Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 14 (4.4.1924)
- Date
- 1924-04-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT DenfschOsferrelchlsche Wochenschrift fflr indische Interessen üii dem Beiblatt; ¥erOttenflldinn$en der ..Union dentschOsferreUhisdier Juden* Redaktion und Administration: Wien 11.» HeinesiraOe 13. - Fernruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 4. April 1924 Nummer 14 Unsere Pessachnummer Doppelnummer In btfcBtenö cracittttem Hin finge und vcrmeortw Haftete am 18. Rpril erscbtiBcn Der Nationalsozialismus — eine Niete! r Von Gerhard Seger, Berlin. Aus der Feder eines Herrn Gottfried Feder ist ein Buch erschienen, das den anspruchsvollen Titel führt: „Der deutsche Staat auf nationaler und sozialer Grundlage, neue Wege in Staat Finanz und Wirtschaft." Es enthält das staatliche Zukunftsbild des NatioiriiailsöziiailiSirriiUis. Würde nun eine Kritik von gegnerischer,, z. B. soziaiistifecher Seite geschrieben, so würde süe von allen Andersdenkenden als ^marxistisch" abgelehnt werden. Es ist deshalb sehr schön, daß die ganze Hohlheit, Oberflächlichkeit und Undiurchführbarkeit dieses Hitlerschen Programmes vom eitnier Seite aiufgezeügt wird, die Äler sonst sehr nahe steht. Die Erledigung des Federschen Buches ist so gründlich besorgt worden, daß man nur nötig hat sie zur Kenntnis zu nehmen und entsprechend zu verwerten. In der „Norddeutschen Rundschau", einem in Bremen erscheinenden rechtsradikalen Organ, finden sich in den Nummern vom 4. und 5. März zwei Artikel des bekannten Breslauer Üniversitätsprofessors Freiherr vom Freytag-Lorimgtoven, der seit Jahr und1 Tag zwar von der identischen Republik Gehalt annimmt, aber sie dafür in Formen bekämpft, die in keinem anderen Lande der Welt geduldet würden. Die Artikel sind überschrieben: „Der Zukunftsstaat der Nationalsozialisten" und stellen in ihrer Ausführlichkeit durchaus eine grundsätzliche Stellungnahme des Staatsrechtslehrers dar. Der völkische Verfasser erweist selbstverständlich zuerst dem Nationalsozialismus seine Reverenz; die „unbestreitbar großen Verdienste um seine engere — bayerische — Heimat und mittelbar um das Reich" beständen darin, daß er den vaterländischen Gedanken in den Massen wieder geweckt und1 den völkischen Gedanken verbreitet habe. Das habe ihm warme Sympathie in allen nationalen Kreisen verschafft, aber es fehle ihm die nötige Selbstbesoheidung, er beanspruche in der nationalen Front die Führung und bekämpfe alle, die sich ihm nicht unterordnen wollten. Nun begibt sich der völkische Professor an den Nachweis, daß Herr Hitler und sein Programm zu Unrecht die Führung beanr spruchen. Zunächst stößt den Herrn Professor ab, daß das Buob eine Menge grobe Schnitzer enthalte; von einem Programmbuch einer nationalen Bewegung müsse man doch erwarten, daß es „mit Ernst und Sorgfalt geschrieben, wissenschaftlich fundiert und nicht bloß auf Tagesaktualität berechnet" sei. Wie naiv von dem Herrn Professor! Wo soll bei einer Bewegung, die einen Ludendorff und Hitler zu Führern hat, wissenschaftliche Fundierung herkommen, bei Leuten, die der deutschen Geschichtswissenschaft den geschmacklosen und blödsinnigen Schwimdleitroman „Die Weisen von Zion" afei Ernstes ailjs Qe&cta'dhtsQuelle zu esmpfeMen? Dann stellt der Professor fest: „Ganz seltsam ist aber der Gesamteindruck. Das Bild des Zukunftsstaates soll gezeigt werden. Da erwartet man vor allem einen, sei es auch in großen Zügen gehaltenen Aufriß der Or^- ganisation der Staatsgewalt. Gerade daran fehlt es völlig. In ganzen fünf Seiten wird diese Frage abgetan, in zwei Schlagworten alles zusammengefaßt; nach außen Machtstaat, nach innen Rechtsstaat. Aber wie beides erreicht werden soll, bleibt ungesagt." Hier haben wir aus völkischem Munde ganz klar das Zugeständnis und das Urteil, daß der NationaisozM&imus nli'dbts weiter als ein Samimeisuiriuim von Schlagworten ist Der Herr Staatsrechtslehrer ist weiter peinlich berührt davon, daß dler Verfasser des nationalsozialistischen Programmes alle entscheidenden Probleme des Staatsrechtes gar nicht -sieht; weder nimmt er Stellung zu der Frage „Republik oder Monarchie?" noch zu der Frage „Zentralismus oder Födleratiisirrijus?", für d)en tüchtigen Herrn Feder existieren entweder alle diese Fragen nicht oder er übersieht sie absichtlich, weil der Nationalsoziailißimus eiine Konjiunktursache ist und alle Möglichkeiten im Sack behalten will. Dann schreibt der völkische Kritiker: „Aber wenn man alle diese Probleme mit Stillschweigen umgangen sieht, erwartet man mit um so größerem Recht gerade von einer nationalsozialistischen Programmschrift die völlige Lösung einer anderen Frage, nämlich der, wie denn dem neuen Staat der völkische Charakter aufgeprägt werden soll oder, praktisch ausgedrückt, wie man es anfangen will, Deutsehland den Deutschen zu sichern und die Vorherrschaft der Juden zu beseitig gen." Da kommt der völkische Kritiker zu einem