Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 21 (27.10.1922)
- Date
- 1922-10-27
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 Die D a hrheit Nr. 21 der „Wiener Morgen-Zeitung" ist jüngst ein Artikel erschienen, der geeignet ist, die Rabbiner Wiens und andere Kuttusfunktionäre in der Oeffentlichkeit der Verunglimpfung und Verachtung preiszugeben. Der Rabbinevverband in Wien hält es Kr angezeigt, diese schweren Anschuldigungen und Beleidigungen nicht stillschweigend hinzunehmen. Wohl „steht der schuldlos Beleidigte höher als der Beleidigende" und „der Gerechte hört seine Schmähung und er-, widert nicht". In diesem Falle könnte jedoch Schweigen als Zustimmung ausgefaßt werden. Der Angriff der „Morgen-Zeitung" wendet sich gegen Anforderungen, die angeblich bei freudigen und traurigen Anlässen von den Genannten an die beteiligten Parteien gerichtet würden, sowie gegen die Annahme solcher Emolumente. Grundsätzlich fei hier zunächst festgestellt, >daß der Rabbiner zur Teilnahme an der Trauung verpflichtet ist, nicht aber zu einer auf besondere private Verhältnisse eingehenden Traurede, Pie sie auf Wunsch auch.Lei Gratistvauungen an das Brautpaar gerichtet werden. Diese private Sonderleistung pflegt von den Parteien honoriert zu werden. Die Annahme einer solchen Vergütung einer auf privaten Wunsch und auf Grund besonderer Information erfolgten Leistung ist als durchaus ehrenhaft zu bezeichnen und wird von den Parteien als nobile officium angesehen. Dies war von jeher der Standpunkt der Rabbiner ebenso wie der jüdischen Oeffentlichkeit, und er ist es unangefochten bis heute geblieben. Die Teilnahme des Rabbiners an Beerdigungen ist keineswegs eine aus seinen Berufs- Wichten erwachseiwe Leistung. Der Nachruf entspricht vielmehr einem Wunsche der Lsüdtvwgeiäen, -der einem Herzensbedürfnis nach . Ehrung des Verstorbenen und Tröstung der Hinterbliebenen entspringt. Den Parteien scheint es als' selbstverständlich, daß diese mit physischer und geistiger Anstrengung verbundene Erfüllung chrer Wünsche geziemend zu honorieren ist. Wieviel Dankbarkeit und Anhänglichkeit, wieviel Freundschaft und dauernde Verbindungen sich aus diesem in Freud und Leid gewahrten BeistaA» sich ergeben, wird die jüdische Oeffentlichkeit, in deren Diensten der Rabbiner steht, mit seltenen Ausnahmen 'bestätigen und über das Wirken des Rabbiners ein wesentlich anderes Urteil fallen, als jener Artikel der „Morgenzeitung". Es bedarf keines besonderen Hinweises daraus, daß der Rabbiner, ohne auf Dankbarkeit oder Honorierung zu rechnen, seine Zeit und Kräfte uneingeschränkt den Mitgliedern feiner Gemeinde zur Verfügung und sein Haus dem - Hilfesuchenden offen hält. Erst nach heißen, ihnen aufgenotigten .Kämpfen, die sie nur mit Widerwillen aufnahmen, haben die lllabbiner der Wiener Kullusgemeinde die jetzige Gehaltslage errungen, die aber weitaus nicht dom sehr bescheidenen Friedensgehalte entspricht. Es darf bei dieser Gelegenheit betont werden, daß die Rabbiner an den bei der Kultusgemeinde zu erlegenden Taxen keinerlei Anteil haben. Not und Sorgen haben so manchen unter rhrren schwer heimgesucht und sind auch heute noch nicht gewichen. Im Bewußtsein >des schweren Unrechtes, das ihnen durch den Angriff in der „Morgenzeitung" zugefügt wird, erhoben sie mit aller Kraft Einspruch gegen diese Herabsetzung und Verunglimpfung ihres Wirkens wie gegen joden Versuch, chre Ehrensteüung zu erschüttern. Entgegennahme von Emolumenten findet bei allen Glaubensbekenntnissen statt, ohne daß in den Augen der Gemeinde der Seelsorger hiedurch an Ehre einbüßen oder sein VerhAtnis zu ihr getrübt würde. Die Wiener Rabbiner glauben, mit ihren Gemeinden in Liebe, Frieden und Eintracht zu leben, ihnen ihr Bestes zu geben und 'den Dank Kr ihre Sonderleiftungen, wenn er in geziemender Form erfolgt, unter den gegebenen Zeitumstanden ohne. Einbuße an Standesehre annehmerr zu dürfen. Dieses VerhAtnis ist so fest begründet, daß es selbst durch die gehässigsten Angriffe nicht erschüttert werden kann. Die Wiener Rabbiner weisen diese Schmähungen mit tieffter sittlicher Entrüstung zurück. Sie körmen die Quellen, denen sie entsprungen, nicht verschütten. Gegen eine solche Einflußnahme auf die öffentliche jüdische Meinung ihr gutes Recht ^u verteidigen und das Publikum hierüber aufzuklären, halten sie ledoch Kr eine Wicht, der 'die vorstehende Erklärung dienen soll. Der österrreichische Kantorenverein hat in seiner am 18. Oktober l. I. stattgehabten Vollversammlung mit bezug auf den Erlaß der Wiener israelitischen Kultusgemeinde vom 1. Oktober l. I., Z. 37921, folgende Resolution gefaßt: Der Kantorenverein erblickt in dem Erlaß eine schwere Beeinträchtigung wohlerworbener Rechte der Funktionäre, sowie eine Verunglimpfung der Ehre derselben und beschließt daher, gegen Liefen Erlaß in einer an den Kultusgemeindevorstand zu richtenden Eingabe in entschiedenster Weise Stellung zu nehmen. Tie fteiwilligen Zuwendungen der Gemeinde-Mitglieder anläßlich bestimmter religiöser Funktionen an diejenigen, die diese Funktionen verrichten, entsprechen als reine, vielfach einem Herzensbedürfnisse der Parteien entsprechende Liebesgaben, nicht nur einem alett Brauch, sondern sollten zugleich lie Lebenshaltung der damit Be>ryt?n namentlich dann, wenn die Gemeinde selbst ihren Funktionären nicht eine der Würde ihrer Stellung. Rechnung tragende auskömmliche Existenz zu sichern vermocht^, erleichtern. Diese Zuwendungen stellten eben jene Emolumente dar, die den Funktionär>n vom Tage ihrer Anstellung an schon Kraft eines Gewohnheitsrechtes, wenn nicht auch aus Grund besonderer Zusage zustehen. Run muß konstatiert werden, daß selbst die Funktionäre der Wiener Kultusgemeinde trotz erfolgter, den Zeitverhältnissen angepaßter Regelung ihrer festen Bezüge leider noch lange nicht materiell so günstig gestellt sind, 'daß ihnen zugemutet werden könnte, jene Zuwendungen, insoferne diese nicht gegen ihre Würde verstoßen, zurückzuweisen. Involviert daher der Erlaß schon einen Eingriff in die Rechte der Kantoren der israelitischen Kultusgemeinde, so gilt dies noch in einem weit höheren Maße von den Kantoren der hiesigen Tempelvereine, die nicht in Diensten -der israelitischen Kullusgemeinde stehen, -für ihre Leistungen auch nicht von dieser bezahlt werden und mit ihren Nebenemolumenten As einem integrierenden Bestandteil ihres Einkommens besonders zu rechnen haben. Der bedauerlicherweise kundgemachte Erlaß ist überdies auch geeignet, die Ehre und das Ansehen der Gemeinde selbst, deren Funktionäre dadurch förmlich eines lästigen Verhaltens gegenüber den Parteien bezichtigt werden, in der Oeffentlichkeit hevabzuse^en, und muß. daher von dem österreichischen Kantorenverein trotz des unangebrachten und geradezu übelwollenden Jubels, mit welchem der Erlaß in der „Morgenzeitung" vom 14. d. begrüßt i 'urde, auf das tiefste beklagt werden. Der Kantorenverein beschließt, den Widerruf -dieses Erlaßes an kompetenter Stelle energisch anzustreücn. Amtsjubiläum. Zu -der gleichnamigen Notiz in der vorigen Nummer erhalten wir folgenden Bericht: Am Abend des 10. d. -wurde über Einladung der BezirWornmifsion Floridsdorf im dortigen Tempel das 25jährige Amtsjubiläum des Bezirksrabbiners Dr. Moritz Ros e it* mann -gefeiert. In dem dichtgefüllten Gotteshause bemerkte man Delegierte der Bezirksvertretung, den Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde Pro>s. Dr. Al. Pick, Vertreter des Wiener Rabbinates, die zum Teil mit ihren Damm erschienen waren, Prof. S. Kraus, Präsidenten Heinr. Grünwald, Frau Donreich von der weiblichen Fürsorge und andere mehr. In seiner Festrede fand Herr Rabbiner Dr. Feuchtwang warine, 'freundliche Worte für das verdienstvolle Wirken seines Amtsgenossen. Oberkantor Morgenstern und der Gemeindechor exekutierten hierauf einige Gesänge. Nun gedachte der Jubilar in rührender Rede seiner Amtstätigkeit in Floridsdorf, insbesondere feines Zusarnmenwirkens mit dem entschlafenen Präsidenten Emanuel G r ü n w a l d. Ansprachen hielten sodann an den Gefeierten Herr Medizinalrat Dr. K o e n i g und, als ehemaliger Schüler, Herr Kommerzialrat Cznczka. Trauung. Montag, den 16. d. M. fand im Tempel des 2. Bez.,' Pazmanitengasfe, die Trauung des Herrn Norbert S ch i f f e r e r und des Fräulein Hilda S chwar z, Tochter des allgemein hochgeschätzten Restaurateurs Herrn Jacques Schwarz und seiner Gattin Regine stakt. Rabbiner Dr. S. Funk hielt an das Brautpaar eine eindrucksvolle Ansprache und verwies zunächst auf die echt jüdischen Tugenden der Brauteltern, sowie auf das erhebende Familienleben im Hause der Familie Schwarz. Sodann betonte Sr. Ehrwürden in beredten Worten -die treue. Hingabe der Braut an ihren Vater, den ältesten jüdischen Restaurateur der Leopoldstadt, die sich besonders rn den schweren Kriegsjahren äußerte, da sie, als der einzige Bruder, Herr Ing. A. Schwarz, -dem Ruf zu den Waffen gefolgt war, -dem geliebten Vater zur Seite stand. 70. Geburtstag. Aus Anlaß des Ehrentages des Herrn Oberkantor Jakob Bauer fand Samstag, den 21. d. M. itm Türkisch-israelitischen Tempel ein Festgottesdienst statt. Wir werden auf diese Feier in der nächsten Nummer unseres Blattes zurückkommen. Predigt. Freitag, -den 27. d. M. findet int großen Leopoldstädter Tempel eine Predigt Sr. Ehrw. des Herrn Rabbiner Dr. Max G runwald statt.