Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 24 (2.12.1923)
- Date
- 1923-12-02
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 16 DIE WAHRHEIT Nr.: 24 faisser. Nacbcksm aber die beiden Druckerzeugnisse auf meinem Tisch liegen, greife ich' nach dem kleineren, es bietet mir 45 Seiten. Kleinoktav und hat zum Titel: „Letzte Lockerung", ein Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden wollen, verfaßt von dem kontinental _ berüchtigten, internationalen Hochstapler Dr. Walter S e r n e r. Das IiÄtexblatt am Schlüsse des Werikehens meldet: Die fetzte Lockerung ist das Ende ß'ller „Philosophie, Daraehsirümpfe, Gaugnis und Dada balancieren die Kaffeemühle Welt. Der Berüchtigte, Dr. Serner aus Genewe hat »die letzte Lockerung, gelockert." Ich halbe sc.hon vor Jahren Erschreckliches von der, Dadaisten gehört, aber nunmehr alle Vorstellungen übertroffen gesehen. Es ist Schicksal des Rezensenten, daß ihm gleich dem Arzt in Ausübung des Berufes vor nichts grausen darf. Anderseits gilt auch für ihn das Ultranomse. Nachdem ich die erste Seite giefcsen, mußte ich an den armen Doktor Faust in der Hexenküche denken: „Was schwatzt sie mir für Unsinn' vor — es wird mir noch der Kopf zerbrechen — mir ist als hört' ich einen Chor — von hunderttausend Narren sprechen." Diese letzte Lockerung ist offenbar eine der Schrauben im GeWirn des Verfassers. Ist es simulierte oder wirkliche Paralyse oder Paränese? Die Entscheidung läge bei -den Steinhofer Aerzten. Möglich, daß die Dadaisten einen anderen kennen, verstellen und; fordern, wie die Freimaurer der Urninge und auch für einander schreiben. Aber so groß kann die Gemeinde doch nacht sein, daß einer heute, wo das kleinste Büchlein Milüarden-Kosteri verursacht, auä die Rechnung kommt. Das zweite Buch Serners heißt „Der elfte Finger" und ist als 25 Kriminalgeschichten deklariert. Aber gar keine Spur! Der dadaistische Titel deckt eine Sammlung mehr oder weniger ekelhafter Cochonerien. So recht im Geschmack der letzten Lockerung aller Anstandsbegriffe. Spät, nachdem ich zuviel gutes Papier an diese Stilblüten vergeudet, fällt mir efn, ich hätte die Arbeit in Dadastil viel kürzer machen können. Dada Kaka. d, Verein zur Bekleidung und Unterstützung armer, alter Männer jüdischer Konfession. Der seit Jahren unter Leitung des Herrn Kultusrates J. Schwarz eifrig und segensreich wirkende Verein, dem der unvergeßliche Rabbiner der Wiener Kultusgemeiinde Dr. Adolf S c h m i d! als Ehrenmitglied angehörte, ließ dessen Gedichte, die er jeweils bei den Beklejd&ngsfesten dem edlen Zweck widmete, in^ einer prächtig ausgestatteten Sanumlung erscheinen. Das Weine, höchst schätzenswerte Bändchen, mit dem trefflich gelungenen Bildnisdes Verewigten, ist durch #eii Verlag L. O. H i r ® c h 1 e r & C o., Wien I., erhältföch. Der Reinertrag aus dem Erlös wird den hsjjjianitären Zwecken des Vereines zugeführt und ettipföehlt sich schon deshalb ein namhafter Absatz. Allgemein bilden die formvollendeten, von reichem Gemüt «und vornehmster Gesinnung zeugendien Ged&hte einen Ehrenplatz in jeder jüdischen Hausfelfcherer. Auch die im Anhang wiedergegebene Gedenkrede des Herrn Rabbiner Dr. Max G r u n w a 1 d zur Tranerfeier für Herrn Rabbiner Schmidl ist zu dessen richtiger Würdigung höchst lobenswert. m—9W——9—i VEREIN „WOHKFAHRT" (sud ab) Hervorgegangen aus dem „Komitee zur Sanierung notleidender Israelitischer Wohlfahrts-Anstalten Wiens" Wien 1., Seltensiettengasse Nr. 2 — Telephon Nr. 60432 Sektion: 1., Wipplingeratrane 21 — Telephon 66-2-98 Juden und Jüdinnen! In jahrelanger, mühevoller Arbeit haben wir dazu beigetragen, jüdische Wohlfahrtsanstalten vor dem Untergange zu bewahren. Ein Teil dieser Anstalten bedarf heute unserer Hilfe nicht mehr. Mit größerem Nachdruck können wir uns fernerhin der Erhaltung der anderen, noch immer hilfebedürftigen Institute sowie dem zweiten Teil unserer Aufgabe widimen: der ünterstützuinig verschämter Notleidender. Das Elend in Wien, zumal unter den geistigen Arbeitern, ist namenlos. Der abgebaute Beamte, der darbende Gelehrte, der brotlose Künstler, die unbeschäftigte, kranke Lehrerin, sie sehen sich dem Hungertode preisgegeben. Der einbrechende Winter findet sie ohne Heizmaterial. Hierzu kommen Flüchtlinge aus judenfeindlichen Nachbarstaaten, die in Wien einen Zehrpfenniig für die Weiterreise oder notdürftigste Zuflucht und Erwerbsmöglichkeit suchen. Ihr kennt sie nicht. Ihr seilet sie nicht. Sie verbergen ihren Jaanmervor den Auigem der Welt. Sie ziehen den Tod der Beschämung durch öffentliche Unterstützung vor. Und doch haben sie — unverschuldet in den Abgrund des Elends gestürzt — ein Anrecht auf unsere Btiiiderhiife! Wir wollen sie ihnen vermitteln. Was für euch nur Brosamen vom Tische des Satten simd, Gaben, die Ihr nicht als Opfer empfindet, durch uns köntnen sie zur Rettung von Menschenleben, zur Aufrichtung von Existenzen, zur Erhaltung der Ehre ganzer Familien werden. Juden und Jüdinnen! Helfet unis und durch uns kranken und: hilflosen Greisen und (Kindern, Taubstummen und Blinden, namhaften Gelehrten sowie aufstrebenden Hochschülern; arbeitswilligen, aber vorübergehend erwerbslosen Männern und Frauen1! Helfet, ehe es zu spät ist! Für den Vorstand: Rabbiner Dr. Max Grunwald, Präsident Bezirksrat Julius Berger, Bernhard Brauner, Hermann David, Bethausvorsteher Franz Denes, Kultusvorsteher David Dohan, Bethausvorsteher Siegmund Ernst, Julius Figdor, Moritz Freund, Paul Friess, David Goldmann, Direktor Emil Gross, Bethausvorstand Direktor Julius Haber, Philipp Haas, Isidor Herbst, Redakteur Ludwig Hirschield, E. Juszkovits, Sigmund Kornmehl, Kommerzialrat Alfred Landesberger, Direktor A. Löfkovlcs, Dr. Paul Saborsky, Moritz Öesterrelcher, S. Oesterreicher, Martin Roth, Karl Schnitzer, Ignatz Schwartz, Kultusyorsteher Isidor Schwarz, Kultusvorsteher Dr. Josef Ticho, Dr. Oskar Wagner, Michael Max Weiss, .Bezirksrat Simon Weiner, Verwaltungsrat Doktor Bruno Werner, Rechtsanwalt Dr. Walter Werner.