Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 11 (30.5.1922)
- Date
- 1922-05-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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MMänMeHeWM für gtv ttvnf 4*4-3-16 RE?>AKTiOM irADMlNlSröATIOrt Mir» S.» Aeirrestraße IS XXXVlll. Jahrgang Wie», 30. Mai 1922 Nummer 11 Das Erbe der Gemeinde Jakobs. Ein Wort zum Offenbarungsfest. Euren Rückblick in «die Vergangenheit zu werfen, abgeschlossene Zeiten so wieder herzustellen, wie sie sich ungefähr abgespielt halben, ist nicht leicht. Noch schwerer aber ist ■ es, einen Ausblick in die Zukunft zu erlangen, den Schleier der kommenden Ereignisse, wenn auch ver- ' mutmrgsweise zu lüften. Und doch sind Erinnerung an die Vergangenheit und Ahnung der Zukunft die unerläßlichsten Stutzen-, der Gegenwart. Erstere ist der feste Grund, auf dem -das Gebäude der Gegenwart ruht; letztere — die Tür, die ins Freie führt. Ohne 'beide Würde das Leben des Menschen der zwei großen treibenden Kräfte: Vorher und N a ch h e r entbehren und unfruchtbar bleiben. Würde der Landmann die Aussaat im Schweiße seines Angesichtes bestellen, wenn er nicht aus der Vergangenheit wüßte und von der Zukunft hoffte, daß die Arbeit zur Ernte fuhrt? UNd 'würden Eltern auch dort, wo bereits der natürliche Instinkt anfhört, ihren Kindern Sorgfalt -und Erziehung angedeihen lassen, wenn sie sich nicht sagten, daß ihre eigenen Eltern früher ihnen gegenüber Nicht anders .vorgegangen-sind und daß später die Kinder ihre Liebe lohnen werden? Vergangenheit und Zukunft sind aber 'auch Maßstab und Pegel zur Beurteilung idealer Bestrebungen und Strömungen der jeweiligen Zeit, ^Namentlich wenn 'diese tiefbewegt und stürmisch ist. Auch in der 'Gegenwart, in der vieles, was früher -als unerschütterlich gegolten hat, dem Zusammenbruch und dem Umstürze anheimgefallen ist, tauchen Fragen idealer Natur aus, so insbesondere die schwerwiegende Frage nach dem Fortbestände der Religionen. Unser Zeitalter wird von den Naturwissenschaften beherrscht; auch der Ungebildete hört von Experimenten und Beweisen; der Glaube aber' läßt sich nicht beweisen. W e rdeu nun die von politischen und sozialen Z u s l ü ss e n v e r st ä rk t e n b r and end e n Wo gen auch „das Erbe der Gemeinde Jakobs" fortspülen, wenn andere mächtigere Religionen der Zeitströmung nach und nach zum Opfer fallen? Oder wird das Judentum ohne Rücksicht auf die Verfallserscheinungen im Lager anderer -die Kette der Tradition nicht zu Boden fallen lassen? Die Erinnerung an die Vergangenheit und die Ahnung der Zukunftmögen diese Frage der Gegenwart zu beantworten versuchen. Von einem Gelehrten, Rabbi Josef, erzählt der Talmud, daß dieser den Dag der Offenbaruing besonders festlich zu begehen pflegte. Als Grund hiefür wußte er anzugeben: „Wenn dieser Tag nicht wäre, wie viele Josef gäbe es auf der Straße." Er wollte damit sagen, daß sein ganzes Wesen und Wißen, die ihn vor anderen 'auszeichnen, in der Offenbarung 'gelegen seien. Das gleiche gilt auch von der Gemeinde Jakobs. Ohne dieOffenbarung, ohne die zehn Gebote, ohne das Kleinod seiner Religion wären das Judentum, seine Vergangenheit und auch seine Geschichte so bedeutungslos geblieben, wie all die vielen kleinen Völker, die sang- und 'klanglos kamen und verschwanden. Man will die „AuserwähÜheit" Israels nicht gelten lassen, allem einen innerlich anders gearteten Glauben konnten die letzten vier Jahrtausende nicht hevvorbringen. Die Lchren uNd Gesetze der Gemeinde Jakobs wurden verändert, umgebogen, mngeschaltet: der Kern ist geblieben. Sabbat wurde zum SonNtag, Passah zu Ostern, OffeNbarungsföft zu Pfingsten: die Mische Marke haftet ihnen dennoch unverwischbar an. Unsere Weisen meinen, ibie Thora gleiche dem Wasser, wohl in dem Sinne, daß die sinaitische Lehre wie ein mächtiger wasierreicher Strom viele Länder mrd Gebiete durchflossen hatte, überall reichen Segen verbreitend unter den einzelnen Klassen, Familien und Individuen. Die Eltern, die cm der Ehrfurcht ihrer Kinder Freude empfinden, die Ehegatten, die in unverbrüchlicher Treue ihr Glück finden, die Arbeiter, die an einem Tage der Woche von ihrer Arbeit anfatmen, die -Besitzenden, die ihr Eigentum als unantastbares Gut gelten lassen wollen: sie alle zehren vom Ebbe, das die Gemeinde Jakobs am 6. Sivan erhalten hatte. Zur verpflichtenden Vergangenheit -gesellt sich aber auch Snte verheißende Zukunft. „Adonai wird regieren immer und ewig!" verkündet die Schrift, das heißt auch wenn andere Religionen schwinden sollten. Eine Fabel des Morgenlandes weiß zu. erzählen, daß einst ein Fürst eine Statue befaß, in deren Haupt ein riesig großer,