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Die Wahrheit · 1923-05-15 · Heft 10 (15.5.1923) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 10 (15.5.1923)
Date
1923-05-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Veröffentlichungen der „Union deutsebösterreiebisebet Juden" Wien, IX. Betggasse 4. Postsparkassen-Konto Nr. 9464. Telephon Nr. 19-2-77. Die PlakateuM. Judenhaß und Fremdenverkehr. Der jüdischen Bevölkerung Wiens hat sich tiefste Empörung bemächtigt. Wieder kleben an den Straßenecken übermannshohe Plakate der Hakenkreuzler, in welchen, die wüstesten Beschimpfungen, die giftigsten Lügen und Verleumdungen über die Juden ausgegossen werden. Wir werden als Fremde in diesem Staate bezeichnet und die „arische" Bevölkerung aufgefordert, zur Selbsthilfe zu schreiten. Der Staatsanwalt verweigert unter Berufung auf die Preßfreiheit jegliches Einschreiten. Diese Preßfrecheit existiert nicht, wenn es sich um Angriffe auf das Denunzianten- und Konfidententum bei den Steuerbehörden handelt, aber man erinnert sich ihrer sofort, wenn Ehre und Existenz der Juden und ihr verbrieftes Recht, in diesem Staate als gleichberechtigte Bürger ihrem ehrlichen und friedlichen Erwerbe nachzugehen, bedroht werden. In den letzten Tagen ist auch von sonst ruhigen und besonnenen Elementen vielfach die Frage an uns gerichtet worden,ob denn die Juden in Österreich wirklich schon vogelfrei seien? Wir geben diese Frage an den Bundeskanzler, der heute auch der verantwortliche Chef des Ministeriums des Innern und des Justiznrinisteriums ist, weiter. Wir fragen Herrn Dr. Seipel, ob der § 302 St.G. nicht mehr zurecht besteht? Ost die Regierung die österreichischen Juden nicht mehr als einen inhärenten Bestandteil des österreichischen Volkes betrachtet, der seine Pflichten gegen Staat und Gesellschaft redlich erfüllt, mit patriotischem Eifer an dem Wiederaufbau Oesterreichs mitarbeitet, dem Sanierungswerke seine vollste Unterstützung leiht und Not und Elend durch überreiche Spenden für alle Wohlfahrtszwecke, zu lindern sucht? Wir fragen den Herrn Bundeskanzler, ob die Rettung Oesterreichs durch einen Krieg Aller gegen Alle durch geführt werden soll, und ob man das Wohlwollen des Auslandes, dessen wir so dringend bedürfen, durch die Duldung von schlechtverhüllten Aufreizungen zur Plünderung und Totschlag zu erwerben sucht? Vor kurzem hat Herr Dr. Seipel einer Deputation der Wiener Kultusgemeinde die Erklärung gegeben, daß er und seine Regierung sich für die Ruhe und Sicherheit der jüdischen Bevölkerung verbürgen. Kann er diese'Erklärung noch aufrecht erhalten? Kann angesichts der Tatsache, daß der Schutz der Gesetze für die Juden tatsächlich nicht mehr besteht, daß Frauen und Mädchen in Konzertsälen und ,auf der Straße mit Gummiknütteln und Totschlägern angegriffen werden — kann angesichts solcher Tatsachen die aus dem Auslande herübertönende Frage,ob denn wirklich schon die verfassungsmäßigen Rechte der Juden außerKraft gesetzt sind, mit'gutem Gewissen verneint werden? Wir warnen den Herrn Bundeskanzler! Auf den Hakenkreuzler-Plakaten werden die Juden als Fremde bezeichnet. Für diese kostspieligen Plakate fließen die Gelder aus sehr trüben ausländischen Quellen; sie stammen von jener Hitler-Partei, welche auf die Losreißung unserer Alpenländer von Oesterreich und auf deren Vereinigung mit Bayern zu einen großen süd-deutschen Staate hinarbeitet. Die Duldung dieser Aktion widerstreitet direkt den Genfer Vereinbarungen, welche in Oesterreich keine eifrigeren Förderer haben als die Juden. Sie widerstreitet aber auch die Absichten des Herrn Bundeskanzlers. Denn es steht außer Zweifel, daß die gewaltige Ausbreitung' des Hakenkreuzlertums die parlamentarischen Stützen des Regimes Seipel auf das Aeußerste gefährdet. Die nationalsozialistische Partei gewinnt so sehr an Anhang und Macht, daß sie, wenn ihr nicht entgegengetreten wird, die großdeutsche Partei bei den nächsten Wahlen wie Spreu vor dem' Winde wegfegen kann. In diesem Reiche dep Unwahrscheinlichkeiten gibt man also um der „lieben Hetz" willen, wir meinen die liebe Judenhetze, in der leichtfertigsten Weise die Zukunft des Staates preis. Zur Juden hetze gesellt sich die ebenso dumme und hirnlose Fremdenhetze. Auf der letzten Tagung des Hoteliersverbandes hat dessen Präsident, Herr Sukf ü l l, unter anderen Ursachen, welche den Fremdenverkehr behindern, auch gewisse bedauerliche Erscheinungen unseres politischen Lebens angeführt. Er hat damit den Antisemitismus gemeint, der es glücklich schon so weit gebracht hat, daß die Gemeindevertretungen einzelner Sommerfrischen für den Umkreis ihrer heimischen Kirchtürme die Staatsgrundgesetze auf eigene Faust auch eben und jüdischen Sommergästen den Aufenthalt verbieten oder auf eine bestimmte Frist beschränken. Auch der neue Handelsminister Dr. Schür ff hat bewegliche Klage darüber angestimMt, daß der Fremdenverkehr in stetigem Rückgänge begriffen sei und hat Maßnahmen zur Bekämpfung dieser wirtschaftlich sehr bedrohlichen Erscheinung angekündigt. Soll das etwa durch die weitere Duldung der Plakatenpest in Wien, der hakenkreuzlerischen Brutalitäten in den Alpenländern, durch den schamlosen Zinswucher unserer biederen Landleute geschehen? Schon macht sich imDeutschenReiche eine starke Propaganda gegen den Besuch unserer Alpenländer bemerkbar und so wenig heute erholungsbedürftige Ausländer angesichts der Gefahr an Leib und Leben die sehr gastunfreundlichen bayrischen Gebirgsorte besuchen wollen, so wenig wollen andererseits deutsche Gäste sich den Anrempelungen oder gar Gewalttätigkeiten der Hakenkreuzler in Tirol und Salzburg aussetzen. Glaubt Man wirklich, daß auf solche Weise der österreichischen Republik aus ihren schweren Nöten zu helfen sei? Man täuscht sich mit der Annahme, daß zwischen jüdischer und nichtjüdischer Welt eine chinesische Mauern aufgerichtet werden könne. In Handel und Wandel, in persönlichem und öffentlichem Verkehr spinnen sich tausend und abertausend Fäden zwischen Juden und Christen, und wenn einmal irgendwo Recht- und Gesetzlosigkeit eingerissen sind, so wollen auch friedliebende christliche Familien ihren Fuß nicht mehr in Orte setzen, welche statt- Ruhe und Erholung nur Aufregungen und Gehässigkeiten bieten.! Bei Fortdauer dieser Zustände geht es nicht mehr hloß um die Haut der Juden, sondern auch um das Wohl

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