Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 12 (15.6.1923)
- Date
- 1923-06-15
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 12 Die Wahrheit Näherung an Groß-Britannien zustande zu bringen, wodurch für Groß-Britannien und auch für die Vereinigten Staaten, zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht, ein furchtbarer Krieg verhindert worden wäre. Als der Krieg ausbrach strebte V allin danach, ihn zu einem schnellen und für beide Teile ehrenvollen Ende zu bringen. Wir wollen die politische Entwicklung und die Zukunft Deutschlands und der deutschen Rasse aufzeichnen. Das Kaiserreich brach zusammen, die Republik wurde proklamiert, und die neue deutsche Verfassung kann als die fortschrittlichste der ganzen Welt angesehen werden, und, das ist das Bezeichnendste dabei, die Verfassung selbst ist die Schöpfung eines Juden und wurde aufgestellt, verteidigt und ausgeführt durch den damaligen jüdischen Minister Professor Hugo P r e u ß. Es besteht also nicht die geringste Rechtsbesch rünkung gegen die Juden, und tatsächlich haben die Juden in kurzer Zeit seit Inkrafttreten der Verfassung so gut wie alle wichtigen Staatsstellungen erreicht. Sie waren und sind Minister, Staatssekretäre und Botschafter." Der Jugendgottesdienst. Ein Kapitel, das nicht zu den erfreulichsten unseres Gemeindewesens gehört, aber Ln breitester Öffentlichkeit behandelt zu werden verdient. Die Männer, die ihn eingeführt haben, gingen von der richtigen Erwägung aus: jene jüdischen Kindern, die im Elternhause wenig oder garnicht an das Judentum erinnert werden und durch Schulunterricht an den Gottesdiensten teilzunehmen verhindert sind, muß man wenigstens eine Stunde in der Woche zu religiöser Belehrung und Erziehung, zum Gottesdienste im Tempel die Gelegenheit bieten. Das Kind soll durch Anschauung und Mitwirken in die gottesdienstlichen Formen (Gemeindegebet, Thoravorlesungen u. s. w.) eingeführt und an das Gotteshaus gewöhnt werden. Der Jugendgottesdienst richtig gehandhabt, d. h. von Rabbinern und Lehrern im Verein mit dem Bethausvorstand mit Eifer und Liebe durchgeführt, bietet zu den ganz unzureichenden zwei Stunden Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen eine ebenso unentbehrliche Ergänzung, wie die Bibelschulen, die gleichfalls mit allem Nachdruck gepflegt werden müssen. Wenn trotz dieser Selbstverständlichkeiten der Jugendgottesdienst offenkundig vernachlässigt wird, so entsteht die Frage, wem daran die Schuld beizumessen. Auch hier macht sich ein neuer Geist — oder sagen wir sachgemäßer: Wind — fühlbar, der das Alte mit überlegener Geste abtun möchte, ohne an seine Stelle ein für unser seelisches Klima brauchbares, oder auch nur erträgliches Neues zu setzen. Ist es aber nicht System und gegnerische Tendenz der Schulbehörde, die den Verfall des Jugendgottesdienstes zu verantworten hat, sondern Schlamperei ausführender Organe, dann muß man zur Unterstützung des Kultusvorstandes die Eltern aufrusen. Sie sind es, die für ihre Kinder vor Gott und der Welt die Verantwortung tragen, sie sind die ersten und nächsten Opfer einer irreligiösen Entwicklung des Kindes. Sie Haben deshalb nicht nur ein Recht, sondern die Pflicht zu fordern, daß man den Jugendgottesdienst wieder so betreibe, wie in seinen ersten Jahren, vor allem die Pflicht, ihre Kinder zum Besuch dieser Andachtsübungen anzuhalten. Von Staatswegen darf der Lehrer es jetzt nicht mehr mit jenen Mitteln, die ihm früher zur Verfügung standen. Die Schwierigkeit/ die Tempel zu beheizen, und andere Umstände haben zu einer jahrelangen Unterbrechung dieser Institution geführt, die umso mehr zu beklagen ist, als eben diese Jahre keine Hebung des allgemeinen moralischen Niveaus bedeuten. Umso mehr müssen die Eltern energisch einzugreifen sich veranlaßt fühlen. Ihr jüdischen Väter und Mütter! Wirket auf Eure Kinder, auch — und ganz besonders! die Mittelschüler, ein, daß sie den Jugendgottesdienst besuchen. Wenn ihr aber ganze Arbeit leisten wollt, nehmet Euch diese Stunde Zeit und gehet mit! Fanget an. Euch persönlich um diese Fragen zu kümmern!. Ihr tut es für Euer Teuerstes, Euer Kind, Ihr tut es für Euch selbst! R. Auch Bayern berust jüdische Professoren. In dem offiziellen Organ der bayrischen Studentenschaft der „Deutschen Hochschulen" findet sich am 1. Juni unter dieser Ueberschrift eine „Denkschrift" der völkischen Finkenschaft an das Bayrische Staatsministerium für Kultus und Unterricht. Darin wird gegen die geplante Besetzung des freien Lehrstuhles für Aegyptologie an der Universität München durch Professor Spiegelberg (Heidelberg)Verwahrung eingelegt, „nicht um zu der wissenschaftlichen Eignung des Herrn Professors Stellung zu nehmen, sondern als lebendiges Glied der Universität fühlt sich die völkische Finkenschaft verpflichtet, für die Deutscherhaltung der Landesuniversität einzutreten." Weiterhin wird das Kultusministerium auf die Gefahr aufmerksam gemacht, „der es die deutschakademische Jugend.aussetzt, wenn es Geistesgüter Angehörigen eines fremden Volkes zur Verwaltung ausliefert. Die völkische Finkenschaft erwartet vom Kultusministerium eine erneute Beschlußfassung über die Berufung des Herrn Professors; Venn sie sieht in dein Zwang, zu Füßen eines Fremden sitzend, zu lernen, nicht die Möglichkeit gegeben, sich für Deutschlands Zukunftsaufgaben so zu rüsten, wie sie es von ihren Angehörigen als ihre Pflicht erachtet." Dieser Vorstoß überrascht den nicht, der das von dieser Gruppe zu Beginn des vorigen Semesters aufgestellte Wahlprogramm kennt, welches den numerus clausus für jüdische Studenten und Dozenten fordert. Die völkische Finkenschaft München erhebt diese Forderung in enger Verbindung mit den völkischen Gruppen Oesterreichs, Ungarns, der Tschechoslowakei und Polens. Es ist bekannt, zu welchen Ausschreitungen im Verlauf des letzten Semesters diese völkischen Vorstöße geführt haben. Wir erinnern an den Hochschulstreit in Wien, Prag, Budapest, Bukarest und Warschau, wir erinnern an die Revolte und blutigen Zusammenstöße, die sich daraus vielfach ergaben. Wir verwahren uns -gegen die Ausdehnung dieses völkischen Terrors auf deutsche Hochschulen und bedauern, daß -wiederum zuerst in München außerakademische Gesichtspunkte unter dem Drucke parteipolitischer Strömungen ausschlaggebend sein sollen. Diese Denkschrift richtet sich jedoch nicht nur gegen die Freiheit von Lehre und Forschung, sondern sie fordert das bayrische Unterichtsministerium sogar dazu auf, entgegen der Reichsverfassung zu handeln. Diese spricht in Artikel 109 aus, daß alle Deutschen vor dem Gesetz gleich sind und daß alle dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten haben. Es wurde aber eine Beschränkung der Rechte eines deutschen Hochschullehrers bedeuten, sollte man ihn, an den zufolge seiner wissenschaftlichen Eignung, ein Ruf ergangen ist, wegen seiner Zugehörigkeit zu einer konfessionellen Gruppe an der Ausübung seiner Lehrtätigkeit hindern. Die republikanische Studentenschaft Münchens spricht daher die zuversichtliche Erwartung aus, daß das bayrische Unterrichtsministerium nicht nur seine Berufung aufrecht erhält, sondern auch derartige Zumutungen terroristischer Gruppen energisch zurückweist. Arbeitsgemeinschaft republikanischer Studenten an den Münchener Hochschulen.