Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 21 (27.10.1921)
- Date
- 1921-10-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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jfiöifihotelie REtAKT 10(1 t/ADMUilOT^TlOrt Pb« O»k»ß»»D» 18 XXXVII. Jahrgang Wie», 87. vttoder 1VS1 Nummer 21 Für unsere höchsten Feste. Die nachstehenden beiden SrrmmungS» hilder Waren vom Verfasser der RenjahrSmrm- V mer der „Wahrheit" zugedacht, konnten jedoch infolge verspäteten Eintreffens kerne rechtzeitige' Aufnahme finden. Wir glauben aber, in diesen ebenso schönen, wie empfindungSvollen Arbeiten den Lesern eine willkommene Gabe zu bieten, deren poetischer Wert und tiefer Eindruck nicht an den Tag gebunden ist. Die Töne der Schofar. Es sind nur einzelne Töne, langgezogene, gebrochene, trillernde, rohe Töne «ns rohem Instrument, ans demtzorn eines Wmders — unjchön, ohne Harmonie und ohne Kunst! Und doch! Beim Hören dieser Schosartöne geht ein Schauern durch unseren Körper und unsere Seele erzittert. Wir beugen unsern Rücken, senken unsern Blick nach mit zurückgehaUienem Wem lauschen wir «diesen Tönen, aus denen wrr die Strnune Gottes zu hören glauben. Es klingt uns wie ein Sturmblasen im Kampfe uin unser irdisches Dasein. Die Kraft dieser Töne bringt uns zur tiefsten Ohnmacht. Wir fühlen, daß jeder Ton unserer Stimme zu nichts wird, daß unser Herz und unsere Seele zn schweitzen haben vor der Gewalt dieser Töne, die uns den Willen einer höchsten Macht verkünden! Wer versteht nicht diese Töne?! Wer versteht nicht ihre Sprache?! Jeder hört die Verkündung seines Schicksals und jeder weiß, was ihm zugerusen wird. Er fc&rt den Ruf seiner. Vergangenheit und versteht das Urteil über seine Zukunft. Er beugt sich vor diesem Urteil und Littet nur um Gnade. Ein langgezogener, gleichmäßiger Ton erschallt! Es werden die Wenigen vor den höchsten Richter gerufen, die in schlichter Weise den geraden Weg dieses Lebens wandeln, ohne Erschütterungen, ohne Abweichungen und, ohne Unterbrechungen. Diesem folgt ein auf- und absteigender Ton. Da treten ggr Viele vor. Diese haben in ihrem Leben viele Berge keuchend bestiegen, um umso tiefer in die Schlucht zu stürzen. Nun braust uns ein trillernder Schall in die Ohren. Ein Ruf für alle Arwern, -denen das Leben ein ununterbrochenes Auf und Nieder war, denen kern Tag der Ruhe beschieden war und auf dem wogenden Meere des Lebens hÄdund her geschleudert wurden. . Zum Schluffe kommt ein langgezogener Ton, er scheint uns ohne Ende — ein Sammelrus an Alle! Er ist gleichmäßig und verkündet uns, daß wir alle einst vor dem Richterftuhle der Allmacht gleich fein werden, so in unserem Jrmern die göttliche Posaune ertönt, in deren Schall wir zur Ewigkeit emporsteigen! 1ttpm»A«dacht. Wie ein Waldesrauschen klingt es in meinen Ohren. Ich höre ein Säuseln, ein Wehen, ein Dröhnen, ein Aechzrn! Ich fühle mich inmitten eines Waldes. Um mich herum erheben sich viele Bäume und Bäumchen, die alle gegen den Himmel streben, den sie nie erreichen. Denn die Natur, die fie auf das Stückchen Erde verpflanzte, hält sie festgewurzelt da. Und doch strebt jeder Baum in die Höhe, und die ganze Arbeit und das ganze Werk seines Lebens ist diesem Ziele gewidmet: Los von der Scholle, die ihn für ewig feschalten will — hinauf, hinauf in die reine Luft einer himmlischen Höhe! Er baut emsig und baut Schichte auf Schichte. Doch nach einem Jahve fleißiger Arbeit — wie wenig -am er höher! Wird die Spanne Zeit seines Lebens ihn zur ersehnten Höhe bringen? Wisse, .du armer Baum, daß du dein Werkzeug und das Holz zu deiner Leiter, die dich zur Himmelhohe führen soll, aus dieser Erde genommen. Diese Leiter wird ' dich immer wieder zu dieser Erde zurückführen, denn — was aus Erde ist, geht wieder zur Erde zurück! Du kannst nicht m den Himmel, doch erschauen kannst du chn. Last« einen Augenblick die Arbeit deiner Hände ruhen und richte die Augen deiner Seele in die Höhe, nach der du sehnend verbürgst. Wende die zarten Blätter deiner Krone der himmlischen Richtung zu. Bald geht ein sanftes Säuseln durch deine Blätter, bald schüttelt ein rauschender Sturm deine Krone,- der dich entzwei zu brechen droht—- das ist die Sprache des Himrnels. Verstehst du sie, so findest du den Wog nach oben! Auch ich, schwache Pflanze, will die Kette sprengen, die mich au die Erde fesselt und wende mich ab von allem Jrdffchen. Ich befehle meinem Herzen stille zu stehen und verbiete meinen Augett zu sehen und meinen Ohren, zu hören. Nur die Stimme der Seele laffe ich sprechen, mit ihrem Auge will ich sehen und mtt chren Ohren horche ich hin und lausche der Sprache aus der Höhe. Verftche ich fie?! Langsam dringen einzelne Laute in mein Bewußtsein. Ich höre leise, liebliche Töne der Liebe und des Glückes und auch das Seufzen und Schluchzen gebrochener Herzen. Milde, ruhige Worte der Weisen und schäumend-wütendes Brüllen der Bösen. Ich höre fingen und loben, weinen und bitten — alles durcheinander durch die Lüfte jagen! Wollte ich diese Stimmen hören? Nein! Diese Stimmen kamen aus mir, ans meiner Umgebung — aus der Erde. Ich wende mich ob und lasse das durcheinanderheu'lende Getöse vorüber stürmen und warte, bis diese verklungen sind. Ich warte «aus andere Stimmen; Stimmen, die von oben kommen, auf Worte, die nicht jedes Ohr vernimmt und nicht jeder versteht! Erschauen will ich jenes BW der Allmacht und des Weltalls, das mir' die Schöpfung inihrer