Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 19 (9.5.1924)
- Date
- 1924-05-09
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 12 DIE WAHRHEIT Nr. I£ alles hat feiertagsmäßiges Aussehen, der große Saal ist bis auf das letzte Plätzchen besetzt. Alte und junge Männer ünd Trauen und insbesondere viele Jünglinge sitzen da und beten aus der Hagadah. Es haben sich Gruppen gebildet. Für jede wird ein'eigener Seder gehalten. Auf allen Gesichtern lese ich eine Befriedigung, die auch mich freudig bewegt. Ich gehe in die anderen Säle und genieße dasselbe schöne Bild wie im ersten Saal. Dazu kommt aber noch etwas Besonderes. Eine lange Reihe von Tischen ist ausschließlich von Kindern besetzt. Ich befrage einen der anwesenden Herren vom Vorr stand der „Einheit" wegen dieser Kinderversammlung. Da höre ich, daß während des ganzen Winters an jedem Freitag- Abend eine Gratis-Ausspeisung von je 50 Schulkindern durchgeführt worden war. Das geschieht auch an den Sederabenden. Herr Professor Antscherl würzt die Feier durch eine Ansprache an die Kinder. Mein freudiges Interesse an allem, was ich sehe, veranlaßt den Vorstand, mich näher zu informieren. Es ist auf Wunsch der Verwaltung der beiden Landesgerichte und des Jugendgerichtes während der ganzen Pessachtage von der „Einheit" das Essen an jene Häftlinge geschickt worden, welche Pessachkost verlangten.— Der genannte Herr schildert weiter, wie sich der Vorstand die größte Mühe gegeben hat, um alles pessachmäßig in Stand zu setzen und daß er insbesondere darauf bedacht war, durch niedrige Preise auch dem Minderbemittelten das Halten des Pessachs -zu ermöglichen. Eine sehr große Zahl Bedürftiger erhielt ganz unentgeltlich das Essen. — Fürwahr, eine Anstalt, die so echt jüdisch, die so hervorragend wohltätig wirkt, verdient, daß ihre Arbeit kräftig unterstützt werde. U. W. Der Brigittenauer humanitäre Unterstützungsverein „Chesed luanijim" hat auch heuer eine großzügige Pessachaktion zugunsten armer, notleidender Juden, deren es im 20. Bezirke leider so viele gibt, veranstaltet. Mehrere Familien und Einzelpersonen wurden mit größeren Geldbeträgen und Mazzoth beteilt. Daneben hat der Verein im Restaurant des Herrn Michael Sternbach, XX., Jägerstraße 2, die beiden Sedera"bende arrangiert. Es wurden an jedem derselben 100 Personen, Männer und Frauen, an einer festlich gedeckten Tafel auf das reichlichste bewirtet. Am ersten Festabend begrüßte der Obmann des Vereines, Herr Tempelvorsteher Eugen Hir s ch 1, seine Gäste, worauf Herr Nathan Chamaid-es in einem Vortrag die Bedeutung des Festes erörterte und den*Seder zelebrierte. Am zweiten Abend richtete der Präsident des Tempelvereines, Herr Hermann Eltbagen, an die Teilnehmer eine schwungvolle Ansprache, worauf Herr Ch i g e r den Seder gab. — Um das Zustandekommen der Aktion haben sich Herr Alois Graftmann, Frau Rebekka Schäller und Restaurateur Sternbach ganz besonders verdient gemacht. Probevorträge. Heute, Freitag, den 9. Mai, 6 Uhr 45 Min. abends und Samstag, den 10. Mai, 8 Uhr 30 Min. vormittags finden im Großen Leopoldstädter Tempel Probevorträge des Herrn Oberkantor Benzion Josef Linetzky aus Budapest (Tabaktempel) statt. Verlobung. Fräulein Risa Freund, Tochter des Beamten der Wiener Chewra Kadischa, Herrn Daniel Freund, hat sieh dieser Tage mit Herrn Leopold Rennert in Karlsruhe verlobt. Das Ende einer Tragödie. Der Tod Beilis weckt Erinnerungen an eines der vielen dunklen Blätter in der Geschichte des zaristischen Rußland. An einem Frühjahrstag 1911 wurde in der Saizewschen Ziegelei in Sagorowschtschina die, Leithe des Knaben Justschinsky gefunden und zugleich der in der Ziegelei beschäftigte Mendel Beilis beschuldigt, an deiiii&naben einen -Ritualmord begangen zu haben. Er wurde in Kiew in Untersuchungshaft gesetzt. Obwohl man eine gewisse Wjera Tscheberiak der Tat verdächtigte, blieb sie auf freiem Fuß, während man im Jänner 1912 gegen Beilis die Anklage auf „Mord aus religiösem Fanatismus -zu rituellen Zwecken" erhob. Im Juni 1912 wurde eine neue ergänzende Untersuchung angeordnet, die der Staatsanwalt Maschkewitsch zu leiten hätte. Sie dauerte ein Jahn Eine zweite Anklageschrift wurde aufgestellt und einer aus denselben Personen wie der ersten zusammengesetzten Gerichtskammer unterbreitet. Der, Referent Rystow, ein enragierter Antisemit, erklärte nach eingehender Untersuchung des Falles, daß die Anklage gegen Beilis nicht aufrechtzuhalten sei. Ihm schlössen sich andere Mitglieder an. Mit einer Stimme Majorität wurde der Anklageakt bestätigt, Der Beginn des Prozesses wurde auf den 8. Oktober 1913 festgesetzt. Die Geschworenen sprachen den Angeklagten frei. Der Prozeß hatte in der ganzen Welt Aufsehen erregt. Nach seiner Enthaftung zog Beilis mit seiner Familie nach Palästina. Für. seinen Lebensunterhalt war durch Geldsammlungen gesorgt worden. Dr. M. G. Todesfall. Sonntag, den 4. d. M. wurde Herj Medizinalrat Dr. J. Samuely zu Grabe getragen. Das hohe Ansehen, das der Verstorbene wegen seiner! hervorragenden Eigenschaften genoß, kam so recht durch die außerordentliche Beteiligung beim Leichenbegängnisse zürn Ausdrück. Die große Zeremonienhalle konnte die unübersehbare Zahl der Leidtragenden kaum fassen. Rabbiner Dr. D. F e u c h t w ä n g hob in seiner Rede, die alle Anwesenden zu Tränen rührte, hervor, daß der Hingeschiedene als leuchtendes Beispiel gottgefälligen Lebenswandels gelten könne. Auf wenige sei der Satz: „Liebe Deinen Nebenmenschen!" als Leitwort des ganzen 'Lebens so gut anzuwenden wie auf Dr. Sämuely, denn dieser liebte seine Nebenmenschen und opferte sich für sie. Nachdem der' Sarg von der Estrade gehoben worden war, sprach Präsident Prof. Dr. Pick namens der Kultusgemeinde ,dem Verewigten Worte des Dankes für dessen außerordentlich ersprießliche Tätigkeit aus und versicherte, daß das Andenken an diesen so verdienstvollen Mann niemals verlöschen wird. Univ.-Prof. Dr. Julius Zappert nahm für die B.-B.- Loge „Eintracht", deren unermüdlich treibende Kraft Doktor Samuely war, von dem Hingeschiedenen schmerzbewegt Abschied und gab dem Gelöbnisse Ausdruck, daß sein Wirken bei seiner Kollegenschait die unermüdlichste Fortsetzung finden werde. Hierauf sprachen Präsident J. W a c h t e 1 namens der jüdischen Wohlfahrtsanstalten und Präsident Dr. J. O r nstein für die „Union deutschösterreichischer Juden", deren Präsident und langjähriges verdienstvolles Vorstandsmitglied 'der Verstorbene war, und schilderte in. tiefer Ergriffenheit die hervorragenden Leistungen Dr. Samuelys. Wahrhaft rührend war es, als Kultusvorsteher J. Schwarz, im Namen der „Heimstätte" (Max Springersches Waisenhaus) und der den Sarg umstehenden Zöglinge dem Hingeschiedenen Worte des Dankes und Abschiedes sprach. Der Name Dr. Samuely wird mit der Geschichte dieser echt jüdischen Heimstätte verwaister Kinder, die in dem Verstorbenen ihren zweiten Vater verlieren, immerdar unlösbar verknüpft bleiben. Die Bahre des Hingeschiedenen wurde von seinen Freunden zur letzten Ruhestätte getragen, wohin sich der endlose Zug bewegte. Die kantoralert Funktionen versahen Oberkantor M. B. Kauffmann und I.. Kantor. L.. Funke unter großer Chorassistenz. Besonders ergreifend gestaltete sich der Schluß der Trauerkundgebung, als einige Knaben der ^.Heimstätte" für den ohne männlichen Erben Verblichenen das Kaddisch- Gebet verrichteten. Kpscherfleischbank in Währlng. Die Etablierung einer unter Aufsicht des Rabbinates der Wiener Kultusgemeinde stehenden Geschäftsfiliale der altrenommierten Großfleisch- 'bankfirma S. Kornmehl, Wien IX., — im 18. Bezirk, Währingerstraße 97, hat bewiesen, daß dadurch einem langgehegten Wunsche der jüdischen Bevölkerung dieses Bezirkes entsprochen wurde. Der stets geltende Wunsch der Firma Kornmehl, ihren Konsumenten nur das Vorzüglichste zu bieten, wird auch in ihrem Filialgeschäfte eingehalten. Kunden aus dem 19. Bezirk wird Fleisch auf Wunsch ins Haus gestellt. •BaBaaaaaaaaaaaaaBaBasaaaaaaa Ergstes Spszialhaus aller Qualitäten j Seidenstoffe ffQr Kleider und Futter. Herr- I liehe Brokate, Crepe de Chine* Crepe Harb- 3 quina etc.. zu staunend billigen Preisen 1 -:-— Telephon Nr. 79.201 ujid 79.5I02 ' .' ' . aaaa*Maaaaaaa«aa«BBB«aBBaaaa ■aaaBaaaaaaaaaaaaaaaaaBa