Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 12 (9.6.1921)
- Date
- 1921-06-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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f®zz$ etmntf K-81S REDAKTION irADMlNlSTÖATlQN Mir« Ä.» Ariarstraße 13 Wie», 9. J»»i mi übnatc 12 XXXV» Jahr»»»« Zum Schabuotfeste. Das Fest der Offenbarung MN Sinai ist zugleich der Gedenktag für den Eintritt des Judentums in die Weltgeschichte. Es ist der Moment, in welchem sich die Menschheit zur höheren Stufe des Gottesbewußtseins erhoben, deren Erkenntnis in der Seele ihres grüßten Propheten auKgangen war. Als treue Bekenner unserer Seele haben wir jetzt, in der Zeit des „wissenschaftlichen" Antisemitismus (Delitzsch, Dinter), eine besondere Veranlassung, dieses Fest mit verdoppelter religiöser Innigkeit zu feiern. Denn heute wie vor Jahrtausenden gilt als unumstößlich der folgende Satz: Bevor die Offenbarung an Israel geschah, waren alle Völker, zu denen die Offenbarung nicht gelangte, -dem Götzendienst und' dem Heidentum verfallen. Alle Völker, welche einen reinen Begriff von Gott haben, find solche, zu denen die Offenbarung an Israel* gelangt ist und die diese als Grundlage ihrer religiösen, sittlichen und sozialen Existenz anerkannt haben. Diese Tatsache ist bisher nicht umgestoßen worden und wird auch wohl nicht umgestoßen werden können. Welche sind denn nun die Völker, von welchen Israel seinen Gottesgedanken geholt haben soll? Zuerst hat man die Aegypter genannt. Aber gerade diese verehrten nicht nur die heilbringenden Kräfte und die Erscheinungen der Natur als Götter, sondern sie erblickten das Wesen der Gottheiten auch in gewissen Tiergattungen. In ganz Aegypten wurden die Ochsen, die Katzen, die Hunde, die Störche, die Schlangen und Krokodile angebetet. Die Verehrung des Sonnengottes war der älteste Dienst; neben diesem wurden auch weibliche Gottheiten angebetet. Ebenso war es bei den Indern, die die Geister der hellen Luft, des Lichtes, des blauen Himmels und der wehenden Winde anriefen. Indra hieß der höchste Gott, der Geist des hohen Himmels, dem gegenüber der böse Vitra die Wasser des Himmels in schwarze Wolken einhüllt, Ahi im Sommer die strömenden Flüsse in den Höhlen der Berge verhüllt In seinem Kampf gegen diese kommt dem Indra der Gott Bagu, der den Morgenhimmel aufhellt, und die Maruthra, die den Himmel reinigen,. zu Hilfe. Dieser Anschauung trat in späterer Entwicklung der Buddhismus entgegen, eine Religion der Verneinung, die aber auch eine dreifache Gottheit anbetete^ in der der Kreislauf des Naturlebens sich personifizieren sollte. Brahma, der Schöpfer der Welt, Bischnm der Erhalter der Welt, und Schwa als der Zerstörer. Neben und unter diesen obersten Göttern wurden dort die alten Volksgötter und die guten und bösen Geister weiter verehrt. Zuletzt hat man nur den Ursprung des Monotheismus in Babylonien gesucht. Wer welch roher Polytheismus herrscht in der babylonischen Mychologie! An der Spitze steht eine Göttertrias: Anu, der Himmelsgott Bel, der Gott der Erde; Ea, der Gott des Ozeans. Diesen sind drei Göttinnen beigegeben: Antum, Beltis und Damkina. Dieser Trias folgt eine zweite: Sin, der Mondgott; Schamasch, der Sonnengott, und Ramanu, der Luft- und Wettergott, alle drei gleichfalls von ihren Göttinnen begleitet. Als Nationalgott der Assyrer, deren Religion mit der der Babylonier ja identisch ist, wird Assur verehrt, als die Göttin schkechthin Jschtar, deren Anbetung unmittelbar zu dem scheußlichsten Götzendienst führt, den die vorderasiatische Mythologie kennt. Und nun vergleiche man diesen Polytheismus mit dem Monotheismus Israels! Ms Moses auf dem Berge Horeb zum erstenmal zu. der Entschließung gelangte, Israel zum Träger dieser Gotteserkenntnis zu machen, in jenem großen Moment, der zum bedeutendsten Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit wurde, suchte der begeisterte Prophet nach einem Namen, mit dem er das göttliche Wesen seiner Erkenntnis dem Volke zu verkünden habe und da rief ihm die Stimme der Offenbarung aus den innersten Tiefen seiner Seele zu: „Eh‘ jeh ascher eh‘ jeh!“ Jenes unsterbliche Wort, das wir nur schwach in die deutsche Sprache übertragen: „Ich bin, der ich bin; ich werde fein, der ich sein werde!" Eine tiefere und größere Anschauung, einen erhabeneren und bezeichnenderen Ausdruck für die Unendlichkeit des göttlichen Wesens weift uns keine Sprache nach, und nur ein schwächlicher Widerhall sind die Worte unseres Morgengebets: „Er war, er ist, er wird fein!" Denn sie sprechen ja nur die Unendlichkeit Gottes im Verlauf der Zeit aus, wahrend uns hier die Ahnung von der inneren Unendlichkett des göttlichen Wesens ergreift, die über der Zeit steht und in jedem Augenblick eine vollkommene und vollendete ist. In diesem Gedanken ist der Kern und der Mittelpunkt der jüdischen Religion gegeben; denn die Worte, in welchen die Einheit des göttlichen Wesens dem lautlos aufhorchenden Volk« verkündet wurde, jenes