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Die Wahrheit · 1922-09-21 · Heft 18-19 (21.9.1922) · page 21

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 18-19 (21.9.1922)
Date
1922-09-21
Page
– (sequence 21)
Language
German
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Nr. 18/19 Die Wahrheit Seite 2l M Wahrheiten vom Tage WZ „Dreh" und „Dreh". Vor bem Leipziger Schöffengericht hatte sich der dortige Verl agsbuchh änd ter Walter Kramer wegen den öffentlichen Frieden gesährdender Anreizungen durch Bepbreitnng antisemitischer Flugschriften zu verantworten. In einem bieser Preß-erzeugrüffe wirb „rücksichtsloser Kampf lgegen bas Judentum in jeder Gestalt" ausgerufen. In einem anderen Pamphlet heißt es: „Soll Siegfried erstehen, muß Juda vergehen". In beiden dieser Enunziationen erblickte der Staatsanwalt den gegebenen Bestand der Strafbarkeit. Der Angeklagte schob die Verantwortung auf das Sprachliche. Wenn der Staatsanwalt einen Kamps in jeder Gestalt gegen das Judentum verstanden habe, sei dies eine irrtümliche Auffassung. Es sei gemeint: Kamps gegen das Judentum i n j e d e r G e st a l t. Einen ähnlichen „Dreh" gebrauchte Herr Kramer mit dem Worte „vergehen", das sich auf Juda bezog. Ein Vergehen meinte der Dreher, wäre kein Untergehen, sonach keine Bedrohung der Juden. Das Schöffengericht folgte dem Angeklagten willig ans diese Drehbühne und vertrat die Menrung, er habe nicht die Absicht gehabt, verschiedene Volksklassen aufzureizen, gegen einander Gewalttätigkeiten zu begehen, weil die jüdischen Mitbürger in ihrer Gesamtheit keine Klasse darstellen, folglich der § 130 des Reichsstrasgesetzbuches nicht verletzt wurde. Folglich ging das Gericht mit einem Freispruch vor. Schwanengesang. Der deutschnationale „Mittag" und. die christlichsozialen „Wiener Stimmen" Haben ihr Erscheinen alb 1. September einstellen müssen. Ursache Geldnot, das heißt in erster und letzter Linie Abounentenschwund. Zwei ausgesprochen judenseindliche Tageszeitungen legen hiamit das Bekenntis ab, daß der Antisemitismus in Wien seinen Mann nicht mehr so wie ehedem nährt. In den „Wiener Stimmen" nahm der Hauptschriststeller Peter Thaler Anlaß, mit einem wehmütigen aber dünkelhaften Artikel von seinen Lesern Abschied zu nehmen und mahnt -den Mitarbeiterstab, sich für das Hauptblatt, die „Reichspost", in Permanenz zu halten und um des Himmelswillen nur nicht bei Judenblättern Unterschlupf zu suchen. Uebrigens dürfte auch der famose „Michel" an ein ähnliches Schicksal glauben müssen. Einen Aufsatz , Durch Kamps zum Sieg" schließt Herr Hans Kipper mit der kläglichen Betrachtung: „D i e völkische Z e i t u n g s f r a g e, die völkische Frage überhaupt ist eine Geldfrage. Hätten wir nur einen kleinen Teil der wirtschaftlichen Kampfmittel, über die unsere Gegner verfügen, wir schlügensie auf alle Linien. Die Mittel fohlen — sie müssen erarbeitet werden! Das ist mein Ziel, seit der „Michel" lebensfähig ist. Geld für ein Z e i t u n g s u n t e rn eh men in großem Umfange! Geld! Unsere großen völkischen Gliederungen scheinen die Bedeutung der Presse noch nicht zu ermessen. Unsere reichen Männer, sie haben kein Empfinden für die völkische Not! Wohlan! Eine Sache, die es verdient, groß zu weiden, muß es aus sich selbst heraus werden! Der „Michel" wird groß werden. Wir werden siegen über Lug und Trug, über die Volksverführer! Der Erfolg ist zusammengeballte Willenskraft . ." (Sprich zusammengeballte Zehntausender. D. R.) Wie ungleich leichter Haben es die Völkischen als einst die Juden während der Belagerung Jerusalems. Sie mußten, in einer Hand das Schwert, in der anderen!die Keile schwingen. Herr Kipper schwingt mit der liechten diio Feder, mit her Linken die Sammelbüchsen. Polnische-Juden. Den ersten Teil dieser Notiz widmen wir bem Schmock von der „Baseler Nationalzeilung", der seine Leser anläßlich der Wiedergabe feiner polnischen Reifeerinnerungen über das große Pogrom in Wilna anschmuste, ins Stammbuch. In der Einleitung dieses herrlichen Berichtes gibt er bei Betrachtung der allgemein polnisch-jüdischen Berältniffe den polnischen Juden «die Schuld, daß sie es sind, die sich der polnischen Kulturnation nicht anpassen können. Dem wollen wir das Zeugnis eines Mannes entgegensetzen, der sicher in der Politik Bescheid wissen dürfte als der ehrenwerte Herr von der „B. N.". Es ist Francesco Nitti, der ehemalige italienische M'.üsterpräsidenk, der n seinem ausgezeichneten Buche „Das friedlose Europa", das wir dem Südelschreiber zur Lektüre empföhlen — er wird da Erstaunliches über das von ihm heiß geliebte Polen siiDen — folgendes sagt: „Unter den 18 oder 19 Millionen Polen aber sind mindestens 4 Millionen Juden. Polnische Juden, zweifellos, die aber zum größten Teil Polen nicht lieben, >d a s nie v e r stand en hat, sie zu a s s i m iii eren." Wir wollen noch ein klebriges tun und unseren Lesern noch einen Passus >aus dem in Rede stehenden Buch wied ergeben, zumal es sich hier um ein gut gewähltes biblisches Gleichnis handelt. Nitti ist aus Polen sehr schlecht zu sprechen, da es durch feine unmögliche geographische Lage Deutschland und Rußland, von welchen beiden Nationen es innerhalb seiner Grenzen unberechtigter Weise Volksteile zugesprochen erhielt, scheidet. Er sagt diesbezüglich: „Polen trennt die beiden größten Völker von Europa: Rußland und Deutschland. Die biblische Legende hat annehmen dürfen, daß beim Durchzug durchs Rote Meer sich die Flirten teilen, um das -anserwählte Volk hiiUdurchzulasfen; aber auch da schlagen die Wellen sofort hinterher wieder zusammen. Kann man annehmen, daß eine so willkürliche Regelung llmige währen wird?" Wir oermuten kaum, daß ^Nitti die Pollen drohende Gefahr prophezeit und auch wünscht, weil es „nie verstanden hat, seine Juden zu assinlilieren". Aber der Niedergang Polens, über das die Wellen zn-sammenschlagen werden, wie über Roß und Reiter Pharaos, wird eine ebenso gerechte Strafe feiir, wie sie diesem Unterdrücker der Juden gebührte. Scharfe Abfertigung. Der wegen der Verbindung der deutschnationalen Volkspartei mit den deutschvölkischen Antisemiten aus der deutschnationalen Volkspartei ausgetretene Reichstagsabgeordnete und frühere badische Minister Prof. Dr. Dühringer rechnet mit dem dentschnationalen dlntifemitismus in sehr scharfer Weise ab. Er schreibt: „Der politische Antisemitismus hat feit Gründung des Reiches schon verschiedene Anläufe genommen. Er hat jedesmal, nach vorübrgehenden Anfangserfolgen, ein klägliches Ende gesunden. Bismarck hat ihn aufs entschiedenste abgelehnt. Er wirkt in der Tat rein negativ, rein destruktiv. War fein Auftreten zu Zeiten des alten Reiches relativ ungefährlich, so bedeutet er jetzt die schärfste Schädigung des Reiches uit'b seiner Kreditwürdigkeit." Aber das ist noch nicht einmal das allein Entscheidende. Es kommt der religiöse Gesichtspunkt hinzu, daß die Politik des Haffes und der Leidenschaft, wie sie die Antisemiten betreiben, mit den Grundsätzen des Christentums und der Humanität völlig unvereinbar ist. Wenn, um einige Beispiele hervorzuheben, der Abgeordnete v. Graefe in dem Berliner Lokalblatt „Me Wahrheit" (lieber dieses Sudelblatt finden -unsere Leser an anderer Stelle die nötige Aufklärung.) den Versailler Vertrag, dieses schwerste Unheil mtb Unglück des deutschen Volkes, dessen

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