Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1923-03-01 · Heft 5 (1.3.1923) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 5 (1.3.1923)
Date
1923-03-01
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3064121-3064126--12063-3079497
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. B Die.Wahr Herr Seite IS I m t) e u im A b w c l) x t a m p f e dringend not. Unsere inneren Gegensätze dürfen diese Einheitsfront nach außen nicht verhindern. Zur Verteidigung des verfassungsmäßigen Rechtsbodens müssen alle Kräfte zusammenwirken, denn wenn dieser Boden unter unseren Füßen wankt, so stürzt alles zusammen, was das Judentum im Lause der Jahrhunderte in der Diaspora geschaffen hat. Ebenso wichtig wie der Aufbau Palästinas sei die Erhaltung unserer staatsbürgerlichen Stellung in Oesterreich, wo wir gerne die gleichen Lasten mit der christlichen Bevölkerung tragen, aber auch gleichberechtigte Bürger feilt und bleiben wollen. Redner kennzeichnet sodann die Stellung der „Union" zu den anderen Gruppen der Judenschaft, insbesonders zu den Zionisten, deren Bestrebungen für den Wiederaufbau Palästinas mit aller Kraft gefördert werden sollen. Die Forderung nach einer besonderen jüdischen Nationalität in Oesterreich müsse jedoch entschieden zurückgewiesen werden. Die Stellung zur Aguda sei durch die Achtung gegeben, ivelche wir vor den religiösen Empfindungen jedes einzelnen Menschen haben. (Lebhafter Beifall.) Medizinalrat Dr. H a a s e besprach eingehend die nachteiligen Wirkungen des jüdischen Nationalismus in Oesterreich. Die „Union" will ehrlich den Wiederaufbau Palästinas fördern, aber vielleicht wäre dieser Aufbau rascher erfolgt und weniger in Frage gestellt, wenn er nicht-auf nationalistischer Basis unternommen worden wäre. (Lebhafte Zustimmung.) Namens der Zionisten sprach Herr Dr. Erber aus Klosterneuburg, welcher die gemeinsame Arbeit zur Abwehr und Verteidigung gleichfalls für notwendig erklärt, die Arbeit der „Union" anerkennt und die Wr.-Nouftädter Judenschaft zur Bildung einer jüdischen Einheitsfront beglückwünschte. Die Kritik, welcher der Redner einerseits an den burgenländischen Juden, anderseits an den Agudrften übte, forderte die Herren Kultnsvorstcher Ungar und R o s e nb e r g e r zu scharfer Erwiderung heraus. Zum Schluffe empfahl Herr Ehrenhaft dringend die Konsritniernng der Ortsgruppe. In seinem Schlußworte betonte Sekretär Fleische r, daß die. vereinigten Hakenkreuzler, Frontkämpfer, Nationalsozialisten und Deutschvölkischen keinen Unterschied machen zwischen Zionisten, Agudisten und Unionisten, zwischen Burgenländern und Altösterreichern, zwischen Ost- und Westjuden, sondern, daß sie in uns allen nur die Juden sehen und hassen. Die Schlnßfolgernng daraus sei, daß auch alle diese Richtungen im Kampfe nach außen geeinigt sein müssen. Die Wahl in den Ausschuß ergab folgendes Resultat: Obmann Herr Dr. Karpfen, Obmannstellvertreter Herr Gustav U n g a r, Kassier Herr K e r ö, Schriftführer Herr Adolf M a y e r, Ausschußmitglieder die Herren Norbert H es k y und Jakob Jaul. Bier Stellen werden durch Kooptierung besetzt roerden und sind Vertretern der Zionisten und der Agndisten Vorbehalten. Die harmonisch verlaufene Versammlnng ergab den Beitritt zahlreicher neuer Mitglieder zur „Union" mit ansehnlichen Jahresbeiträgen. Zur Beachtung! Mir ersuchen unsere geehrten Mitglieder, Bestellungen ans dir „M ahrhrit" an die Administration de» Blatte». II., Aeinestraste 13 (Postsparkalseulronto M. 100.018) mit dem Vermerk: ,.M. d. U." (Mitglied der Union),?« richten. Mir ersuchen dringend um Spenden für dr» Vveßfond, melchr an unser Zentraldüro, IX., Krrggassr 4, geleitet roerden wolle«. Wahrheiten vom Tage Belagerungszustand in Wien. Wenn auch nicht de jure, so doch de facto. Es ist nämlich dazu gekommen, daß Wissenschaftler, die bei uns Vorträge halten wollen und nicht stillschweigende Gutheißung der vereinigten Antisemiten finden, an Leib und Seele geschützt werben müssen. Der Fall Magnus Hirfchfeld hat die Polizei für den Fall Nicolai gewitzigt und in Bereitschaft gesetzt. Es mußte ein derart starkes Wachegebot in Tätigkeit gesetzt werden, daß die Umgebung des Vorrragssaales von Fußvolk und Berittenen starrte. Es sah nach Humor aus, wenn Pros. Nicolai den ihm gewordenen freundlichen Empfang als Entschädigung dafür betrachtete, daß ein Pazifist durch ein kriegerisches Aufgebot geschützt werden mußte. Dieses Scherzwort hat einen bitter ernsten Hintergrund. Es beleuchtet den Terror, den eine Bubenrotte ungestraft üben darf. Nicht immer so ganz ungestraft, denn die Chronik meldet, daß ein hakenkreuzlerischer Wegelagerer, der am Nicolai-Abend einen Juden atrakierte, von dieseui durch eine ortsübliche „Watschen" in die gebührenden Schranken gewiesen wurde. Es darf aber letzten Endes doch nicht znm nackten Fanstrecht kommen. Nach der jüngsten Bluttat, deren sich die monarchistischen Hakenkrenzler gegenüber friedlichen Arbeitern im 13. Bezirke schuldig machten, ist diese Gefahr drohend nahe gerückt. Wie in allen bisherigen Fällen schritt die Polizei erst nach vollbrachtem Verbrechen ein. Hoffentlich wird sie threm europäischen Ruf -als Entdeüerin der Verbrecher auch hier restlos rechltferiiigen und das Uebel -bis an seine Wurzeln erfassen. Für eine Spielart der Ku-Kux-Klane>r darf Wien keine Stätte der Betätigung sein. Schon spricht es sich in aller Welt herum, daß in unserer Stadt die Sicherheit der Personen gefährdet sei und man sich den Aufregungen und Gefahren nicht ohne zwingende Not aussetzen niöge. Die oben erwähnte Episode ans Hietzing I lehrt, daß die Bewegung der deittschnationalen Maffia sich nicht ans Judenverprügelnngen beschränkte, daß der Fremde, wenn er sich nicht reaktionär-monarchistisch legitimiert, hier auf vulkanischem Boden tritt. Angesichts dieser unleugbaren Tatsachen rührt man die Werbetrommel für den Wiener Fremdenverkehr. Erst dieser Tage wurde m einem Fachblatte berichtet, daß die Propagandastelle der Wiener Internationalen Messe jeweilig 1(4 Milliarden Kronen verausgabte, wobei hauptsächlich die Heranziehung der Handelskreise -beabsichtigt wird, die nicht zum geriiingen Teile dem Judentnme angehören, oas sich wohl bedanken dürfte, Leben und Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Unter dom Schreckensregiment der Hakenkreitzler genügt es schon, daß diesen die Nase eines Fremden aufreizend erscheint. So kann und darf es nicht welitergehen. Herrn Millenkovich und seine Gesinnungsfreunde, aber auch die Berantwortkichen möchten wir fragen, ob die Fidschiinsulaner den Inden oder diesen Deutschen näher stehen? Entjudung und Verdeutschung des alte» Testaments. Der schon gerichtsbekannte Chefredakteur des deutschvölkischen Organs „Deirtsche Zeitung", der frühere Sozialdemokrat Max M a u r e n b r e ch e r, veröffentlicht in seinem Blatte einen längeren Artikel über ein neues Buch des deutschbaltischen Schriftstellers Heinrich L h o tz k y, welches einen Versuch darstellt, das alte Testament in altgermanischen Sinn umzudichten. Die lieberschriften der einzelnen Bücher tragen Namen aus der altgermaniischen Mythologie, wie „Wchinei", „Urd", „Werdandi", „SkM". Nach dieser Ordnung erzählt Lhotzky die Vätergefchichte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.