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Die Wahrheit · 1923-03-01 · Heft 5 (1.3.1923) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 5 (1.3.1923)
Date
1923-03-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Unabhängige Zeitschrift für jüdische Interessen Redohtion und Administration: Wien II., Getaeftrafte 13 — 5-rncuf 42.2-16 Mit dem Beiblatt. Veröffentlichungen der «Amon deutschöfterreichlschrr Juden- XXXIX. Jahrgang Wir». 1. M»rr ISSS _Nummer 5 Zum Purimfeste. Ernstes und Heiteres ist in diesem Feste vereint. Schmerz und Frieiulde, Gefahr und Rettung liegen hier dicht neben einander. In dem ihm zugrunde liegenden Buche Esther treten beide Züge 'unverkennbar hervor. Hochgespannt erscheinen -da die Saiten im Gem-üte des im persisch-modischen Reiche wohnenden Judentums. Der tragische Höhepunkt ist Erreicht: „Sack und Asche angesichts der Todesgefahr und eim bitteres schmerzliches Schreiet!" über srevle Gewalt. Ganz plötzlich tritt eine in dieser Form und in diesem Umfang nicht im geringsten erwartete Rettung ein. Aechzen und Klagen weichen im Nu vor den Gefühlen der Wonne über die Befreiung aus schwerster Lebensnot. „Licht und Freude, Entzücken und frohes Selbstgefühl" über das wieldergowonnene kostbare Gut des Lebens erfüllen die Herzen, aber mitten aus dem Ernst der Situation bricht .durch die Schilderung von -der ratenden Wirkung der Humor hervor. Der Erzähler nruß unter Träne« lachen. Er weist aus das kölnische Moment in der Situation Ham ans hin, als dieser in jener nächtlichen Szene die entsetzlichste Enttäuschung erlebt, die ihn aus allen geträumten Himmeln s.'ines hvchamtliehen Dünkels und maßlosen Ehrgeizes ui eiderschmettert, da er dem von ihm so tief, obschon ohne triftigen Grund Gehaßten alle die Ehren ertoeisen muß, die er als den schönsten und idealsten Traum seines Löbens für sich selbst erwartet und beansprucht hatte. Diese Komik >m der Situation Hamans, der in dieselbe Grube fällt, die er dem andern gegraben, diese Verwandlungen zwischen Mordechai und Haman, indem dieser vor jenem tief gedemütigt, während jener mit den höchsten Abzeichen bekleidet erscheint, diese bei allem Ernst zum Lachen reizende Wendung hat im Bolksgemüte au diesem Feste jene Heiiberkeit der Stimmung ansgelöst, welche sich irr Scherz und Witz, in der alten Sitte des Hamanklopfens und des Purimsspiels, in allerlei Mummenschanz, Verkleidung und Maskeraden äußert. So grausam und von so niedriger Gesinnung auch Haman nr allen seinen Handlungen sich darstellt, er erscheint in der Erzählung mehr von dür Seite einer lächerlichen Figur. Darin hat er aber in früheren Zeiten, wie auch noch in der Gegenwart Schule, gemacht. Denn voev könnte wohl verkennen, daß den Lndendorfss, Franks, Hitlers, Schlögls und wie die vielen anderen hier zu Lande nuio außerhalb Deurschösterweichs heißen mögen, Eharakterzüge anhasten, die jenen ihres Musterbildes ähneln, und daß sie gleich jenen dem Fluche der Lächerlichkeit Versalien sind. Die obige Erwähnung des neuesten Ritnalmvrdsachverständigen ist Bemnlassnng dazu, daß wir unseren Lesern mM-eiken wollen, daß die erste geschichtlich nachgwiiesene Mordbeschnldigung an einer« Purimfefte gegen die Fuden erhoben wurde. Wohl hat es sich in diesem Falle nicht um die erst im 0. Jahrhundert ansgekommene Nachrede gehandelt, die Juden ermordeten Christenkinder deshalb, weitste ihr Blut zu gottesdienstlichen Gebräncken nötig hatten, der Fall aber ist immerhin historisch interessant und wert, hier wiedergegeben zu werden. Beim Purimseste in der Stadt Chalcis um Jahre 411 n. Ehr. war eine Gesellschaft von Inden irr eine derart fröhliche Stimmung gekommen, daß sie nicht mehr recht wußte, ob sie „Hoch lebe Mordechai!" und „Arr den Galgen mit Haman" oder umgekehrt riefen. In der Trunkenheit sollen sie aber auch so weit gegangen sein, daß sie einen Christenknaben kreuzigten. Die Veranlassung zu diesen (Gerüchten hat der Gebrauch der Inden gegeben, eine Figur, die den Haman vorzustellen hatte., am Galgen baumeln zu lassen! Schlögl ist heransgefordert worden, seine Anschuldigungen gerichtlich zu beweisen. Er wird der Stätte des Gerichtes ebenso ausweichen, wie es seinerzeit Rohling berüchtigten Angedenkens getan, lieber diesen anläßlicn des Purimfestes folgende Episode aus dem Beweisrerfahren zur Gerichtsverhandlung Bloch-Rohling, der der letztere scheu aus dem Wege ging. Für ihn und seine Bestrebungen war es stets vom .höchsten Wert und fohrerwünscht, wenn er einen getauften Inden, unbescholten und -ehrenhaften Charakters, als Zeugen für seine Anklagen gegen die Inden -wegen Ritualmordes hätte finden können. Und Dr. Rohling behauptete wirklich, einer solcher! Gewährsmann in der Person des Pa-olo Medici entdeckt zu haben. Er spricht sich hierüber in seiner Schrift „Meine Antworten an die Rabbiner", S. 95 in folgender Weise aus: „Zur Crlänterrmg des Thomassalles — Er mordung des Franziskanerpaders im Fahre 1840 in Damaskus — erwähnen wir nach -der Meldung des Er rübbi Paolo Medici — Riti e Costumi desli Ebrei c. 2(> - - Gebräuche und Trachten der Hebräer, — daß man am Purim feste einen Christen zu töten sucht zum Gedächtnis Hamans, daß man aber in Ermanglung eines Ehristeus auch einen Türken oder Heiden und Männer und Weiber nehmen kann." Zum Zwecke der Verlesung vor den Geschworenen bei der Verhandlung ließ der Wiener Gerichtshof das 26. Kapitel des genannten Buches durch oen beeideten gerichtlichen Dolmetscher Notar Leone Roncati ins Deutsche übersetzen, und was loar darin zu lesen? In dem ganzen 26. Kapitel, welches allein vom Purimfefte Handel!, findet sich -an keiner Stelle ein einziges Wort, aus welchem mit bum Aufgebote aller Einbildung straf! und Dendungskunst auch nur annähernd etwas dem Rohlingschen Zitate Aehnliches entnommen werden könnte. Fu keiner der Ausgaben des Buches, das in

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