Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 15 (20.7.1922)
- Date
- 1922-07-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Frrrrrrrf 43-3-16 MMe IntLreljev.---D^- REDAKTION u-ADMIiWRATION Mir» 8., Heinestvatze IS . Wie», SV. Juli 19SS Nummer IS XXXVIII. Jahrgang Dr. Walther Rathenaus Rede am Grabe seines Vaters. Ein von uns zitiertes Fragment aus dem Nachruf,-den Dr. Walther"Rathenau seinem am 20. Juni 1915 gestorbenen Vater gehalten, . - - worin das unvetterrrrbar jüdische Empfinden des genialen Denkers und späteren großen -Staatsmannes durchdrang, hat vielfach. in Leserkreisen den Wunsch laut werden lassen, jene Rede in Wortlaut zu veröffentlichen. Wir entsprechen diesem Wunsche um so bereitwilliger, als durch die folgende Wiedergabe nicht nur die ungewöhnliche Geistigkeit Walther Rathenaus kund wird, sondern manche seiner Worte -wie in Vorahnung des eigenen tragischen Schicksals gesprochen waren. Einleitend -sagte der schwergetrofsene Sohn: Einst sprach man im Kreise seiner Freunde von dem vermeintlichen Rätsel fefater Erfolge, and alles wurde her- «beigezogen, nm «das z«u eiiMbem Der eine sagte: die Kraft, derandere: die Zähigkeit, und der dritte «und vierte manches verschiedene. Aber -einer sagte: „Das ist es nicht, es ist die Kraft, die er hat. daß er nur das Einfache begreift". Und nur -das begriff er. Welche Frage an ihn herantrat, er faßte sie nicht 'leicht, er wälzte sie mit sich, er trug sie auf sein Lager, er lebte und kämpfte mit ihr: und langsam wich das Verworrene, das Vielfättige und Vielspältige, lintb es trat hervor die Einfachheit, die nicht in den Dingen lag, sondern >die in dem reinen Geiste lag, der sie betrachtete: und dann stand die Losung ida, unerwartet, wie von der Natur geboren«, wie vo«n einem Gott gesprochen, selbstverständlich und doch vorher nicht gefunden. Denn alles Echte ist einfach und kindlichem Geist erschlossen. Und dann fortsahrend: Sein letzter Wahrheits- Wille drang tiefer, er drang in den Kern des Lebens, in den Kern der Dinge: da fiel der Schleier der Maja, und es trat hervor das Wesen. Und «so wendete er sich «gegen sich selbst, so zerriß er in den Augenblicken des Zweifels, des Uugenügens und der Bedrängnis sein eigenes Werk, wenn er es nicht' für würdig und nicht für echt hielt; so blickte er -dem GorlgoNenhaupte ins Antlitz «und «übte diese Kraft, die ewig nottnt: die Kraft, der strengsten Wahrheit Rede und Antwort zu stehen. Gott gebe, daß diese große Zeit, die alles in uns erneuert und reinigt, «auch uns diese Kraft und Klihnheit des Blickes' in die Augen der Wahrheit beschert. - ' Wir wissen, daß es «geweihten Menschen gegebenist, . auch das zu erblicken,-was verhüllt! ist von'Nacht, «was verhüllt ist vom Dämmer der Vergangenheit und dem Schleier der. Zukunft. Nicht Zauberkraft ist Äs, nicht dunkle Mystik: es ist das Wesen des Menschen, in dem die Welt als Mikrokosmos' zum Kveitenmal lebt.und von neuem sich schasst,, es ist das Wesen des Menschen, in «demsich.die-Erscheinung abbildet, wie in einem lebendigen Spiegel, vereinfacht, aber von den «gleichen.Gesetzen bewegt. Und indem er sein .Inneres befragt, erblickt uNd erkennt er die Ge- : Heimnisse des Aeußeven, die Geheimnisie der Welt. Man sagt, meines Vaters Werk sei mit chm ge- « wachsen. Nein, das ist es nicht. Nicht mit ihm ist es ge- . wachsen, aus ihm, «aus seinem Geiste, aus der Kraft des Schauens ist es hervorgebrochen «wie eine Natuvkvaft. Wer ihm na-hegestanden hat — und ich rufe Sie zu Zeugen aus — der weiß es, wie erschütternd es war, wenn er in seiner , einfachen Sprache von Dingen «erzählte, die ihm siülbst- . verständlich schienen; aber >diese Dinge waren nicht selbstverständlich, denn es waren -keine Erinnerungen und es? war keine Gegenwart. Was er erzählte und was er ' schilderte, das war die Zukunft, und in dieser ZNkunft sah s er so klar wie wir schön in unserer Zeit und in dem, was tvir -von der Vergangenheit wißen. So kamen die : Menschen von weit her uNd fragten ihn: was wird aus dieser Technik, -was wird aus jenem Verkehr, «was «wird : Ms dieser Wirtschaftsform und was wird aus jener Ent- ' Wicklung?' Und dann gab er ihnen stille Antwort, und wunderte sich nur über «das eine, daß der mtd-ere nicht als ein Selbstverständliches schmähte, «was er chm «aussprach. Als' ich in dem Schmerze dieser Abende ein Buch . öffnete, da fand ich einen «Satz, der -hat mich «getröstet, und ich brauchte nicht weiter -zu lösen. Es war das 96. Stück im dritten Wschniitt von Goethes „Maximen und Reflexionen". Da heißt -es: Das Wahre ist gottä h n l i ch. Es erscheint nicht unmittelbar, wir muffen es «aus seinen Manifestationen erraten. Ans ihren Verkörperungen dürfen wir feine «waltende Liebe ermessen; d-iese Manifestationen dürfen wir schauen und fasten. Wo .stehen «wir? Auf dem rauchenden Boden der Arbeit.. Lassen Sie vor den Augen «des Geistes diese Wände hinwegsirtken; blicken Sie in die Ferne, blicken Sie hinweg über diese nächste Stätte der Werktätigkeit, lasten Sie Ihr Auge schweifen über die Zander und Zonen, und Sie «sehen das rastlose Weben der Werke, Sie hören das Stamvfen der Kolben, das Donnern -der Schienen und das RMschen der «gebänidigten Wasterläufe, die ihre Kraft in «den Dienst «der Menschheit zwingen. Diese MMifeftationen der Liebe .sehen Sie urtd hören Sie, und wie Homer erzählt vom Bau der Mauern von Troj-a, die ausstiegen unter den SaitenKängen Apolls, so stieg sein Lebenswerk empor unter «den Klängen der Liebe und unter der Leier, des Gottes. - Das war seine Liebe zu den Dingen. Seine Liebezum Menschen war stark, «aber sie war nicht sanft; sie war nicht hingebend «und sie war nicht weich;, aber sie umfaßte den, den sie liebte, und sie zog ihn zu sich empor, und' der Mensch, der Hm naheftand, der fühlte