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Die Wahrheit · 1922-05-12 · Heft 10 (12.5.1922) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 10 (12.5.1922)
Date
1922-05-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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REDAKTION irADMlMSTOjtflGN mm s», Hri»estraSe 13 XXXVlll. Jahrgang Wi«r, 12. Mai LASS Nurmner 10 Aus harter Zeit. Memoirenwerke finden in der Regel wenig Nachfrage auf dem Büchermarkt; es wäre denn, daß 'der Verfasser eine scharf umristene Persönlichkeit ist oder daß er mit schonungsloser Hand die letzten Hüllen von Menschen und Geschehnissenzieht, die in der Geschichte irgend eine Rolle spielten. Solch ein Buch 'begrüßen wir in dem kürzlich bei! Löwit, Wien und Leipzig, verlegten ^Erinnerungen aus meinem Leben" von Dr. I. S. Blo ch, dem einstigen Floridsdorfer Kreisvabbinev, österreichischen Reichsra>tscckgövrdne.ten und Herausgeber der „Oösterreichischen Wochenschrift", der als geistes- und körpe-rrüstiger Siebziger unter uns wandelt, auf 'ein Leben schwerer Kämpfe, aber auch schöner Siege zuruckblickend. Blochs Erinnerungen reichen weit zurück, in eine Kindheit reich an Hunger und Schlägen, über entbehrungsvolle Lchrrm!d Wanderjahre, bis sich dem deutschen Analphabeten spat die Quellen der klassischen und allgemeinen Bildung erschlossen und er als Kreisvabbiner in Floridsdorf landete. Er hatte nun seinen eigenen Herd, an dem aber Schnx,alhans Küchenmeister war, an seinem Tisch saß Frau Sorge als beharrlicher Gast. Aber solche vom Löben hart und heiß geschmiedete Männer werden die richtigen Kampfnaturen. Floridsdorif, damals, anfangs der Achtzigerjahre, Noch nicht Großwien eingemeindet, war die Hochburg der Sozialdemokraten, die mit allen Polizeihunden gehetzt wurden, wie die Juden von der antisemitischen Mmte. Die heutige Generation der Wiener Juden hat kaum eine Ahnung Non den harten Zeiten, die ihre Vater unter der. Hochkonjunktur des christlichsozialen Regimes durch!- zumachen hatten. Ohne Schutz, ohne Verteidigung, ja sogar von den 'berufenen Anwälten, den sogenannten Liberalen und den Repräsentanten der KultUsgömeinde, den schmählichsten Angriffen jedes hergelaufenen bezahlten Wichtes feige preisgsgeben, erstaUd ihnen ganz unverhofft Hilfe urÄ) Beistand. Wir möchten es lieber Fügung als Zufall nennen, daß Bloch nach Floridsdorf kaw. Der junge weltkluge KreisrMbiNer erkannte die Schicksalsgemeinfchaft der drangsalierten Sozialdemokraten uüd Juden. Eines Abeüds hielt er den Arbeitern einen Vortrag über „die Arbeiter zur Zeit Jesu" und am folgenden Tage, als die Blätter darüber berichteten, War Bloch, weit über Wien hinaus, 'ein berühmter Mann. Wer auch Objekt behördlicher,- mißtrauischer Aufmerksamkeit; ja sogar des Unwillens der jüdischen Gemeinderepräsentcmz, die um jeden Preis in schimpflichem Frieden leben wollte. All dies konnte indes nicht verhindern, daß -der Stern ins Rollen kam und dem Judentum nunmehr ein StreAer entstand', von jener Entschlossenheit und Kräftentw icklung, wie es der Ernst der Lage heischte. Wie bei so manchen verbrecherischen Göschehen, konnte auch bei der Wiener Antisemidenbewogung ein Weib als treibende Ursache gefunden werden. Hier war es die Erzherzogin Maria Theresia, Gemahlin des Grafen Chämbord, die sich mit dem katholischen Finanzschwindler Bontoux in Spekulationen einließ, die unglücklich ausffülen, und >die sich beschwatzen ließ, die Juden seien es gewesen, .die den französischen Hochstapler zugrunde richteten. Grund genug für die hohe Frau, um jetzt den AntisemitiÄuus als Werkzeug der Rache zu alimentieren. Da kein rechter Schwung in die Sache kommen wollte, wurde ein Unterläufel namens Zerboni nach DerrtschlaNd entsendet, zu studieren, wie es dort gemacht wird. Bald darauf kam der berüchtigte Straßburger Professor Rohling an die Prager deutsche Universität, um den schlappen Oesterreichevu den strammen Stechschritt des deutschen Antisemitismus beizubvingen. Rohling, ein Mensch, besten Ignoranz nur von feiner maßlosen Charakterlosigkeit übertroffen wurde und dem es auch nicht daraus ankam, für eine: rpe Sache" etliche Meineide zu leisten, verband sich mit gleichwertigen' Renegaten, dle ihm gefälschte Talmudstellen lieferten, aus denen sich beweisen lasten sollte, daß die Juden von religionswegen aller Scheuseligkeiten und Verbrechen gegen Christen fähig waren. Der Herr k. k. Professor machte von diesem Rüstzeug Göbvauch. Fatalerweise erregte damals der Rrtualmovdprozeß von Tisza-Eßkar alle Gemüter. Die Lage drohte um so gefährlicher zu werden, als die von Rohling und seinen Spießgesellen erhobenen furchtbaren Beschuldigungen unwiderlegt blieben und der Verdacht nahe lag, „wer schweigt, der gibt zu". Da trat der Floridsdorfer Rabbiner gainz unerwartet in idie Schranken. Dank seiner profunden Takmudgerkehrsamkeit konnte er Rohlings Fälschungen aufd>scken. Stück für Stück zerriß er das schändliche Lügengewebe und warf die Fetzen dem Fälscher so diffamierend ins. Gesicht, daß er notgedrungen gegen Bloch die Eh renbekeidigungsklage anstrengen mußte. Zw^i Jahre dauerten die Vorarbeiten zu 'diesem Prozeß, die Herbeifchaffung der Beweise des Geklagten, der in fast übermenschlicher Zusammenarbeit mit seinem Anwalt, das ungeheure Material sammeln, ordnen und dem Anwalt verständlich machen mußte. Die Sache War bereits verhandlungsveif, da kam die Sensationskunde, Rohling sei bedingungslos von -der. Klage gegen Bloch zurückgetreten. Diese Art Deutscher fürchtet eben nichts als Gott und den Gerichtssaal. Dr. Bloch wurde in der gesamten Judenheit, aber auch in anderen

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