Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 4 (9.2.1922)
- Date
- 1922-02-09
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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14 Kr. 4 B,i.r Sutzrh Von Nah und ^ern Gedenke Amaleks! Di-e Mahnung erscheint aaif den ersten Blick um einen Mormt verfrüht. Mein -auch hier gilt der Grundsatz: „In der Thora gibt es kein früher und kein später." Die Aktualität entscheidet. Und diese ist durch den Aussatz eines Anonymus in Nummer 4 der ,jüdischen Presse" über „Die Orthodoxie in der Kultusgemeinde" gegeben. Dieser Heißsporn fordert nicht mehr und nicht weniger als den Austritt der Orthodoxen, will sagen: der Schiffschulgruppe, aus -der Kultusgemeinde in der Form, daß sich ihre Mitglieder und noch weitere mit ihr sympathisierende Kreise einfach als ,.k o n f e s s i o n sl o s" erklären. Wir verstehen die Schristleitnng nicht, die einen so unerhörten Anschlag aNf den Bestand der einzigen, uns Juden Oesterreichs rechtlich zustehenden Gesamtver- »Lrekmg in diesem kritischen Zeitpunkt ohne Glosse passieren läßt. Noch mehr aber, daß sie anstandslos Argumente druckt, die doch den Tatsachen ins Gesicht schlagen. Selbst der Friedhof soll unjüdffch sein. Welcher Friedhof? Der alte, obwohl so mancher Zaddik selbst' rigorosester Observanz dort sein Grab gesunden hat? Oder der neue, auf den doch die Gemeinde ein Besitzrecht hat, das im strenge sten Sinne des Wortes „Achusath kewer" beiichaltet? Daß die Tempel „unjüdisch" sind, ist eiir Vorwurf, der miancher „strenggläubigen" Schul seitens noch frömmerer Kreise nicht erspart bleiben dürfte. Was aber darin ,/unsüdifch" ist, kann doch von den orthodoxen Mitgliedern des Kultusvorstandes als unzulässig gebrandmarkt werden. Man wird dann nicht anstehen, au eine Remedur zu schreiten. Aber einfach so aus den: Stegreif Tausenden und Abertausenden, die darin sicherlich nicht weniger ehrlich und 'inbrünstig beten als der zelovische Ginsender in seiner Schul, ihre und ihrer Vorfahren Andachtsstätten „asiern" und verleiden, woher nimrnt der forsche Kritikus dieses Gewissen? Woher den Mut, sich über die Gaonim zu. stellen, die für einen Mannheimer, den Schöpfer dieses Wiener Kultus, Worte der Anerkennung fanden? Wenn einmal ein Religionslchrer entgleist, so ist die kompetente Schulbehörde im Ku'ltusrorstand, irr dem auch die Orthodoxie vertreten ist, die berufene Instanz fiir Beschwerden, wie die des „Ostjuden, der sieben Jahre in Wien wohnt hohe Kultussteuer zahlt, aber kein Wahlrecht besitzt." Muß denn -alles sofort an die große Glocke gehängt werden? Ist diese Flucht h die Oeffentlichkeit nicht — im besten Falle! — nur zu rechtfertigen ais ultima i^tio, wenn alle Ederen Instanzen versagen? „Al tifrausch mm hazibbur", so lautet eine Mahnung des Schrifttums, das dem Anonymus als autoritativ gelten sollte. Vor allem aber hätte er daran denken müssen,, daß, wenn wir Juden auch alle Wunden, die unserem Volkskörper geschlagen wurden, verschmerzt haben. - wir eine -absichtlich offen halten. Das ist jene, die uns Amalek geschlagen hat, als wir „müde schwach" waren. Tilgen sollen wir den Geist des längst von der Bildflache ver- ■ schwundenen Amalek, den. Geist, der einer Gemeinde in den Rücken fällt gerade dann, wenn sie schwach ist, wenn sie um ihre Sekbsterhaltung schwer zu kämpfen hat. Ist es nicht derselbe 'Geist, -der aus dom Ausruf des in der Tarn» kappe der Anonymität so tapferen „-Oftjuden" spricht? lind wozu die tvutzige Betonung seines Ostjudentnms? Haben wir nicht genug Trenuungsprinzipren, die unsere schwache und ermüdete Gemeinde zerKüsten und zerreißen? Muß noch die Geographie herhalten und Ost und West in Gegensatz gehetzt werden? Und wie, wenn es in Wien manchen Westjuden gibt, der dreimal sieben Jcchre in Wien wohnt, Kultussteuer zahlt, für die Gemeinde fraglos nicht weniger als jener Ostjude geleistet hat und trotzdem. in der Frage des Wahlrechtes sich verkürzt fühlt, der aber ungeachtet alles dessen es sich wohl überlegen wird, einer Gemeinde, die gegenwärtig alles aufbieten muß, um sich Kredit zu verschaffen, durch eine , solche herostratische Tat einen empfindlichen Schlag zu versetzen? Ja, merkt denn unser Oststide gar nicht, daß Gegner des allgenreinen Wahlrechtes gerade aus solchem Verhalten unserer zugewau-- derten Brüder bte wirksamste Waffe für ihre Sache schmieden können? Wir sind überzeugt, daß diese Einsendung ein Monolog ist und bleiben wird, daß hinter chr keine Gruppe steht, daß vielmehr jeder jüdische Leser eine solche Zumutung entrüstet von sich weisen wird. Auch Homer schläft bisweilen. So mag der Artikel an dem redaktionellen Filter vorbeigerutscht sein. Ein homerisches Gelächter wäre die einzige würdige Quittierung, wenn — der Narr nicht mein wäre. Für ein solches Pamphlet gibt es nur eines: tiefer hängen! Ein Westjude, der auch kein. Wahlrecht hait. Deutsche Worte. Die „Germania", eine Tageszeitung, deren gut christliche Gesinnung unh deutsches Empfinden nicht im geringsten zu bezweifeln ist, mußte gegen dft Verirrungen jener ultradeutschen Jungen, die sich in einem „Hochschulring deutscher Art" zusammengotan haben, wegen einiget Aoußerungen, -die schon mehr als knabenhafter Uebermnt sind, entschieden Verwahrung einlegen. Diese germanischen Jünglinge veröffentlichten in der „Fi'eiburger Tagespost" die Erklärung: „Am neuen Werk ist ein. neues Geschlecht, das wieder an den Sonnenglauben der Väter anknüpst, der deutschen Väter, und es ablehnt, sich von dem ersten jüdischen Defaitisten- (g em e i n t i st e u e r C h r i ft u s) Vorschriften machen zu lassen! Unser deutscher Bismarck steht uns zu hoch, weltenhoch über jedem internationalen Juden — heiße er nun Proseffor Kantorowicz oder Jesus von Nazareth!" In diesem Wahnsinn akademischer Grünschnabel ist auch keine Spur einer Methode, sondern der Widerhall jener Aufrufe, die von alten Herren der studentischen Körperschaft ausgchen. Die „Germania" nennt als solche ueiben Ludendorf f„ Sieöerg und Prof. v. Bülow, welch letzterer auch die zitierten deutschen Worte in die „Freiburger Tagespost" schmuggelte. Das konservative Berliner Blatt fordert mit Recht, die jungen Leute des Hochschulrings etwas aufmerksamer als bisher zu beachten. Wir möchten selbst der Meinung zuneigen, daß sie auf ein Beobachtungszimmer gchören. Die Sterblichkeit unter den Juden. Eine Ueberstcht über die SteMichkeit unter den Juden gibt Dr. Saloman in der „Jewish Chronik". Bei einem Leben in noch so ärmlichen Verhältnissen ist sie'stets geringer als bei den Nichtjuden. So ist das Verhältnis für Galizien für die Jahre 1897 bis 1900 von Geburten zu Todesfällen bsi Römischkatholiken 43,5 : 42,6, bei Griechrschkatholischen 45,4 : 38,7, bei Juden 10,5 : 7,9, bei einem Bevölkerungs- Verhältnis von 48:12:11. In Preußen betrug die Sterblichkeit 1908 unter den Juden 13,6, unter den Nichtjuden 17,9;- in Rußland 1905 14 (Juden! zu 30 übrige Bevölkerung. Auch unter der,städtischen Bevölkerung bietet sich ein ähnliches Bild.. Die Gründe hiefür dürften sein: Wo immer, haben sich die Juden frei gehalten, vom Alkoholismus und daun, weisen sie wesentlich weniger Syphilis auf. Endlich kommt ihr traditionelles Familienleben und ihre relativ höhere Bildungsstufe in Betracht. Eigentümlich ist es mit der Tuberkulose. Entgegen der Annahme, 'ist dev Jude ihr gegenüber widerstandsfähiger als feine Umgebung. So war die Sterblichkewt an Lungentuberknlose