Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 22 (2.11.1923)
- Date
- 1923-11-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT l*nal»fi&ngige Zeitschrift für jüdisdie Interessen mit dem Beiftiait: Veröttenflldinnaen der ..Union üentsclBösterreidiisdier Inden" Redaktion und Administration: Wien II-, HeinesfraAe 13. - Fernruf 42-2-16 XXXIX. Jahrgang Wien, 2. November 1923 Nummer 22 Nach den Schlachten. Der Donner der groben Geschütze ist verhallt, das Schnellfeuer der täglichen Verleumdungen und Beschimpfungen ist eingestellt, die letzten Schwaden der Oasangriffe in den Versammlungen der politischen Parteien hat der Morgenwind des 22. Oktober verweht. Wenn wir das Blachfeld überblicken, finden wir als Gefallene vor allem den Heerbann der Großdeutschen. Während ihre Gesinnungsbrüder, die Nationalsozialisten, den besseren Teil der Tapferkeit wählten und auf ihrem Salzburger Parteitag Wahlenthaltung beschlossen und sich so jede Blamage ersparten, ist den Herren Dr. Frank, Dr. Waber e tutti quanti eine solche in schönster Form beschieden worden. Es wurde während des Wahlkampfes nur selten' mit ehrlichen Waffen gekämpft. Man hörte das Wort von amerikanischer Wahltechnik, darunter verstand man das brutal Hinterwälderische, das absolute Wildwest in W'ien. Es soll aber auch dem Gegner die Wahrheit nicht vorenthalten, der mächtigsten Kampftruppe, den Christlichsozialen, zuerkannt werden, daß sie auf das einst so wirksam ausgesprochene Schlagwort „Nieder mit den .luden!" klugerweise verzichtete. Diese Parole überließ sie zur Gänze den Großdeutschen und diese haben auch die Folgen ihrer mittelalterlichen Hepp-Hepp-Politik über sich ergehen lassen müssen. Im Grunde genommen sind große Wahlen das Ergebnis einer fertigen Sache, die vorhergegangen ist. Reden in den Wahlversammlungen sind meist nur das Pünktchen auf dem i. Sie werden gehalten, um den Zeitungsartikeln, den Flugblättern, dem toten Buchstaben Leben einzuhauchen, denn nie reicht eine Schreibe an eine Rede hinan. Hier darf wirklich gesagt werden, der Vortrag macht des Redners Glück. Vielleicht hätten selbst Voltaire und Rousseau vergebens die große Revolution vorbereitet, wenn ihr nicht Danton und Mirabeau Feuer und Flamme gegeben hätten. Aber trotz alledem, das XX. Jahrhundert ist kein XVIII. und heute versagen oft rhetorische Kraftleistungen, wenn ihnen nicht ein Konkretes zugrunde liegt. Mit Schlagwörtern allein ließe sich kein Hund zur Urne locken. Nicht das Höhere, das rein Ideale oder Ethische lockt und zieht, das liegt der materialistischen Weltanschauung nur in den seltensten Fällen. So ging es auch diesmal nicht um Liberalismus und Reaktion, sondern Sicherung der Lebensnotwendigkeiten. Diese haben stets die stärkste Werbekraft. Wer auf diesem Felde Erfolge verzeichnen kann, ist der Mann des Tages. Ueber die Wege, die zu solchem Ziele führen, mag immerhin gestritten werden. Hauptsache, das Ziel unentwegt im Auge behalten. So ist es denn gekommen, daß die beiden realpolitischen Gruppen, Sozialdemokraten und Christlichsoziale, mit fast ungeschmälertem und teilweise verstärktem Machtbestande aus dem Wahlkampfe herausgegangen sind. Mit außerordentlichem Interesse wurde diesmal in jüdischen Kreisen den bedeutungsvollen Wahlen entgegengesehen. Dunkle Gerüchte gingen schon seit Anfang dieses Jahres um, daß nach dem Vorbilde der bürgerlichen Einheitsfront, die alles gegen den Sozialismus unter die Fahnen rief, eine ..Jüdische Wahlgemeinschaft'* zur selbständigen Vertretung der jüdischen Interessen gebildet werden soll. Viele hörten die Botschaft, aber es fehlte ihnen der Glaube. Dann hörte man überhaupt nichts. Es kam die Sommerzeit und von Vöslau bis Karlsbad und Ostende wollten die beurlaubten p. t. Glaubensgenossen nicht gestört werden. So stand für sie die Wahlbewegung im Zeichen „nur nicht drängeln". Inzwischen hatten die großen Parteien unermüdlich gerüstet, ihre Formationen verstärkt, ihre Stellungen ausgebaut und befestigt, denn auch im W ahlkampfe gilt es „bereit sein, ist alles". Endlieh spät im Herbste tauchte wieder die Legende von der „Jüdischen Wahlgemeinschaft" auf. In die Art und Weise, wie diese große Tat vollbracht wurde, hineinzuleuchten, ist nicht nur von Interesse, sondern auch unsere publizistische Pflicht, denn wir haben während der ganzen Wahlbewegung im Hauptblatt getreu unserer Parole der Unabhängigkeit vollste Objektivität bewahrt. Der leitende Gedanke war also, die gegnerischen nationalen und nicht nationalen .iuden. die bislang gegeneinander in grimmiger Feiide lagen, zur gemeinsamen Vertretung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden zu alliieren. E in Z i e i, a u f s i n n i g ste z u w ü n s c h e n! Es wurde nun eine Delegiertenversammlung der ..Union" einberufen, bei der eine Zweidrittelmajorität für die Vvahlgemeinschaft mit der zionistischen Organisation auf der Grundlage der Zurückstellung aller nationalen Bestrebungen erzielt wurden. So wurde die ..Jüdische Wahlgemeinschaft" geschaffen, welcher aber erhebliche Bruchteile der ..Union'*, die sich zum Teil an die sozialdemokratische Partei, zum Teil an die bürgerlich-demokratische Arbeitsparrei gebunden fühlten, keine Gefolgschaft leisteten. Von den letzteren wurden einen Tag vor der Wahl — also im kritischesten Moment — in den bürgerlichen Blät-