. Die einstige Freudigkeit o'b dies geheiligten, Besitzes war im Laufe der Zeit der Trauer gewichen, die* den jüdischen Elternherzen bereitet wurde durch das Sterben der Jünger des Rabbi Akiba auf ebenr demselben heiligen Boden, in eben demselben heiligen Lande, in Palästina. Wie Licht und Schatten, so wechselten freud- und leidvolle Gefühle, Lust- und Schmerzempfindiiiingen, und das empfindsame jüdische Herz erwies sich als ein überaus guter Boden für die Bewahrung von Trauer und Wehmut, geweiht durch alte, heilige Erinnerungen, die im Laufe der Jahrhunderte nicht verblassen konnten. Am Ende dies elften Jahrhunderts zog es die europäische Menschheit wieder zur jüdischen Heimat, zum Boden der einstigen1 jüdischen Größe hin1. Für das Judentum brach eine Zeit am, -in der die E ri n n e r u n g an Trauer, und' Wehmut eine nachhaltige Förderung erfahren durch die W i r k 1 i c hkei t, die mit grimmiger Wut hereingebrochen. Es kam eine Zeit voll Schrecken und Erhabenheit, voll Ver:zweiilung und Seligkeit, eine Zeit, in der unsere Altvorderen „leichter" waren *als die Adler und stärker als die Löwen, um den Willen ihres Schöpfers zu tun." — Die europäische Menschheit meinte, die Heilswahrheiten ihres Zeichens erst mit jüdischem Blute besiegeln zu müssen. Es erfolgte der erste Anlauf z>u einem Kampfe zwischen dem Christentum und dem Islam, welcher in der Geschichte der Juden ein bluttriefendes Blatt einfügte: Die Zeit der Kreuzzüge. Eiro hliinder, blutiger Wahn hatte die Kreuzzügler veranlaßt, zuvor mit dem Blute der Brüder dessen^sich zu weihen, dessen Grab aus' den Händen der „Ungläubigen" zu retten sie mächtig idlahin zogen. Barbarei und! Fanatismus feierten ihre Orgien und Israel lag als Opferreiche auf dem blutgetränkten' Boden. Eine rhärtyrerreiche Zeit war angebrochen, namentlich für die deutschen Juden:, die bis dahin in Glück und Wohlstand, in Achtung und Ehren gelebt hatten, -ausgestattet mit Privilegien, eingeräumt von dien Bischöfen, von' dien Kaisern bestätigt. Von Franko reich und Flandern, wo die Judeni nicht weniger als die Christen litten, weil die „heiigen Wailbrüder" gleichmäßig plünderten, wälzte sich die Schar der Kretizzügler nach den deutschen Gauen, wo infolge Abwesenheit Kaiser Heinrich IV. die unbändigste Anarchie herrschte. Es war das 1096 d>. g. Z., 4856 n. E. d. W., die deutschen und nordfranzösischen Juden waren damals gerade voiier Messiashofinungen. Ein Mystiker hatte ausgerechnet, der Sohn Davidswerde sich gegen Ende des je 19 Jahre umfassenden 256. Mondzyklus, zwischen dem Jahre 4856 und 4864 offenbaren und die zerstreuten Söhne Judas nachdem gelobten Lande führen. 256=131 im Buchstabenworte des hebräischen Alphabets, Ranu, seinem Wortsinne nach: Jubelt! Im Hinblick auf die Schriftstelle: Ranu le Jakob simchok (Jcremia 31, 7) wurde an diese Zahlen- und Wortbedeutung angeknüpft, und die frühesten Hoffnungen wurdtn in dieses Jahr versetzt. Bezüglich der Jahreszahl UDD (856) wies man auf die Schriftstelle (Leviticus 25,24) hin: lDnn rfrStt Befreiung sollt ihr dem Lande gewähren. Alles vereintilgte sich also, um sich den kühnsten; süßesten Erwartungen hinzugeben. Die Zeit der Befreiung naht, verbrieft durch das heilige Bibelwort: Grund! genug, sich zu freuen und zu jubeln. Doch es kam anders. „Die Harfe ward mir zur Trauer und die Schalmei zur Stimme der Wr einenden," konnte das Judentum ausrufen; aus der Geulah ward die Gezerah von Tatnu. Weinen und Wehklagen erfüllten die Städte Trier, Speier, Worms, Mainz, Köln usf. gerade in den. Wochen z w i s c h e n Pessac h u n d Schabuoth, eben in d e n S e p h i r a t a g e n. Ergreifend sind; die Schiilderungen der Greuel, die zur vermeintlichen höheren Ehre Gottes verübt wurden^ bei den Dichtem der Jozeroth für die Sabbate vom Pessach bis Schabuoth. Ein Martyrium sondergleichen zieht da an unserem geistigen Auge vorüber. Männer und Frauen, Jung und Alt geben sich selber den Tod; bevor sie sich zur Taufe, mit der sie ihr Leben retten konnten, zwingen Hießen. Samuel ben Jechiel in Werlinghofen (bei Köln) schlachtete seinen schönen, kräftigen Sohn« mitten im Wasser, sprach den Siegen dazu und das Opfer fiel mit „Amen" ein, während' die Umstehenden ihr „Sch'ma Jisroel" anstimmten und sich ins Wasser stürzten. Nach der verzweifelten Tat reichte der Greis einem anderem Jüngling d'as Messer und ließ sich von ihm töten. Isak Hale-wi, den. die Wallbrüder gemartert und in der Betäubung getauft hatten, begab sich, nachdem seine Wundleo geheilt waren, nach Köln in sein Haus, bestellte dasselbe und stürzte sich dann in den Rhein. Am Erew Schabuoth drangen die Kreuzfahrer in. Kohr ein. Die 'menschlich gesinnten Bürger nahmen sich deT Juden