Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 17 (25.8.1922)
- Date
- 1922-08-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 Seite 9 Die Wfthiheik Wahrheiten vom Tage Die Judenfahne. Nicht nur -die bayrischen Banernfchädel leisten sich den Luxus, sich antisemitisch zu betätigen. Vielmehr, diesen Luxus können sie sich Heuer gar nicht gestatten, denn Bayerns Sommerfrischen sind rassenrein, das heißt leer geblieben. Und wenn der „Miesbacher Anzeiger" im Vorjahre auf die „Zugereisten" weidlich schimpfte, so muß er sich Heuer bequemen, im Geiste — wenn bei diesem Blättchen überhaupt von Geist zu sprechen ist — die Landesgrenzen zu verlassen und eventuell nach Berlin zu reisen, allerdings in dieser Avt ein billiges Vergnügen, wo man dann dem toten Rathenau noch einige Fußtritte versetzen und den prachtvollen Reim, der von dieser Judensau handelt, ummodeln kann in den folgenden: „Man hat geknallt auf Walther Rathenau, Bravo! Wann trifft's die nächste Judensau?" Im eigenen Lande aber läßt sich wenig in Antisemitismus machen, denn die Objekte für diese heldenhafte Betätigung sind nicht angekommen. Dafür aber geht's anderswo diesbezüglich sehr lustig her. An der Ostsee halt feit jeher eilt scharfer Wind geweht. Daß aber dieser scharfe Wind ein antisemitischer ist, das ist eine mebereologische Merkwürdigkeit, die zu bewundern allen Hakenkreuzhielden wävmstens empfohlen sei. Dort sind sie wenigstens unter sich. Doch es gibt einige Störenfriede, es sind nicht einmal in allen Fällen Juden, die dieser famosen Gesellschaft keine Ruhe lassen und sie fortwährend ärgern. Womit denn? Mit der „JuLenfahue". „Was ist das?", wird der erstaunte Leser fragen, „es wird doch kein waschechter Arier so judenfreundlich sein, gar mit einer blau-weißen Fahne, geziert mit dem Davidstjern, den Hakenkreuzlern — sagen wir — das Bestemm zu machen?!" Weit gefehlt, lieber Freund. Die „Judenfahne" hat dieselben Farben, die bei uns in Oesterreich das Kriterium treudeutschem Ariertums gilt, sie ist — schwarz-rot-gold. Ueber diese Judenfahne berichtet die Berliner „Freiheit" aus dem Ostseebad Graal-Müritz bei Rostock: Wenn man so über die zahllosen Strandkörbe hinblickt, grüßen Wimpel und Fahnen den Beschauer. Alles schwarz-weiß-rote, außer Landesfarben. Schwarz-rot-gold, die „I u d e n f a h n e", ist verpönt. Wer es wagt, sie auf dem Strandkorb zu hissen, der wird angepöbelt und boykottiert. Solchen Leuten, die sich zur neuen Reichsfahne bekennen, ist der wohlgemeinte Rat zu geben, mindestens ein Gros solcher Wimpel mitzunehmen,. denn das vornehme Gesindel leidet außerdem noch an Flaggenkleptomanie — eine schwarz-rot-goldene Flagge weht nicht lauge über einem Strandkorb oder einer Sandburg, sie wird — wie der Berliner sagt — geklaut. Mit solchen Flaggen - geben sich die Geschäftsleute des Bades gar nicht ab. Wer eine Flagge in den jetzigen Reichsfarben fordert, wird verständnislos oder Herausfordernd angestarrt. Es istmöglich, daß die Geschäftsleute bald ein Schild ins Schaufenster hängen mit der Aufschrift: „I ude n f a h n e n führen w i r n i ch t!" Wie bist du doch so schön und zart, du freie deutsche Republik! Aus dem Pogromland. Wie recht wir mit unserer Ansicht hatten, daß man froh sein könnte, würde in Osteuropa, speziell irr Polen so viel gegen den Antisemitismus geschehen wie in Deutschlands beweisen Nachrichten, die ans Gnefen kommen. Dort spielen sich unter den Augen der Behörde, die ihnen gegenüber machtlos ist, , skandalöse Dinge ab. In den Restaurants und Kaffeehäusern kleben Zettel „Juden ist der Eintritt verboten". Das wäre das geringste, unfere Glaubensgenoffen müßten sich höchstens bequemen, solche Lokale nicht zu frequentieren und wem ein solcher Boykott zum Schaden gereicht, beweisen die leergebl.-ebener: Sommerfrischen in Bayern. Viel ärger aber sind andere Aufschriften, die man an Kaufhäusern, die natürlich auch den Juden nicht offen stehen, erblicken kann. Da ist die moderne Beschuldigung „Jude-Bolschewik" und die Pogromdrohung „Wche den Juden" zu lesen. Diese erhalten auch fortwährend anonyme — das sieht den feigen Antisemiten ähnlich — Zuschriften, in denen sie ausgefordert werden, binnen 15 oder 24 Stunden Guesen zu oerlassen. Die Kultusgemeinde wandte sich au den Nationalrat und dieser verlangte beim Minister des Innern sofortige Abstellung dieser Mißstände. Hoffentlich hilft's, denn die Juden befinden sich in furchtbarer Aufregung. Weniger aufgeregt ist ein fchweizerischer Journalist über die polnisch-jüdischen Zustände, die er bei feiner Reise mit anderen Kollegen — auf die Einladung der polnischen Regierung — vorfand und über die er sich, den Entladern zu liebe, in der sonst sehr seriösen „Baseler National- Zeitnng" ausschmuste. Denn besser kann man den Kohl, den er seinen Lesern vorsetzte, nicht bezeichnen, 'wenner unter anderem sagte: „Zu den Vorurteilen, deren ich mich ans meiner polnischen Reise entledigen mußte, gehört auch die leider weitverbreitete Meinung, die Polen feien ein intolerantes und namentlich -gegen die armen Juden brutales Volk. Nichts i st verkehrte r." Dann heißt es weiter: „In Posen (die Stadt Gnesen -liegt in diesem Teile Polens. D. Red.), wo das Verhältnis ähnlich ist wie bei uns, spricht niemand von der Judenfrage." Da hat der Schmock von der ,,B. N." vielleicht recht, man spricht nicht, man handelt mehr. Wir glauben zwar, daß sich der Leser nach den obigen Stilblüten schon ein ungefähres Bild iiber die Art der Berichterstattung dieses trauriger: Helden von der Feder machen dürfte, wir wollen noch ein übriges zur Illustrierung tun und folgende „Episode" aus dem Leben des Journalisten in Polen wiedergeben: „Während wir in Wilna waren, verbreitete sich eine Meldung über ein angebliches Judenpogrom in Wilna durch die ganze polnische Presse urrd fand ihren Weg bis in die Schweiz und nach Amerika. Der Sachverhalt war folgender: Wir saßen in einem offenen Park über der Stadt in Gesellschaft von General Zeligowski, verschiedener höherer Beamten und Unioersitätsprofessoren beim Mittagessen. Die Musik spielte neben anderen Weisen den Schweizerpsalm, unseren Zapfenstreich und die schöne polnische Nationalhymne „Jeszcze Polska nie sginela“ (noch ist Polen nicht verloren), als plötzlich ein kleiner Jesuitenpater in Begleitung eines kräftigen Naturburschen bergauf gelaufen kam. Sie schrien: „Die Musik soll sofort aufhören zu spielen, es fließt Blut in der Stadt." Der Sachverhalt war folgender: Die Stadtbehörde hatte einen antisemitischen Vortrag untersagt, und die Veranstalter und ihre Anhänger wollten sich den Eingang zum gesperrten Lokal erzwingen. Bei diesem Kampf fiel ein Schuß; es gab einen Toten und zwei Verwundete. Das war das große Pogrom. . Eine Stunde später durchfuhr ich in einer Kutsche — elektrische Trams gibt es in Wilna nicht — die Stadt nach allen Richtungen, fand aber alles ruhig und normal." Zu bemerken ist, daß es sich hier um den großen Wilnuer Pogrom handelte, bei dem es unter Beteiligung von Offizieren und Studenten zu grauenhaften Exzeßen gegen die Juden kam, Tote und Verwundete gab. Die jüdische und nichtjüdische Presse der ganzen Welt brachte furchtbare Einzelheiten darüber. Nur der Schimock vom „B. N."