Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 7 (1.4.1923)
- Date
- 1923-04-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Unabhängige Zeitschrift für jüäische Interessen Redaktion und Hdminiftration: Wien II., heinestratze 13 — Fernruf 02-r-lS Mit dem Beiblatt: VerSssentlichungen der «Union deutschösterreichischrr Juden" XXXIX. Jahrgang Wie«, 1. April ISSS rlummer 7 Ze ulemad! Zum Pesachseste. Bon Rabbiner Dr. M. B a u c r. Die beiden Wörtchen, die wir an die Spitze unserer Betrachtungen stellten, sind unsererPesachhaggadah entnominen, jenem kleinen Büchlein, das uns an den Sederabenden in altersgraue Vorzeit zurückgesetzt,^ die Geschichte unsres Stammes nns so lebhaft vor die Leele führt. Und hätte bas Pesachsest uns nichts weiter zu sagen,, als diese zwei Worte in sich schließen, die hohe Bedeutung von Jeziath Migrajim wäre uns klar und verständlich, auch wenn die Vorschriften und Satzungen, die Zeremonien und Gebräuche am P es ach keine solch beredte Sprache führten, oder, um ein Wort der Haggadah zu gebrauchen: daijönu. Unser Wohl und Heil, unser Bestand, unsere Zukunft hängen davon ab, wie anderseits alles Leid und Weh, das uns getroffen, all die Not und Pein, worunter wir wann und wo immer gelitten, die Ratlosigkeit, die uns so oft überfällt, die bangen Zweifel, die uns hie und da beschleichen, die ganze .Hoffnungslosigkeit, die sich unser bemächtigt, all dies und noch mehr ist auf die eine Quelle zurückzuführen, daß wir keinen Sinn und kein Verständnis hatten für diese hohe, sittliche Forderung, daß wir nicht beherzigen wollten die Mahnung dieser beiden Wörtchen: ze ulemad! Und warum diese Mahnung gerade am Pesach uns entgegentönt? Nun, weil Pesach ein geschichtliches Fest für uns ist, weit mehr als alle anderen Feste des Jahres. Ueberschreitungsfest wird es genannt. In erster Reihe wohl deshalb, weil Gott die Häuser unserer Väter, schonend überschritten, als über den Häuser der Aegypten die Gefahr schwebte, das Verderben in ihnen wütete. Aber auch aus dem Grunde, weil damals unsere Väter selber hinübergeschritten sind, von einer Stammesgeschichte zu einer Volksgeschichte, weil in jener denkwürdigen mitternächtlichen Stunde Israel erst recht Hinübergeschritten ist zum Ewigen, von ägyptischem Tier- und Totenkultus hinweg, sich fortan dem Dienste des einig einzigen, lebendigen Gottes geweiht hat: Pesach hu ludonaj. In dieser Stunde sind wir als Volk in die Geschichte eingetreten. Darum ist es nur recht und billig, au diesem Feste „hinzngehen und zu leimen", zu lernen aus dieser unsever Geschichte, wenn anders diese sich als die weise Lehrmeisterin des Lebens an uns bewühren soll. Wir begreifen also, warum die heilige Schrift bei jeder Gelegenheit auf den Auszug aus Mizrajim hinweist, uns immer wieder an Aegypten erinnert, an diesen denkwürdigsten Llbschnitt unserer Geschichte, und «es uns zur . Pflicht macht, davon zu reden „alle Tage unseres Lebens", in allen Lagen nuferes wechselvollen Daseins, selbst ivenu die Zukunft wie glücklich und glanzvoll auch immer sich gestalten möge: lehuwi! i j emo th h ammo schia ch. Zö ulemad, darum geh' hin und lerne! Du darfst aber bei Aegypten nicht stehen bleiben, mußt dich vielmehr in deine ganze Geschichte vertiefen, mußt ans ihr lernen, wie dich zu verhalten, weil sie allein imstande ist, dir die Waffen zu reichen, deren du bedarfst im Kampfe des Lebens. Zck! Tritt hinaus aus dem engen Kreise, in dem Selbstsucht und Eigennutz dich gefangen halten, hinaus aus den engen und einengenden Verhältnissen deiner nächsten Umgebung und überschaue das große Ganze, daraus wirst du lernen, und mit Sonnenklarheir wird dir aufgehen die Erkenntnis, das; das Judentum nicht von gestern und für heute, daß es vielmehr feit urdenklichen Zeiten besteht und für die Zukunft, für die Ewigkeit geschaffen ist. Wie dieser Gedanke deine Väter beseelt und ne erhalten hat, so wird das Lernen aus deiner Vergangenheit auch dir den Blick weiten und eine frohe, freudige Zukunft eröffnen. Frage nur deine Väter, üe werden es dir künden, deine Alten werden dir deuten das Rätsel, warum von den Völkern des Altertums Israel allein sich erhalten, warum es trotz Verfolgung und Bedrückung an Zahl und Macht und Ansehen nicht eiugebüßt hat? "Aus deiner Geschichte, aus deinem Schrifttume 'wirst du erfahren den großen Unterschied zwischen der israelitischen und der Weltanschauung der Anderen. Diese stchaut nach rückwärts, während jene nach vorwärts schaut. Diese behaupten, die „Erlösung" sei bereits gekommen, wir aber hoffen, daß sie erst kommen wird und harren dieser großen Memchheitszukunft freudig entgegen. Und sollte dir der Weg bis dahin zu lange und zu schwierig scheinen, so daß du des langen Weges müde, -die Widerstandskraft verlieren könntest, weil der Mut dir sinket und die Hoffnung dir allmählig schwindet, und du an deiner und deines Volkes Zukunft zweifelst — ze ulemad! geh hinaus, scharr dir an das W-eltgetriebe, und du wirst lernen nird erkennen, daß die Jahrhunderte nach dem vorausgesagten Eintritt der „Erlösung" durchaus keinen besseren "Anblick bieten als die vorhergegaugenen, daß sich in jenen ebenso viel Krieg, Gewalttat, Unrecht, Haß un!d Herrschaft aller bösen Leidenschaften zeigen wie in diesen. Und zunral, wenn du hörst und siehst, wie mau sich heute wieder anschickt, das Judentum als allgemeinen Sündenbock hinzustellen, indem man ihm eine mächtige Herrschaft zuschreibt, ihm einen Ein fluß insinuiert, der die Welcherrschaft anstrebt, und man daran geht, eine „Jndenfrage" zu stellen, die das Prinzip der Gleichberechtigung aus der Verfassung streichen, tiefeinschneidende Beschränkungen für die Juden einführen, ihnen die bedeutendsten Gebiete des öffentlichen Lebens verschlie-