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Die Wahrheit · 1921-05-13 · Heft 10 (13.5.1921) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 10 (13.5.1921)
Date
1921-05-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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MaWMLe ZeMM für MWeInteMn REDAKTION u-AOMliilSTO^TlOH Mir» S.» Aeirrrstraße IS XXXVU. Jahrgang Wien, 13. Mai 1S31 Nummer 10 Wer ist ein guter Jude? Diese Frage erörtert in der „Indischen Volkszeitung" Branslawä, Rabbiner Dr. F. L ö w y, der selber mi überzeugter Zionist ist, in ebenso beachtenswerter, als launig kritischer Weise, die sich unserer Auffassung über den Kernpunkt des wahren Judentums nähert. Gleich uns vertritt der Schreiber des Artikels die Anschauung, daß Mit dem nationalen Bewußtsein, wie es namentlich in den Reihen unserer Heranwachsenden Generation geweckt und' bis zur Leidenschaft gesteigert wird, die Entwicklung der Religiosität in umgekehrtem Verhältnis stcht. Marl darf hier das bekannte Sprichwort, daß die PoliM den Charakter verdirbt, dahin erweitern, daß der Nationalismus auch den Glauben der Väter verderbe, wenn nicht gar zerstöre. Das ostentative Zuschautragen eines solchen nationalen Selbstbewußtseins, das sich in dem Schlagworte „Jwni Anauchi" oder im Bekenntnis zum Blauweiß erschöpft, verfolgt ganz andere Ziele und Ideale wie sie der viielgeschmähte, aber nach dem Gesetze Moses lebende und der Tradition folgende Assimilant in sein Programm ausgenommen hat. Hier scheiden sich die Wege zwischen Politik und Religion, hier wird die Frage spruchreif, wer ist -der bessere oder überhaupt der gute Jude? Genügt es mit dem Gebrauch der hebräischen Sprache in Verfammlmigen zu prunken, ihr in Amt und Verwaltung des palästinischen Staates ein Monopol zu schaffen? Oder wäre es nicht edler im Gemute, öfter als es bei den Nationalen der Fall ist, sich ihrer im stillen Gebete! oder öffentlichen Gottesdienste zu bedienen. Seien wir uns vor allem über den Begriff und das Wesen des Monismus klar. Wo in allen Ländern der Welt ist ein Jude, welcher Parteistellung immer, dem bei dem Worte Zion das Herz nicht Höher und wärmer schlägt? Erinnerungen an eine große und heilige Vergangenheit werden lebendig. Wandelten doch in Palästina unsere Stammväter im Sonnenglanze eines hehren Glaubens, als die Völker um uns Her noch in Wildheit und Roheit lebten; dort rauschte die geflügelte Rede unserer Propheten, Äs die Nationen um uns Her noch keine Schriftsprache Hatten; dort sangen unsere Psalmisten jene wunderbaren Lieder, die heute in jüdischen wie in nichtjüdischen Gotteshäusern erschallen; dort thronten unsere Könige und regierte ein freies Volk, während Despoten in ganz Asien Herrschten; dort kämpften die Makkabäer ihre HeDenkämpfe, die zu den ruhmvollsten in der Kriegsgeschichte zählen; dort sielen Hunderttausende unserer Glaubensgenossen zum Schrecken des weltbeherrschenden Rom; dort war der Ziontempel, dort die Wiege der Mischna, dort Hillel der Sanfte, dort R. Jochanan ben Saccai der Friedliche, idort R. Akkba der Geistesftarke, dort R. Meir der Scharfsinnige, dort R. Jehüoa der Fürstliche. Jede Stadt, jedes Dorf, jede Straße Palästinas, jeder Stein in Jerusalem, alle erzählen uns von einer großen Vergangenheit, die wir gewiß auch in der Gegenwart sesthalten müssen. Hüten wir uns aber, diese erhabenen Erinnerungen mit der Parteipolitik zu verschmelzen, die notwendigerweise zu. Konflikten führen muß, wie sie in den großen PavtMagern der Zionismen schon seit lange herrschen. Das geistige Oberhaupt der Wiener Zionisten, Herr Obervaböiner Dr. C H a j e s, hat dies in der großen Versammlung im Sophiensaal, am 26. April, erbarm und bekannt, indem er erklärt hat mit der Politik allein wird das zionistische Programm nicht durchgeführt w e r d e u k ö n n e n. Er hat auch bei dieser Gelegenheit lnitgeteilt, daß seine in Amerika gemachten Versuche, zwischen den zionistischen Parteien der alten und neuen Welt ein Kompromiß zu schließen, mißlungen seien, hofft aber noch immer, daß der vollständige Bruch ausgehalten werden könnte. Wenn also, worauf wir wiederholt hingewiesen, im eigenen Lager der Zionisten Bruderkämpfe von so großer Tragweite wüten, wer kann es dann den Orthodossen und Assimilanten übel nehmen, wenn sie der ganzen Bewegung ferne bleiben, obgleich wir in der Grundfrage für Zion die stärksten Gefühle hegen.' Wer mit diesen Gefühlen soll und darf nicht ein politisches — zuweilen ein parteipolitisches — Kesseltreiben ansgeführt werden. Das sagt auch Rabbiner Dr. F. L ö w y mit den überzuegenden Worten: Zion ist uns allen ein 'teures Ideal, ein hohes Ziel. Und wenn man trotzdem. einen großen Teil des Judentums mit dem Namen Assimilanten belegt oder gar des Verrats an der jüdischen Sache zeiht, ist das nicht bloß ungerecht, sondern auch unaufrichtig. Unaufrichtig, weil diejenigen, die so laut „Verrat!" und „Affimilanten!" herüber oder hinüber rufen, doch selber zugeben

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