Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 23 (16.11.1923)
- Date
- 1923-11-16
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 16 DIE WAHRHEIT Nr. 25 schaffen für -intensive und planmäßige Fürsorgetätigkeit. Besonders dringend ist gegenwärtig der Ausbau der Jugendfürsorge. Das Kuratorium hat daher über Anregung des Kultusvorstandes beschlossen, unverzüglich an die Errichtung eines jüdischen Jugendamtes zu schreiten, welches die Aufgabe haben soll, einen ständigen Wach-undRettungsdienst für die jüdische Jugend einzurichten und unter Mitwirkung der Kultusgemeinde und im Einvernehmen mit den bereits bestehenden öffentlichen und privaten Fürsorgestellen durch rasch eingreifende Rechts-, Gesundheits-, Erziehungs- und Unterhaltsfürsorge von den jüdischen Kindern die mannigfachen Gefahren und Schäden abzuwenden, die ihnen, infolge fehlender oder unzureichender Pflege in der Tamilie drohen. Aufgabe dieser Fürsorgestelle wird es auch sein, der höchst betrübenden Erscheinung vorzubeugen, daß, wie es leider nicht selten vorkommt, jüdische Kinder durch Unterbringung bei nichtjüdischen Pflegeparteien oder durch den Erziehungseinfluß in nichtjüdischen Heimen dem Judentume entfremdet werden. Es muß dankbar anerkannt werden, daß die Kultusgemeinde sich bereit erklärt hat, die Arbeit der Zentralstelle durch eine namhafte Dotation zu unterstützen, aber eine so umfassende Fürsorgetätigkeit erfordert reiche Mittel, die nur durch opferwillige Mitwirkung der weitesten jüdischen Kreise beschafft werden können. Es ergeht daher an die jüdische Oeffentlichkeit der dringende Appell, das geschilderte Hilfswerk der Zentralstelle mit allen Kräften zu fördern, und es wird zu diesem Zwecke um Einsendung von Spenden an die Redaktion dieses Blattes oder an die Zentralstelle für jüdische soziale Fürsorge. I.. Seitenstettengasse 2 (Postsparkassenkonto Nr. 131.814) gebeten. Barmizwahfeier. Samstag, den 17. d. M., findet im Pazmanitentempel das Barmizwahfest des Studenten Georg: Pollatschek, Sohn des Herrn Dr. Robert Pollatsch ek und seiner Gattin Marianne, statt. Der Barmizwant ist ein Enkel des langjährigen Badener Kultuspräsidenten Leitn e r s. A. Trauungen. Fräulein Sonja Heller, Tochter des Kantors des Mariahilfer Tempels Herr Leo Heller, hat sich m'it Herrn Harry Stone in Brooklyn (Amerika) vermählt. — Sonntag, den IL d'. M., fand in Baden die Trauung des Herrn Rudolf Kogan, Oberkantor des Ottakringer Gemefridetemepls, mit Fräulein Margarete Broch statt. Rabbiner Dr. Bach hielt an das Brautpaar eine herzliche Ansprache, Öberkantor Frank r versall in meisterhafter Weise die kantoralen Funktionen. Aus Wien erschien eine Deputation des Kantorenveremes unter Führung des Präsidenten J. Löwit, ebenso der Sekretär der israelitischen Kultusgemeinde Herr Guido Fuchsgelb. — Die Trauung des Fräulein Martha G r o ß b a r d, Tochter des Ehepaares 0Sias und Sidonie G r o ß b a r d, geb. P i c h 1 e r, mit Herrn Hermann Birnbaum fand am 11. dl M. im großen Leopokfctädter Tempel statt und kam die Verehrung, deren sich die Eltern des Brautpaares, sowie das Brautpaar selbst erfreuen, in dem außerordentlich starken Besuch zum Ausdruck. Die Trauung wurde vom Herrn Rabbiner Dr. Max G r u n w a 1 d vollzogen, wobei Herr Oberkantor G. M a r g u 1 i e s in äußerst feierlicher Weise die kantorale Funktion versah. Dieners Abschied. Die Inaugurationsfeier an der Wiener Universität hat unter großer Anteilnahme der wissenschaftlichen Welt stattgefunden. Die völkischen Chargierten fehlten. Der abtretende Rektor Herr Diener, jetzt Prorektor der philosophischen Fakultät, benützte seine Abschiedsrede zu einer grossen Kundgebung der Sympathie für das Hakenkreuztum. Er gedachte des übermäßig starken Zuzugs von jüdischen Hörern aus Osteuropa, der angeblich den deutschen Charakter der Hochschule gefährdet, und erinnerte an die im Vorjahre an der Hochschule stattgehabten Krawalle, die sich an" einen „Zwischenfall ander Hochschule für Welthandel anknüpften". Soweit wir uns erinnern, hat Herr Diener diesen Zwischenfall, der ihn nicht das geringste anging, zum Ausgangspunkt einer Reihe von Äußerungen genommen, in denen er sich ganz auf die Seite der Angreifenden stellte. Weiters erwähnte der Bericht des Diener „die Denkschrift der deutschen Studentenschaft mit ihrem radikal-antisemitischen Programm", ohne zu sagen, daß diese deutsche Studentenschaft nur die Minorität an der Hochschule ist und nicht einmal unter ihren eigenen Konnationalen 'eine nennenswerte Position besitzt. Der Bericht fährt dann fort: „Auf dem Zweiten deutschen Hochschultage traten am 21. Jänner im Senatssaale unserer Universität die Rektoren und! die Vertreter der deutschen Studentenschaft sämtlicher Hochschulen Oesterreichs sowie zahlreiche Professoren der Wiener Hochschulen zu einer gemeinsamen Beratung und gegenseitigem Aussprache zusammen. Es wurde eine Einigung über jene Forderungen erzielt, welche die Rektoren ihren Pröfessorenkollegien, beziehungsweise Senaten zur Annahme empfehlen zu können glaubten. Ein viel umstrittener Punkt blieb allerdings die Frage der von der deutschen Studentenschaft erstrebten Einführung des Numerus' clausus für jüdische Ausländer. Diese Maßretgel hat ni c h t die Zustimmung des akademischen Senats gefunden, doch sind wir überz eugt, daß das von uns allen angestrebte Ziel, den -Zuzug unerwünschter Elemente von der Universität abzuhalten, auch die vom akademischen Senat beschlossene Verschärfung der Aufnahmebedingungen für alle*Hörcr aus den östlichen Staaten Europas erreicht werden wird. Aus diesen Staaten werden außerordentliche Hörer überhaupt nicht, ordentliche nur 'dann aufgenommen werden, wenn sie an Staatsgymnasien studiert haben, deren Studiengang zumindiesteris dem an österreichischen Gymnasien gleichwertig ist. Die deutsche Studentenschaft, die dank der B e s o nn e n h e i t u n d dem Verantwortungsgefühl ihrer Führer sich davon zurückhielt, die Forderungen nach dem Numerus clausus durch f r i ed e n s s t ö r e n d e -Demonstrationen zu unterstützen, wie sie sich an den Universitäten Prag, Budapest, Klausenburg und Bukarest abgespielt haben, darf mit der Tatsache rechnen, daß sowohl Rektor als auch Senat stets besftrebt waren, den deutsche n C ha r a k t e r u n d d a s wissenschaftliche Niveau unserer Universität jederzeit mit allen ihnen zu Gebote stehenden gesetzlichen Mitteln aufrechtzuerhalten." Herr Diener akzeptiert also alles, was ihm die Drahtzieher des Fremdenhasses vorschreiben. Was wird geschehen, wenn' etwa die Warschauer Universität mit der Repressalie des Numerus clausus für Deutsche antworten wird, wie es ja auch beabsichtigt ist? Hen Rektor Diener stellte schließlich seinem Vorgesetzten B1 u m a u e r ein Wohlverhaltungszeugnis aus. Dann hielt Herr D ö 11 e r seine Antrittsrede übei „Das Alte Testament im Lichte neuerer Funde". Unter den Anwesenden, die sich die Rede des Diener anhören mußten, befanden sich der Bundespräsident