Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 14 (4.4.1924)
- Date
- 1924-04-04
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 14 DIE WAHRHEIT Seite 11 -* ist es, daß die jüdischen Deutschamerikaner sich in ihrem patriotischen Entschluß, den armen deutschen Kindern zu helfen, durch kemerlei völkische Hetze wankend machen lassen. Vom „jüdischen" Bolschewismus. Vor kurzem besprachen wir das Buch „Tiere, Menschen und Götter" von Dr. Ferdinand Ossendowski (Frankfurter Sozietätsdruckerei), das Aufsehen machen mußte. Sprach doch aus ihm eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe und Darstellungskunst. Neugierig stürzte sich so mancher auf das Buch und war diesmal nicht enttäuscht. Es fesselt sehr und erweitert den Gesichtskreis. Jeder kann aus ihm lernen. Es bietet dem Politiker, Theologen, Psychologen und Ethnographen viel Neues. Meisterhaft ist u. a. die Gestalt des Baron Ungern von Sternberg gezeichnet. Er war ein namhafter Führer der i,Weißen" gegen die „Roten", d. h. Bolschewisten. Er wurde von ihnen schließlich gefangen genommen und hingerichtet. Mehr dürften die meisten von ihm nicht wissen. Dabei war er einer der merkwürdigsten Menschen. Er jagte Entsetzen ein und erregte Rührung. Sein geheimnisvolles Wesen flößte kaltes Grauen und bewundernde Hinneigung ein. Man hätte ihn fliehen mögen und fühlte sich in dem Bannkreis, den dieser bedeutende Mensch um sich zqg, wie gelähmt. Er war Buddhist und ließ dennoch seine 'Gegner mit Bambusstocken totprügeln. Er war weich und unbeschreiblich grausam. Er hatte eine gediegene philosophische Bildung, an der er ständig weiterarbeitete, und war gleichzeitig allen mystischen Einwirkungen preisgegeben. Er war scharfsinnig und t hatte ein klares Urteil über Menschen und Üinge, glaubte aber auch an Zauberer und Wahrsager. Seine größte Leidenschaft war sein Haß gegen den Bolschewismus. Sobald er jemand begegnet war, der bolschewistisch angehaucht war. machte er ihn erbarmungslos nieder. Wenn die Rede auf den Bolschewismus kam, geriet er außer sich und in Tollwut. Den Kampf gegen den Bolschewismus betrachtet er als heilige Aufgabe eines jeden, der Anspruch erhob, als Mensch zu gelten. Hätte nicht dieser Feind der Bolschewisten ein Feind der 'J uden sein müssen, wenn die antisemitische Behauptung, daß sich der Bolschewismus mit dem Judentum decke, zutreffend wäre? Doch Baron .Ungern von Sternberg erklärt, daß ihm bei der Bekämpfung des Bolschewismus Juden gute Dienste leisteten. Sie seien geschickt und kühn und ihm in Freundschaft ergeben. Er hebt einen jüdischen Offizier hervor, welcher den rechten Flügel seiner Armee befehligte. Vulfovitsch: Er ist wild wie der Teufel und dabei klug und tapfer. Die Deutschvölkischen werden wohl kaum bezweifeln, daß Baron Ungern von Sternberg besser als sie über die Anhängerschaft des Bolschewismus Bescheid wußte. Aber es ist ein trauriges Zeichen für die Unbildung so vieler unserer Zeitgenossen, daß bei ihnen die Albernheit, Judentum und Bolschewismus seien gleichbedeutend, Glauben findet. Das heiße deutsche Herz. Man soll die sogenannten „Familienblätter" nicht unbeachtet lassen. Die Gesinnung, die darin gepflegt wird, die Auffassungen, die darin vertreten werden,, sie bilden jene Hunderttausende, vielleicht Millionen von Philistern und Spießbürgern, jene kompakte Masse aus Borniertheit und Sentimentalität, aus falscher Sehnsucht und Biertisch, kurz jenen Gartenlaubentyp, der die Welt nicht begreifen kann und der den deklamierenden Narren für einen Helden hält. Diesmal aber ist es das „Daheim". In dessen Nr. 24 wird zum Hitler-Prozeß geschrieben: „Mit Spannung und mit Trauer folgt der größte Teil des deutschen Volkes dem Gange des Prozesses in München. Deutsche gegen Deutsche. Das alte Lied. Immer wieder klingt aus den Verhandlungen wie ein Schrei auf: „Ich habe das Beste gewollt — ich habe das Vaterland retten wollen." Und man muß diesen Schreien glauben: man glaubt ihnen, weil man selbst in hundert wehen, wachen Stunden sich das Hirn zermarterte: wie kannst du etwas beisteuern zur Rettung der Heimat aus der Tiefe, zur Erlösung aus den Wirren und Krämpfen dieser Zeit? Man versteht, daß sich die Männer mit dem heißen deutschen Herzen, die nun in München auf der Anklagebank sitzen, zusammenfanden, daß sie schließlich in der Hochspannung der Nerven zu einer Tat drängten, die, ihrem innersten und ehrlichsten Hoffen nach, dem Vaterland den Weg nach oben freimachen sollte. Man versteht . . ." Ich habe das Beste gewollt, ich habe das Vaterland retten wollen! Ach, wenn diese Romantiker der guten Stube doch lernten, daß bestes Wollen und Vaterlandretten durch sie am ehesten gelri^cn Stcnurl?cvfcm Gummi&bs&faze "Sohloiv Sic schüixett vorN&yye K&Hett.Ermudutifi. leistet würde, wenn jeder von ihnen an seinem Platz eine nützliche Arbeit verrichtete: Rechnungen ausschreiben, Heringe verkaufen, Strümpfe stopfen, Kinder warten, Logarythmen pauken, Furunkel öffnen, Bier brauen. Wenn's sein muß, kann dann ja am Abend noch der Trompeter von Säckingen aus dem Grammophon die Seele trösten. Besser wird es mit Deutschland jedenfalls erst werden, wenn der letzte deutsche Spießer im letzten deutschen Familienblatt eingerollt zum ewigen Schlaf gegangen sein wird. Die panislamitische Bewegung. Die „Vossische Zeitung" bringt unter der Ueberschrift: „Husseins Kampf gegen den Zionismus" aus London folgende Nachricht: Der König der Hedschas, Hussein, hat als ersten Akt seines Kalifats die Einberufung eines panislamitischen Kongresses nach Mekka angekündigt. Dieser Kongreß soll über die Mittel und Wege beraten, um den Kampf der Araber in Palästina gegen den politischen Zionismus zu organisieren und finanziell zu unterstützen. Die Legende von der Ostjudeninvasion. Der Legendenbildung über die Ausländerinvasion (lies: Invasion der Ostjuden) machte der deutsche Innenminister in seiner Beantwortung einer Interpellation G r a e f (Thüringen) ein Ende. Der Minister bezeichnet es als eine erhebliche Uebert r e i b u n g, daß dieser sogenannte Menschenschmuggel einen „erschütternden" Umfang angenommen habe. „Nach sicheren Unterlagen wird es sich im ganzen um höchstens 1000 Personen handeln. Und es ist sicher anzunehmen, daß von diesen 1000 Ostjuden bei der Aenderung der Verhältnisse etwa zwei Drittel das Land wieder verlassen haben: in Groß-Berlin z. B. hat sich ihre Zahl auf etwa ein Drittel v e r r i n g e r t; im Ruhrgebiet befinden sich höchstens nur noch tausend dieser Einwanderer." Daß die Deutschvölkischen sich mit diesem Bescheide zufrieden geben würden, war nicht zu erwarten. Die „Deutsche Tageszeitung" stellt eine weitere mündliche Auseinandersetzung über .diesen Punkt mit Severing im preußischen Landtag in Aussicht. Nichts ist den Herren so unangenehm und unerwünscht, wie die Wahrheit, die mit Zahlen und Daten ihr Hetzwerk stört.