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Die Wahrheit · 1922-08-25 · Heft 17 (25.8.1922) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 17 (25.8.1922)
Date
1922-08-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 17 Seite 7 Die Wahrheit Geschichten vom Balschem. Von Ahron I e r u ch e m. Sühne. Beim Balschem beklagte sich ein Chassid über einen Rabbiner, vor >dem er mit seinem Gegner einen Prozeß hatte, den der Rabbiner, trotzdem der Klagesteller im Rechte war, zu seinem Ungnnsten entschied. Der Rabbi lächelte ob seiner Klage und sagte: „Begib dich in den dieser Stadt bendchiba-rten Wald, verstecke dich >anf dem dem Brunnen gegenüber stehlend en Baume, wo du, unbemerkt, den vor sich gehenden Begebenheiten znfchauen sollst." Der Rabbi fügte noch das Verbot hinzu, irgendwie an diesen Vorgängen, so paradox sie auch dem Zuschauer erscheinen mögen, aktiv teilzunehmen. Dem Befehle des Balschem gehorchend, begab er sich zu dem ihm bezeichneten Baum, wo er Zeuge eines merkwürdigen Auftrittes war. Voll seinem Verstecke ans sah er einen Kaufherrn sich dem Brunnen nähern, um fein erhitztes Gesicht und verschmachtenden Gaumen mit dem kühlen Wasser zu laben. Um leichter ausrnhen zu können, legte er seine Oberkleider mit seinem zu jener Zeit üblichen Geldgürtel ab. Als er sich, anschickte weiterzuziehen, vergaß er den Gürtel, in dem sich seine ganze Habe befand. Schon wollte der aus dem Baume Versteckte chm Nacheilen, mn ihn ans seinen znrückgelasfenen Beutel aufmerksam zu machen, als er sich der Warnung des Rabbi erinnerte. Kaum war der erste KaUfmiann fort, da erschien ein zweiter am Schauplatze. Auch der ruhte am Brunnen aus. Und wie er, nachdem er gewunken hatte, seines Weges gehen wollte, bemerkte er den vom ersten zurückgekasfenen Gekdbentek. Hocherfreut steckte er das Gefundene zu sich und ritt weiter. Der Chassid am Baume konnte sich kaum euch alten, dem Davcneilenden zu sagen, daß dieser Gürtel von einem erst vor einigen Minuten vorbeireitenden Juden aus Vergessenheit zurückgelassen wurde. Es dauerte nicht lange, als ein arrner, herabgekommener Wanderer, des Weges müde, sich, um ein wenig ansznruhen, am Brunnen niederließ. Als er seine Flasche mit Wasser gefüllt harte und sie an den Mund setzen wollte, eilte der erste Kausinann schnell herbei, faßte den armen Juden an der Gurgel und schrie zornig: „Du gemeiner Dieb, gib meinen Gürtel her!" Die Unschuldsbeteuernngen des Armen überhörte der in Wut entbrannte Kaufmann und schlug auf den vermeintlichen Dieb erbarmungslos ein. Als er sah, daß seine Mißhandlungen keinen Erfolg hatten, durchsuchte er den armen Wanderer. Als auch dies zu keinem Ergebnis führte, verließ er fluchend, scheltend den Ort. Auch der verprügelte Jude schlich mit zerbrochenen Gliedern von dannen. Der Chassid im Verstecke litt furchtbare Qual, den unschuldigen, armen Inden vor der unverdienten Strafe nicht bewahren zu können. Er begab sich nun znm Balschem, nur von ihm Aufklärung über diese rätselhaften Erscheinungen zu erhalten. Weich bei seinem Eintreten, bevor noch der Chassid vom Vorgefallenen erzählte, sagte zu ihm der Rabbi: „Vor einem Menschenalter hatten zwei Kauslente vor einem Rabbiner einen Geldprozeß. Der Rabbiner entschied das in Frage kommende Geld demjenigen zu geben, dem es von Rechts wegen nicht zukam. Als dann alle drei, der Rabbiner und die zwei Prozeßführenden vor dem himmlischen Throne erschienen, erörterte man daselbst den Schiedsspruch. Da der eine das Geld widerrechtlich hat, der andere es hergeben mußte, und der Rabbiner, ohne dafür gebüßt zu haben, fetai' Leben beschloß, entschied man, daß diese Seelen nochmals zur irdischen Welt kommen sollen (GAgul), um ihre, in ihrem ersten Leben begangene Schuld wieder gut §11 machen. Alsq, der erste Jude, der, wie du geschen Haft, sein GeV am Brunnen znrückließ, ist derjenige dem im ersten Leben das Geld zugesprochen wurde, und derjenige, der das Geld mit sich nahm, ist der Gegner, der damals unschuldig dem ersteren Geld gab. Der arme wandernde Jude wieder, ist eben jener Rabbiner, der den Prozeß austrug. Der eine gab also dem müderen das Geld zurück, der andere bekam es wieder, und der Rabbiner erhielt ob seines Unrechten Urteils seine Strafe. Aus dieser Begebenheit kannst du ersehen, daß jedes Unrecht seine Sühne hat." Vergeltung. Der Balschem kam eines Abends in ein Dorf, woselbst er übernachten wollte. Er wurde in eine „Kretschme" (Restauration) geführt. Der jüdische Wirt fühlte sich durch diesen Besuch sehr geehrt, und fragte nach den Wünschen des Rabbi. Dieser verlangte nichts anderes als eine Prise Schnupftabak. Dem Wunsche des Rabbi konnte nicht entsprochen werden, da im ganzen Dorfe kein Schnupftabak anszntreiben war. „Gern wäre ich in die Nachbarstadt gefahren, um Euch Tabak zn holen", sagte der Wirt, „doch mein Diener ist mit dem Wagen fvrtgchähren und kommt erst morgen zurück." „So nimm mein Pferd, reite in die Stadt und bringe mir Tabak", erwiderte der Rabbi. Der Wirt bestieg das Pferd und ritt in die Nacht hinaus. Auf seinem Wege lag ein Wald. Als er denselben durchritt, drangen klagende Töne an sein Ohr. Bald gelangte er zu einer Lichtung, rechts von der Straße glänzte im Mondenschein der Spiegel eines Sees. Rasch entschlossen stieg er vom Pferd und näherte sich dem Orte, woher die Hilferufe kamen. Dort erblickte er einen Mann, der bis zum Halse im Sumpfe stand und sich nicht befreien konnte. Mit großer Mühe gelang es dem Wirte, den Verunglückten aus seiner fürchterlichen Lage zn erlösen, hob ihn auf sein Pferd und brachte ihn in sein Haus. Daselbst wurde er gelabt und hatte sich bald wieder erholt. Befragt, wieso er in den Sumpf geraten war, erzählte der Fremde, daß er, im Walde jagend, von der Dunkelheit überrascht worden war, vom Wege abkam, und ht den Sumpf geriet. Der Gerettete erzählte weiter, daß er ein Fürst sei, über große Reichtümer verfüge, und äußerte den Wunsch, sich seinem Lebensretter dankbar zn erweisen, bot ihm eine große Summe an. Der Wirt befragte jedoch den Balschem, ob er ein Geldgeschenk annehmen dürfe. Der Rabbi riet ihm, auf jede Gabe zu verzichten, was der Wirt auch tat. Da sagte der Fürst: „So nenne mir wenigstens deinen Namen, vielleicht kann ich dir einmal deine menschenfreundliche Tat vergelten". Nachdem der Fürst den Namen seines Retters in fein Notizbuch geschrieben hatte, verabschiedete er sich mit vielen Dankesänßernngen. Jahre waren feit dieser Begebenheit vergangen. Da brach ein Krieg aus. Auch das Dorf, in welchem unser Wirt lebte, hatte eine militärische Einquartierung bekommen, und sein Gasthaus wurde von den Offizieren gerne ansgesucht. Bies tief in die Nacht hinein hielten sie dort ihre Zechgelage. An einem Wend ging es besonders hoch her. Mitternacht war längst schon vorüber, als die Offiziere das Gasthaus verließen. Nur zwei von ihnen waren zurückgeblieben, die mit weingerö beten Gesichtern beim Kartenspiel saßen. Einer der Offiziere hatte Unglück im Spiele und verlor sein ganzes Geld. In seiner Verzweiflung verlangte er die verlorene Summe zurück, während der andere von einer Rückgabe nichts wißen wollte. Es kam znm zum Streite und bald wälzte sich einer der Streitenden im Blute. Als der nächste Morgen anbrach, entdeckte man den

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