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Die Wahrheit · 1922-10-27 · Heft 21 (27.10.1922) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 21 (27.10.1922)
Date
1922-10-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 Die Wahrheit Nr. 21 sUW Wahrheiten vom Tage ij| Ordnung und Freiheit. Es war eine bewußte Irreführung, die blutigen Ausschreitungen -anläßlich der doutschnationaken Versammlung im Berliner Zirkus Busch am 16. d. M. als eine Erscheinung lokalen Charakters AU werten, wie es auch sine Fälschung ist, wenn die schuldtragende Partei sich als „Bund für Ordnung und Freiheit" geviert, es wäre denn, daß man darunter eine Freiheit versteht, die sich des Mordes und Totschlags bedient, um jene Ordnung zu schaffen, «die dem Monarchismus in der deutschen RepubM die Wege bereiten soll. Am 15. L. M. versammelte sich der ,Burid für Ordnung und Freiheit" unter «der Parole „Schlagt die Juden tot!" und wenige Tage später konnte der Reichskanzler Wirth dein Reichstage die erschütternde Meldung machen, daß gegen Hn und eine Anzahl, von deutschen Ministern Anschläge aus deren Leben in Borbeeidung waren. Nur dem Zufall, daß der gedungene Attentäter es mit der Angst bekam und den Plan verriet, dankt man es, wenn die Verbrechen bisher nicht zur Ausführung kamen und keine weiteren Blutopser zu verzeichnen sind. Aus alledem geht hervor, daß in WaÜh er Ratheniau nicht nur der Jude allein, fordern der Staatsmann gefällt wurde, der wirklich die Ordnung und Freiheit seines Vaterlandes anstrMe. Es ist sonach erwiesen, daß die Deutschnationalen, welchen Titel sie immer vorschützen, lauf das Verderben des Deutschen Reiches lossteuern und als die Helfershelfer der Entente, namentlich Frankreichs, anzusprechen sind. Geschrchtsfälschung im Dienste schmähligster Demagogie ist es, wenn behauptet wird, das Genfer Uebereinkommen mit seiner „Knechtung Oesterreichs" habe den Franzosen das Signal gegeben, auch dem Deutschen Reiche die gleiche Behandliungsweise angeideihen zu lassen. Die Wahrheit ist, daß selbst der Rücktritt Lloyd Georges, des einzigen Anwalts der Deutschen, nicht di>e neueste Katastrophenwendung verursacht hat, 'daß vielmehr seit dem Bekanntwerden des neuesten völkischen Tervorkurses die würgendsten Griffe der französischen Faust einsetzen, und zwar unter dem plausiblen Borwand, daß einem Staate gegenüber, der sichtlich der Anarchie zutreibe, jede Sicherung erlaubt und geboten fei. Es scheint daß auch die gesamte europäische Politik diesen Standpunkt teilt, denn gerade feit dem 15. d. M., dem kritischen Tage der Männer für „Ordnung und Freiheit" hat der katastrophale Marksturz eingesetzt und noch nicht seinen tiefsten Punkt «erreicht und damit das Mißtrauen in die staatlichen und wirtschaftlichen Zustände des Reiches ausgedrückt, denn die verlogene Flügge „Ordnung und Freiheit" droht beides zu rauben, sofern die strafende Hand nicht der. Hydra dre gefährlichsten Häupter -abschlägt. Offenen Auges durch die Weltstadt Berlin. In der „Wiener Mttags-Zeitnng" veröffentlicht ein leider ungenannter Schriftsteller unter obigem Titel die Eindrücke, die er in Berlin gewonnen hat, dieser Stadt, die sich mit Recht und Unrecht „Weltstadt" nennt. Mit Recht, weil diese Stadt Leute in sich beherbergt, die heute die „große Welt" repräsentieren, mit Unrecht, weil diese „große Welt" eben :— keine Welt ist, vielmehr eine Gesellschaft, vor der jedem kultivierten Menschen das Grauen angeht. Besonders gilt dies von den Dakenkreuzlern, die der Gewährsmann der „Wiener Mittags-Zeitung" folgendermaßen charakterisiert: Arische Heldenjünglinge mit nüdlichneckffchen Hakenkreuzen, schwarzweißroten Rosetten und — wie wird mir nur, o Wulle! — mit goldenen Armbändern, teils an den Handgelenken, teils auch an und O-beinig ausgeschweiften Fußgelenken, schämig-dämlich, unter taubengrauen, letztmodigen Seidensocken verborgen und gerade noch zu sehen! Und wie diese „arischen Heldenjünglinge" sich glorreich betätigen, sagt uns der Artikelschreiber auch, sagt es uns in jener sarkastischen Weise, von der er Proben in obiger Charakterisierung geliefert hat: An der Ecke brüllt jemand im gleichen Tonsall, wie die Glocken: „Gegen die Juuuuden!" „Gegen die Juuuuden!" „Die jüüüüdische Gefahr!" „Das deutsche Wochenblatt!" Da strahlen sie alle: die durchaus vornehmen Zuhältervisagen' und Hochstaplerphysiognomien, die kleinen Dämchen mit der Leichnerschminke und dem Lebonaduff. auch die Studiker mit dem Ludendorffzug und den Basedowstielaugen, und wie erst die Heldenjünglinge! Vor Vergnügen klirren ihre Hakenkreuze und goldenen Arm- und Fußkettchen! In brünstiger Ekstase brüllt es: „Gegen die — Juuuuden!" Die dunklen Hintermänner grinsen: man kauft! Links lacht wer: „Mensch, glänzend war das! Gestern haben wir wieder so einen Schweinehund verhauen! Hat der aber Augen gemacht, der Judenbengvl! Und geschrien! Ich habe mich gewälzt vor Lachen! So ist's. richtig: Immer feste druff nff die Juden!" Ein Arier über „Michels" Taktik. Wieder einmal hat unser „Michel" in „Folge" (Nr.) 37 vom 24. „Scheiding" (September) einen bedenklichen Tobsuchtsanfall. Und zwar het's ihm dieses Mal „die Pest in Rußland" angetan. Selbstverständlich schwört er auf die diesbezüglichen Schilderungen des „Ariers" Alfred Rosenberg aus Reval und desien Berichterstatter. Schon die Einleitung, eine Aufzählung der Werke dieses verdienstvllen Schriftstellers, läßt -erkennen, in welchem Geiste die Besprechung seinÄ neuesten Mache gehalten ist, so daß es sich nicht verlohnt, von dem widerlichen Wutgeheul weiter Notiz zu nehmen; die Titel: „Die Totengräber Rußlands", „Die Spur der Juden im Wandel der Zeiten", „Unmoral im Talmud", „Verbrechen der Freimaurerei" sagen wohlalles, nämlich, daß einzig und allein der I u d e, und zwar in bewußter Weise die Schuld an unserem Unglück trage. In dieser — einer Idiotie bedenklich ähnlichen Art — willd das Werk Rosenberg's besprochen, welches nun auch in Flugschriftenform unter dem Titel: Bolschewismus, Hunger, Tod in verkürzter Volksausgabe herauskommt. Nur des „Tatsächlichen" fei Erwähnung getan. Da finden wir zunächst, daß die Bolschews 46 Millionen (!) unschuldiger Russen*) auf ihrem Gewissen hätten — „und von Tag zu Tag werden es mehr" — einige Zeilen später über, nach einer -ausgiebigen Entleerung in der „g e w ö h n l i ch e n" Tonart des „Michel" erfahren wir, daß bis zu. Anfang 1922 von den „Sowjet-Juden" „viele" Millionen echt arische Russen hingerichtet worden wurden, darunter 28 Bischöfe, 1215 Geistliche, „.über" 6000 Professoren und Lehrer, „fast" 9000 Aerzte, „über" 54.000 Offiziere, 260.000 Soldaten, fast 11.000 Polizeioffiziere, 58.500 Schutzleute, 12.950 Gutsbesitzer, 355.250 Angehörige der Intelligenz, 193.000 Arbeiter, 815.000 Bauern. Natürlich wird nicht angegeben, woher Herr Rosenberg die Ziffern bernimmt, es ist indessen nicht ausgeschlossen, daß ein Bruchteil hievon auf Wahrheit beruht. Immerhin aber ergeben selbst diese nur 1,776.043, nie aber die monströse Zahl von 40 Millionen, welche nur in dem *) Wer da weiß, mit welcher Schwierigkeit die Erlangung authentischer „Daten aus Rußland" verbunden ist, kann sich nicht genug ob der Frechheit wundere, mit welchen derartige Angaben in die Welt gesetzt werden.

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