Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 9 (29.2.1924)
- Date
- 1924-02-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Deafscliösferreicliisclie Wocliensdiriff fflr jfidisdie Interessen Nif dem BeiMatt; YeröttenUidrangen der ..Union dentschösferreidilsdier Jaden Redaktion und Administration: Wien H., HeinestroAe 13. ~ Fernruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 29. Februar 1924 Nummer 9 Zahl und Gewicht. Eine Betrachtung zum Sabbat SohekaMm. von Rabbiner Dr. M. Ros-enmann. Zu dem Auftrage, den Qott an Moses ergehen Heß, die Zählung des Volkes durch die Abgabe von je einem (halben) Schekel vorzunehmen, bemerken unsere Weisen, daß Oott gleichsam eine Münze, in Feuer geglüht, von seinem Throne hervorholte, sie Moses zeigte und! sprach: „Dies sollen sie geben". — Die Bibel scheint gegen das gebräuchliche Zähl e,n der Volksmenge eine Abneigung besessen zu haben und gerade bei Israel wollte sie (diesen Vorgang vermieden wissen oder mindestens durch Abgabe eines Schekels geändert sehen. Als viele Jahrhunderte später König David sein Volk von Dan) bis Berseba zählen ließ, wurde er vom Propheten Gad däieserthalben gerügt und bestraft. . .. Dieser Gedanke kommt in _der Vision eines noch späteren Propheten (Hosea) zum Ausdrucke: i,Die Zahl der Kinder Israels werde sein wie der Sand am Meere, der nicht gemessen und nicht gezählt wird", sowie zweifelsohne auch in dem Ausspruch des Talmuds, ,4er Segen stelle sich nur in Dingen ein, die dem Auge verborgen bleiben44, das heißt 'deren Zahl nicht genau festgestellt wird. Ganz anders verhält sich unser Schrifttum zum: „Wägen". Oft und oft gebraucht es gerne diesem Ausdruck. Abraham „wog" dem Ephron das Geld zu (statt: zählte). Moses „wog41 wie ganz Israel (statt zählte so viel). In den Sprüchen dem Väter wird hervorgehoben, wenn man alle Weisen Israels auf eine Wagschale und einen bestimmten Gelehrten auf die andere gäbe, dieser würde die anderen „überwiegen". Und schließlich bedeutet „SchekeT hebräisch nichts anderes als „Gewicht" und der Sabbat Schekälim, der Sabbat der gewogenen Münzen. Der Ausdruck „Wiegen" drang in die Talmudische Legende ein und brachte manchen sinnigen Gedanken plastisch zum Vorschein. So wird im Talmud von Alexander dem Großen erzählt, daß er in seinem Femeredier bis an die Pforteft der Unterwelt gelangte. Er fand sie verschlossen; da schlug ^er sie mit seinem Schwerte auf und als er in den verborgenen Raum eintrat, fand er einen Menschenkopf vor. Er trug ihm ins Freie, um ihn zu w i e g e n, legte ihn auf eine Schale und auf die andere alle Kostbarkeiten der Welt. Allein der Kopf erwies sich noch immer als zu schwer und überwog alles. Da nahm Alexander ein wenig Erdenstatib und streute ihn auf die offenen Augen des Kopfes und nunmehr flog seine Schale federleicht in die Höhe. — Die Weisen wollten mit dieser Erzählung andeuten, daß, solange der Mensch die Augen-offen habe, die größte Anzahl der Erdenschätze ihm nicht genüge; kaum fallen einige Erdenstäubefoen^ auf dieselben, zähle nichts mehr für ihn und er sei wertlos. Auch hier „wägen" und nicht „zählen" im hebräischen Wortausdruck. — Sollten da nicht tiefere Motive dieser Auffassung des Judentums zugrunde liegen? Die Juden — „die wenigsten unter den Völkern4', werden sie von der Bibel genannt — sind kein Volk der Massen, sondern der Individualitäten, kein' Volk der Menge, sondern der Persönlichkeiten, kein Volk der Zahl, sondern des Gewichtes. Wie erratische Blöcke im Norden Europas auf weiten Ebenen gefunden werden, so tauchen plötzlich im Judentum einzelne Persönlichkeiten auf, für düe der gewöhnliche Maßstab der Gesamtheit als unzulänglich sich erweist, die aber als Männer vom geistigen Gewicht dem jüd&sehen Volke die notwendige innere Schwere verleihen. In diesem Sinne stellt der Talmud jedem Zeitalter eine bestimmte führende Persönlichkeit voran und meint, „daß die Lebenssonsne des einen bedeutenden Mannes nicht eher erlösche«, bevor nicht die des anderen aufgehen konnte44; in diesem Sinne spricht die Sage der Ostjuden von 36 „Gerechten", um derentwülen das Weltgetriebe erhalten werde, und im gleichen Sinne verehrte früher das. Judentum seine geistigen Männer als „Schildträger des Zeitalters" und führte die großen Gelehrten unter dem Namen der von ihnen verfaßten Werke an, so zum Beispiel wird ein Rabbiner Wiens des 13. Jahrhunderts nicht anders genannt wie „Or Zerua", „Verbreitetes Licht" und in der Gegenwart eine Koryphäe des Ostens nach dem Titel seines Buches „Ghofez Chajim", „Der Wunsch zu leben". Der moderne Trieb hat allerdings die „Zahl4' fast auf jedem Gebiete zum ausschlaggebenden Faktor emporgeschraubt und das geistig Difierenzierte wie mit einer dünnten Sandschichte zu bedecken versucht. Diese Anschauung mag für jedes Volk annehmbar sein, nur nicht für das Juden tu m. Dieses, 'eine Minderheit überall, relativ und' absolut, kann sich nur das Gewicht seiner Persönlichkeiten behaupten und dieselben zu würdigen und zu schätzen, sollte auch das moderne. Judentum im Interesse seiner eigenen Erhaltung nicht unterlassen. Eine besondere Fülle * erster Persönlichkeiten, hervorragend tätig auf den verschiedensten Gebieten, besitzt das Wiener Judentum; Individuahtäten,