Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 2 (16.1.1923)
- Date
- 1923-01-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion und Administration? Wien ll„ yelnestrotze 13 — Strnzuf «-r>id Unabhängige Zeilschrist für jüdische Interessen Mit de« Beiblatt: Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Jude«- XXXIX. Jahrga«, - Wie«, 1«. gämte* 1983 Mommtr 2 KeinrichHeine und die deutsch-ftanzösische Verständigung.*) Von Hermann W e n d e l. Bor zwei Menschenalter, am 17. Februar 1856, starb in seiner „Matratzengruft" zu Paris Heinrich Herne. In seinem-letzten Willen, den er fünf Jahre zuvor unter Beachtung aller gesetzlichen Vorschriften zu Papier gebracht hatte, fanden sich die stolzen Sätze: „Es war die große Aufgabe meines Lebens, ' an dem herzlichen Einverstänid- . niste zwischen Deutschland und Frankreich zu arbeiten und .die Ränke der Feinde der Demokratie zu vereiteln, die die internationalen Vorurteile und Gereitzth eiten zu ihrem Nutzen ausbeuten. Ich glaube mich sowohl um meine Landsleute wie um die Franzosen wohlverdient gemacht zu haben, und die Ansprüche, die ich auf ihren Dank besitze, sind ohne Zweifel das wertvollste Vermächtnis, das ich meiner Universalerbin zuwenden kann." In der Tat bildete die Wirksamkeit für die, deutschfranzösische Verständigung insofern den Grundklang von des Dichters Schaffen, als er auf jeder Entwicklungsstufe seines Lebens dem unwandelbaren Glauben an die notwendige Verbrüderung der beiden „auserwählten Völker der Humanität" treu blieb". Zu -dieser seiner erhabenen Sendung riefen die Stimmen des Blutes den niederrheinischen Juden auf, denn in seiner Heimat hatten die Franzosen im Sturm Me Herzen erobert, als sie in den Jahren um Heines Geburt als Träger der bürgerlichen Revolution diese gewerbefleißigen und' darum bürgerlich gesinnten Gaue in Besitz nahmen. Wo die Heere der Frankenrepublik erschienen, hörten Feudalismus und jedwede Form von Hörigkeit auf, fielen alle Vorrechte des Adels, kam bürgerliches Recht zur Geltung, waltete eine von der Verwaltung losgelöste Gerichtsbarkeit unter VMvirkung von . Laien ohne Ansehung des Standes chres Amtes und traten reicht zuletzt die Juden aus dem dumpfen Dunkel des Ghettos in das helle Lkcht der bürgerlichen Gleichberechtigung. All diese segensreichen Folgen der Franzosenherrschaft vergaßen sich am Rhein nicht so leicht, und mit Unnrut, wre unter das Joch einer Fremdherrschaft, beugte mau sich hier nach 1815 unter die Abhängigkeit von Berlin, Frankreich als das eigentliche Vaterland mit der Seele suchend: „Kein Mensch ist mehr hier", berichtete in jenen Tagen ein Regierungsmann aus Koblenz dem Staatskanzler, „der nicht Gott auf den Knien danken würde, wenn das Land wieder unter französischer Botmäßigkeit stünde". *) Mit besonderer Genehmigung des „Berlages für Sozialwissenschaft, G. m. b. tz.", Berlin SW. 68, Lindenstratze 114, aus dem soeben erschienenen Essaybande „Aus drei Kulturen". Mr verweisen auf die diesbezügliche Rezension an anderer Stelle der vorliegenden Nummer. Gerade die Begeisterung für Napoleon, die in einem der ersten Gedichte Heines, der BMade von den zwei Grenadieren, ihre freudigen Raketen losbrannte, flammte in den Herzen aller Rheinländer, und darüber hinaus folgten, angewidert von der Totenstarre unter dem Leichentuch des vormärzlichen Absolutismus, die freieren Geister in ganz Deutschland mit derselben Spannung wie Heine den Verhandlungen der französischen Kammer, in der achtzchntes und neunzehntes, Jahrhundert, Restauration und Revolution miteinander stritten. Sern berauschter Jubel über den Sieg der Julirevolution drang ebenso stürmisch ans der Brust aller Widersacher des Mittelalters in ganz Europa, und als der Dichter, unwiderstehlich angezogen von der .„großen Woche", im Jahre 1831 für immer seinen Wohnsitz in Paris aufschlug, fand er, aus der Nähe betrachtet, viele Dinge, zwar mvnder erbaulich, als sie in der Ferne erschienen waren, aber er liebte Frankreich nach wie vor als die „rote Erde der Freiheit", wo nach einem niedergeschlagenen Aufruhr unter dem Standrecht mehr Preßfreiheit herrschte als innerhalb der deutschen Grenzen zu ruhiger Zeit, und fühlte sich, trotz häufiger Anfälle von Heimweh, in dem politisch und gesellschaftlich so regen Leben des ewig bewegten Landes wohl. Aber nicht nur seine unverwüstliche Neigung zu Frankreich hieß ihn die Hand der Deutschen und Franzosen brüderlich ineinander legen, sondern ebensosehr seine Liebe zu Deutschland, freilich nicht zu dem traurigen Deutschland der Metternich und Kamptz, der Bundestagsbefchlüfse und der Demagogenjagd, sondern zu einem freieren und besseren Deutschland der Zukunft. Auch hierin deckte sich sein Empfinden mit dem der entschiedensten Vorkämpfer gegen den Despotismus. Die echten Deutschtümler, die, wie der querköpfige Vater Jahn, eine „Hamme", einen undurchdringlichen Urwald zwischen Deutschland und Frankreich wachsen lassen wollten, oder wie Heinrich Leo die Franzosen als ein Asfenvolk und Paris als die erste Stadt des Satans schmähten, waren auch im Innern die unbewußten und bewußten Helfershelfer jeden Stillstands und jeden Rückschritts. Die hingegen der bürgerlichen Klasse Ellbogenfreiheit gegen Absolutismus und Feudalismus erkämpfen wollten, wandten hoffnungsfreudig den Blick nach der französischen Hauptstadt, und unter ihnen ging damals der Gedanke eines dmtsch-französischenBündnistesaks kleine Münze von Hand zu Hand. Auch Heine dachte, als er die Fahne der deutsch-frantzösischen Verständigung erhob, der deutschen Freiheit eine Gasse zu brechen, denn nur ein demokratisches Deutschland tauschte mit einem demokratischen Frankreich den Bruderkuß, und „wenn wir es dahin bringen", schrieb er begeistert, „daß die große Menge die Gegenwart versteht, so lasten die Völker sich nicht mehr von den Lohnschreibern