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Die Wahrheit · 1923-02-01 · Heft 3 (1.2.1923) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 3 (1.2.1923)
Date
1923-02-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Unabhängige Zeitschrift für jüdische Interessen Redaktion und Administration: Klon IL* Qeincftcafte 13 — Zernruf 43-r-tO Mtt drm Beiblatt: Veröffentlichungen -er «Union deutschSsterrekchkscher Juden" XXXIX. Jahrgang ' Mir«, 1. Februar 1923 Nummer 8 Was in Wien erlaubt ist. Glossen zur jüngsten Autisemitenparade. Acht Tage vor dem Aufmarsch «der vereinigten Wiener Antisemiten brachte die „Deutschösterreichische Tages- Zeitung", das tollwütigste der Hetzblätter, Es Seite 10 und 11 der Ausgabe vom 13. Jänner einen Aufruf des völkisch-autisemitijschen Kampfausschusses, der folgendermaßen anhob: „Der Worte sind genug gewechselt, laßt uns auch endlich Taten (d. h. Gewalttaten — d. Red.) scheu." Um keinen Zweifel über diese Meinung aufkommen zu laßen, heißt es dann i«n fettester Schrift: „Die Uebermacht des Judentums Muß gebrochen werden! K o st e e s, w a s e s w o l l e! (Auch das Blut der irregeführten Sturmtruppen — die Red.) Welch Geifteskmder die um K. H. Wolf arbeitenden Kampsausschüßler sind, mögen einige Stichprvhsu zeigen, die wir dem-breitsperrigen Aufruf entnehmen. Da wird vor allem behauptet, daß die Juden nie und nimmer Deutsche sein können, so wenig, wie ein Mongole, Neger oder Indianer ein Deutscher werden kann; man bemerke nur die Schädelbildung des Juden, seine Ohren, Augen, Lippen, Hand- und Beinbewegungen. Letzten Endes wird dem Juden so wenig Menschenrecht zuerkannt, wie einer Ratte, die nagen und zerstören muß, was Menschenfleiß geschaffen. Diese arisch-antisemitische „Rgssentheorie" hat erst vor einigen Tagen eine glänzende Beleuchtung durch den Ausspruch des Herrn Hosrates Millenkovich erhalten, wonach ein Jude den F i d s ch i i n s u l a n e r n näherstehe als einem Deutschen. Zwischen solchen Stilblüten der , Jdiotik erscheinen die sattsam bekannten Talmudgebote, in denen den Juden als religiöse Vorschrift Diebstahl, Betrug, Raub usw. an den Christen dringend ans Herz gelegt wird. Und nicht genug damit, mit fetten Lettern gedruckt, steht auch noch buchstäblich zu lesen: ' „Gojim barf man nicht geradezu töten, aber man darf sie auch nicht retten, wenn sie in Todesgefahr sind. Man darf sie nicht von einer tödlichen Krankheit heilen, auch nicht gegen Bezahlung." Dann heißt es ausdrücklich in dem Aufrufe: „Das sind einige, wahllos herausgerissene Proben vom Geiste des Talmuds, in dem jeder (das Wort ist in dem Aufrufe unterstrichen, b. Red.) Jude von Kindesbeinen an auferzogen wird . . . (das Folgende ist fett gedruckt:) Der Talmud wird heute noch in den jüdischen Schulen gelehrt, in seinem Geiste wird ausnahmslos jeder Jude erzogen." Wenn diese dom Schurken Brimanus im Auf' trage zweier anderer (siehe Prozeß Rohling in I. Blochs Erinnerungen) angefertigten Beschuldigungen auf Wahrheit beruhen, dann muffen die strengsten Maßnahmen gegen jene ergriffen werden, 'die «die jüdischen Kinder als Verbrecher heranziehen. Sind jedoch diese Beschuldigungen fälschlich, aus gewissenloser Tücke oder aus frivoler Leichtfertigkeit vorgebracht, dann müssen jene zur Verantwortung gezogen werden, die die christliche Wiener Bevölkerung gegen Unschuldige in sehr gefahrdrohender Weise aufreizen. Der Renegat Brimanus hat sich dabei nicht sehr angestrengt. Er hat bloß von Eisenmenger und Pfefferkorn, fortgetragen. Aus diesem dreimaligen Absud braut die „Deutsche Tages-Zeituug" ihr Gifttraukleiu. Warum geniert sich diese aber, die Namen der Talmudkenner zu nennen, denen sie, blinden Glauben schenkend,- die Beschuldigung des Talmuds nachschreibt. Vielleicht deshalb, weil >der sine, Rohling, feige ausgeknissen ist, als ihm vor 30 Jahren der Preis von 3000 Gulden für den Fall angeboten wurde, daß er auch nur e i n >e Seite im Talmud zu lesen imstande sei? Das ist der „Talmudgelehrte", dem die größten christlichen Autoritäten auf dem Gebiete des hebräischen Wissens zu wiederholtenmalen das Brandmal auf die Stirne gedrückt hatten, daß er ein „Ignorant", ein „Fälscher", ein „Meineidiger" sei. Der letzte antisemitische Lehrling in Deutschland würde es verschmähen, mit so abgebrauchtem Werkzeug sein Gewerbe zu betreiben. Nur bem weltbekannten dummen Karl von Wien darf ein gleich dummer so etwas bieten. Schließlich wird eine oft wiederholte Lüge, besonders wenn sie schwarz auf weiß kommt, für Wahrheit genommen. Es ist wie in dem Geschichtchen dom „Lax, der vielleicht doch gelaufen ist". Da muß nun an die Verantwortlichen dw Frage ergehen, ob es statthaft ist, in einer Stadt voll elektrischer Ladung gefährliches Treiben mit dem Zunder der Funken zu 'dulden? Die deutsche Reichsregierung hat — allerdings erst, als die völkische Bewegung zu einer Reihe von Bluttaten geführt — das Gesetz zum Schutze der Republik geschaffen. Auch die deutfchösterreichische Republik bedarf eines solchen Gesetzes zu ihrem Schutze, bevor der Bürgerkrieg entfesselt wird, auf den es unsere Frontkämpfer und Gleichgesinnte abgesehen haben. Man lasse sich doch nicht von der heuchlerischen Phrase irreführen, daß es den Ruhestörern bloß um die Geltendmachung des Numerus clausus geht. Numerus clausus wird es geschrieben. Im Jerzabek-Deutsch aber heißt es Raub, Plünderung, Totschlag. Leichter ist es, sin Rad an feiner Bewegung zu hindern, als es in seinem Lauf zu hemmen. „Aus der WvMe ohne Wahl, zuckt der Strahl." Wir könnten im voraus.bestimmen, wo er einschlägt, was er zerschmettert? Die reichsdeutsche Regierung hat, als sie den furchtbaren Ernst der Lage erkannte, die gefährlichsten nationalen Vereine aufgelöst, die bösartigsten Zeitungen unterdrückt.

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