Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 19 (9.5.1924)
- Date
- 1924-05-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Dcutschösferreictmclie Wochenschrift fOr fOdisdie Interessen m dem Beiblatt: YeröifenUidiönöen der „Union denfscMsferreiddsdier Juden* Redaktion und Administration; Wi^pi II.. HelnesiraAe 13. - Fernruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 9. Mai 1924. Nummer 19 Ist die „Hakoah" zionistisch, ist sie überhaupt noch judisch? Von Rudolf Seiden, Mödling. Den nachfolgenden Artikel, für den der Verfasser in allen Punkten die Verantwortung übernommen hat, übergeben wir hiermit der Öffentlichkeit. Er wirft grelle Streiflichter auf die Vorgänge innerhalb der Sportvereinigung „Hakoah", die sich offenbar nur als solche fühlt und gehabt. Daß sie wiederholt — trotz Versprechen ihrer Führer — jüdische Belange verleugnet, ist eine bekannte Tatsache, daß sie als zionistische Vereinigung es ebenso mit zionistischen Belangen tut, wird durch die folgenden Anklagen erhärtet, die dadurch wesentlich an Interesse gewinnen, daß sich der Verfasser selbst zum Zionismus bekennt und durjh Jahre in der Bewegung tätig ist-, bzw. war. Nachdem . . kaum anzunehmen ist, daß eines der vielen Parteiblätter seiner Anklage Raum geben würde, fühlen wir uns als neutrales Blatt hierzu verpflichtet. Die^ Angelegenheit dürfte für die „Hakoah" nicht ohne Weiterungen bleiben. Obwohl ich selbst nicht orthodoxer Jude bin, begreife ich vollkommen die Erbitterung, die aus dem Artikel des Herrn M. Grünfeld (in einer der letzten Nummer der „ J ü d i s c h e n W ö c h e ns c h r i f t") spricht. Es ist ein Skandal, daß Männer, die bei der „Hakoah" und in der zionistischen Bewegung führend sind, zügeben, daß immer wieder Beschlüsse, die für sie bindend sein müßten, unbeachtet bleiben, ja diese Führer gehen bei diesem Außer-Acht-lassen beispielgebend voran. In Gelübden, mit schönen, leeren, scheinbar bewußt leeren Phrasen versprechen sie bei irgend einer Gelegenheit alles Mögliche, alles „Gute" und „Edle", um alsbald wiederum in ihre gewohnte Praxis zurückzukehren. .... Vor einigen Monaten erhielt ich vom Jüdischen Natiohalfönds, in dessen Landeskommission ich im Vorjahre als Vertreter der Provinz delegiert war, den Auftrag, in der Eigenschaft eines Organisationsreferenten alle Schritte zu tun, die mir im Interesse des Ausbaues dieser Institution als notwendig erschienen). Mein erstes Vorhaben! war, die „Hakoah" als die größte „zionistische" Vereinigung Oesterreichs an ihre Pflichten* insbesonders dem Jüdischen Nationalfonds gegenüber, zu erinnern. Ich schrieb an die Ver einsleitung. Tiefes Schweigen. Ich urgierte nachdrücklichst und erklärte, die Angelegenheit vor das Parteigericht zu bringen — und das wirkte, scheinbar: Ein Herr vom Präsidium, ich glaube der Generalsekretär, erschien im J. N. F.¬ Büro und v e r s p r a c h — das Versprechen haben die Hakoahner heraus! — Besserung, Sühne: das Kontingent der „Hakoah" sollte bis zurrn zionistischen Parteitag an den J. N. F. abgeliefert werden. Es blieb natürlich beim leeren Versprechen. Ich hatte daraufhin, am 1. Dezember 1923, in einem rekommandierten Schreiben an den Partei-, anwalt Dr. D. Friedmann die Klage gegen die „Hakoah" erhoben, insbesondere wegen der Vernachlässigung ihrer Pflichten, die sie — wie jeder andere zionistische Verein — dem J. N. F. gegenüber zu erfüllen hätte, so in puncto Kontingent und ganz besonders bei der Abführung von lOProzent der Einnahmen ausdem Verkauf der Karten bei Veranstaltung gen. Diese Kartensteuer ist bekanntlich obligatorisch. Die „Hakoah" schert sich nicht darum — weder bei ihren vielen Redouten, noch bei ihren Wettspielen. Ich aber stehe auf dem sicher berechtigten Standpunkt: wenn die „Hakoah" zionistisch ist, muß sie alle zionistischen Pflichten erfüllen, afuch die materiellen. Es gibt keine Argumente, die das Verhalten der „Hakoah" dem Kerem Hajessod*) oder J. N. F. gegenüber erklärlich machten, Stadtrat Breitner schenkt den Fußballern die Abgabe, die ein Vielfaches der J. N. F.- Steuer ausmacht, auch nicht — die wird bezahlt, ohne Ausreden, weil die nicht gelten .... Ich will heute in dieser Sache nicht mehr sagen. Es gibt eine Menge Vorfälle, die zu besprechen wären. Ich behalte mir vor, darauf zurückzukommen, wenn die unten stehenden Anfragen nicht befriedigende Erledigung finden. Denn es erscheint mir notwendig, im Interesse der Reinheit und Ehrlichkeit des Zionswillens, daß die Masken gewisser Führer gehoben, der Nimbus manch einer Organisation genommen werde. Diese Aufgabe will ich mir stellen; sie ist schwer und groß, viel Feindschaft einbringend, aber sie ist notwendig. Solange der Zionismus von denen, die sich Zionisten nennen, nur im Munde geführt wird, solange wird er nicht verwirklicht werden. „H i p p - h i p p, Hurrah!" und Palästinareisen, Gelübde und Phrasen bringen uns dem Ziel n i c h t n ä h e r, nur Ernst und Ehrlichkeit md — Pflichterfüllung, auch von Führern und führenden Organisationen. Solange es unzionistische, unjüdische Zionisten gibt, haben wir Zionisten kein Recht, von de» außer- *) Im Vorjahre zahlte etwa ein Dutzend von den 30 00 Mitgliedern des Vereines den sogenannten „Maasser" (Keren-Hajessod-Beitras)!!!