Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 17 (17.8.1923)
- Date
- 1923-08-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 DIE WAHRHEIT Nr. 17 schillernder, narkotisierender Stilkunst treiben. Hier spricht ein genialer Polyhistor, der, wie es nur wenigen vergönnt ist, den ungeheuren Stoff geschichtlichen Wisseins umspannt, um ihn einheitlich zu sichten und zu schlichten. Ob so, wie er die Tatsachen sieht, sie riehtilg gesehen sind, ob das die Dinge ordnende Prinzip, das er aufstellt, in allen Einzelheiten stiehhält, ob seine These nicht vielleicht am begründeten Widerspruch befugter Spezialforscher als vage Hypothese zerschellt, gleichviel — hinter •diesem gigantischen Werk steht eine große Persönlichkeit, deren schöpferische Subjektivität im ihrer Cyklopenkraft die ästhetische Wertung verdient, die wir. jedem begnadeten Epiker schulden. Und sollte auch nicht jede seiner Positionen objektiv der Wahrheit entsprechen, anzuerkennen ist die Ehrlich' keit, die Wahrhaftigkeit, die Spengler auf jeder Seite bekundet. Er sieht die Dinge so, wie er sie darstellt. Man lese nur bei L a m p r e c h t die Berichtigungen, die er von Spezialisten erfahren hat und mit Dank selbst verbucht, man denke an so manche Verzeichnung, die einem Mommsen unterlaufen ist, und man wird auch Spengler zugute halten, daß ihn gelegentlich ihm „eingeborene Urbegriffe", wie er es nennt, beherrschen, daß, der Enge des Bewußtseins vergleichbar, auch der wissenschaftlichen Fassungskraft eines einzelnen, zumal angesichts einer solchen Totalität des Forsehwigsgebietes, Schranken gezogen sind. Das „Rubbo tofasto" unserer Alten, das der Franzose, in seinem „Qui trop entreint" mit gleichem Nachdruck als Warnungssignal ertönten läßt, gilt auch für den Größten. Diese Rücksicht und Nachsicht hat uns zu leiten, wenn wir herausgreifen5, was Spengler über das Judentum sagt. Bildet es auch nur einen Splitter im Qanzen, so werden wir den Vorwurf gereizter, gefühlsbetonter Splitterrichterei um so weniger uns zuziehen, als wir von vornherein betonen, daß, was Spengler hier geirrt, wenn es auch, demagogischagitatorisch mißbraucht, Unheil stiften kann, nur als Fehler, nicht als Verfehlung zu vermerken ist, als Unrichtigkeit, nicht als Ungerechtigkeit, als ein Defekt, nicht ein Delikt, wie es andere Historiker bewußt begehen, sobald sie das leidige Kapitel Judentum streifen. Spengler darf von sich sagen, daß er die Dinge nicht aus der Frosch-, sondern aus der Vogelperspektive betrachtet. Und wie erscheint ihm da das Judentum? Zunächst betont er, daß er im Judentum nichts Besonderes, nichts Incommensurables erblicken kann, nichts, was sich nicht in den allgemeinen Fluß der Entwicklung restlos einfügte, was nicht in sein Schema paßte. „Die Juden sind nur insolange eine einzigartige Erscheinung der Weltgeschichte, als man sie von vornherein als solche behandelt." (II, 246.) Er stellt die Juden in eine gewisse Paradiek zu den Persern. Beide waren anfangs ein „U r v o 1 k'*: Was versteht Spengler unter dieser Bezeichnung? Was nennt er, um hier sogleich die ganze Trillogie heißumstrittener Begriffe zu behandeln, was nennt Spengler Volk, was Nation, was Rasse? (Fortsetzung folgt.) Rohlings Nachfolger. An anderer Stele unserer heutigen Alisgabe wird von einem christlichen Fachmann das Werk „Israel und die Völker" von Dr. Joseph S. Bloch gebührend gewürdigt. Schon dieses Werk dokumentiert die noch immer, vorhandene, Gott begnadete Schlagkraft des beute 72jährigen Vorkämpfers des Judentums. Aber auch Ereignisse der letzten Zeit, die durch Fälschungen der „Reichspost", dem iiauptorgane der „christlichen Nächstenliebe" hervorgerufen wurden, beweisen aufs überzeugendste, daß Dr. Joseph S. Bloch noch immer auf seinem schweren Posten steht. Dieses Blatt, da's seit kurzem — wohl wegen seiner Stellung als publizistische Vertreterin der „antisemitischen Einheitsfront" — wieder scharf in Judenhaß „arbeitet", wenn man so etwas „Arbeit" nennen kann, hatte den traurigen Mut, einen schon längst als Fälschung erwiesenen Aufruf des bekannten französischen Juden C r emieux, der in seiner Eigenschaft als Präsident der „A11 i a n c e Israelit e" Hervorragendes für notleidende Glaubensgenossen geleistet hat, auszubeuten und besonders auf eine Stelle hinzuweisen, in der etwas von jüdischer Weltherrschaft und sonstigen blutrünstigen Absichten der Juden gefaselt wurde. Als die „Morgenzeitung" deswegen der „Reichspost" auf die schmutzigen Fiwger klopfte und ihr die Fälschung nachwies, bekam das christliche Häuptorgan es mit der Frechheit zu tun und, statt die Fälschung einzugestehen, berief sie sich auf — Rohling, wagte es sogar, den seinerzeitigen Widersacher dieses dunklen Ehrenmannes, Herrn Dr. Joseph S .Bloch in ekelhafter Weise herauszufordern1. Dieser nahm, getreu seinem alten Grundsatz, a)ls Verteidiger der Rechte des Judentums die Herausforderung an, und sandte der „Reichspost" am 3. <J. folgende Berichtigung: „Von einer Ferienreise heimgekehrt, lese ich in Nr. 209 vom 1. August Ihres Blattes unter der Ueberschrirt: „W i r haben die Welt g e w o nn e n", „Das Manifest des Cremieux", einen Artikel, in welchem es heißt: „Natürlich ist den Herren des Wiener Zionistischen Organes auch Cremieux' Aufruf zur Gründung der AI Ii an ce Israeli te unb eq u e m. Deshalb leugnen sie auch die Echtheit des Aufrufes . . . Auf die von uns zitierte und von der „Wiener Morigenzaitunjg" jetzt geleugnete Schlußstelle wird seit sechs Jahrzehnten in der Literatur immer wieder hingewiesen; so hat auch Rohling den Schlußsatz: „Eint neues messianisches Reich, ein neues Jerusalem soll entstehen, an Stelle des Reiches der 'Kaiser und Päpste" abgedruckt und kommentiert. Obwohl er einen Preis aussetzte für denjenigen, der ihm Unrichtigkeiten und Fälschungen nachweise, meldete sich dennoch keiner, der dieses Zitat als F ä 1 s c h u n g erwiesen hätte; ja, auch der alte Kampfhahn Rabbi Bloch hat in seiner „Oesterreichischen Wochenschrift" nicht einmal den Versuch zur Leugnung dieser Stelle gemacht." Demgegenüber fordere ich Sie auf, nachstehende Berichtigung entsprechend dem Bestimmungen des Preßgesetzes in Ihrem Blatte zum Abdjuck zu bringen: