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Die Wahrheit · 1921-03-18 · Heft 6 (18.3.1921) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 6 (18.3.1921)
Date
1921-03-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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MManMeZcklMsl MMeMeEnw REDAKTION ^ADMINISTRATION Mir« 2.» Kaiser Josrfstraßr IS XXXVU. Jahrgang Wien, 18. März 1921 Nnmmer 6 Purimbetrachtungen. Wieder rft das alte jibbrjdje Freudenseft abgebrochen, daslbefonders in diesen schweren Zeiten in den grauen Alltag der Sorgen und Entbehrungen gleich einer Oa?e in der Wüste winkt und deshalb eine Art seelischer Ruhe Punkt in all dem Treiben und Hasten des gegenwärtig doppelt schweren Existenzkanrpfes bedeutet. Purim will aber nicht bloß als ein.Vergnügungsfest angesehen und drangen werden, sondern es enthält auch einen tieferen Sinn, der sich in dem Buche Esther dem aufmerksamen Leser offenbart. Eigentümlich und wunderbar vollzieht sich darin eine Schicksalstragödie, die vielleicht vom Verfasser unbeabsichtigt den tiefen Ernst des Geschehens mit komischem Einschlag verbindet, und H a m a n, den.an- -fan'gs alle Schrecken und Schauer des' mächtigen, enMi^-^ reichen, sudenferndlichen Staatsmannes umrvittern, :vährend des Verlaufes und namentlich zum Schluß eines Abschnittes aus der Geschichte des exilierten Judentums als lustige Figur erscheinen läßt. Dieser Umstand, sowie das freudige Erinnern au die Abwendung einer großen Gefahr geben dem Purimfeste seinen fröhlichen Charakter. Haman und sein verruchter Plan ist d ie sinn fällige Ausdeutung des Sprichwortes, >daß, wer anderen eine Grube gräbt, selbst hiueinfällt. Das ist wohl das tröstlichste an diesem Fest, das uns lehrt, daß wir nicht unter dem Einfluß der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit erlahmen sollen, wenn menschliche Tücke und Bosheit, wenn die ruchlosen Pläne hochstehender Machthaber oder Ratgeber zu einem vernichtenden Streiche gegen das Volk der Juden ausholen. Und noch ein anderes Moment spricht belehrend und erbauend aus dem 'Buch 'Esther zu dem denkenden Juden. Das treibende Motiv an der plötzlichen, geradezu überraschenden Wendung, welches den schon im Geiste triumphierenden Haman in die tiefsten Abgründe des eigenen Verderbens stürzte, war der von ihm ans verletzter Eitelkeit so tief gehaßte rurd verachtete Jude Morde ch a i, das Vorbild des anspruchslosentreuen Staatsbürgers, wie er ja ,im Durchschnitt, jederzeit den Typus des Juden dargestellt hat. Das Buch Esther behandelt eine «der gefährlichsten .Episoden der Juden im Exil. Wenn aber die Vergangenheit ein Spiegel der Zukunft ist, so bietet uns dieser Abschnitt aus der Leidensgeschichte der Juden im.Exil einen Ausblick aus die Weiterentwicklung und Zukunft unseres schwer geprüften Volkes. Fast in jedem Lande und zu jeder Zeit haben neu entstandene Hamans den Juden Verderben und Untergang gedroht, aber ftnmer blieb es nur bei der verruchten 4lbsicht und dem teuflischen Plan. Es war nicht immer eine anmutige Frauengestalt, nicht immer eine Königin Esther, die die Hamans entlarvt und der wohlverdienten Strafe zugesiihrt hat. Aber es fehlte der Vorsehung nie an „Boten", die das Rettungswerk besorgt haben. Immer wieder sehen wir, daß die wunderbare Elastizität unseres mannigfach heimgesuchten Volkes idurch Gottes Hilfe und den Geist der Geschichte die gefährlichsten Krisen überwunden hat, ja in vielen Fällen sogar verjüngt und neu gestärkt daraus hervorgegangen ist. Immer wieder dankte jubelnd das befreite Volk seinem Gotte „für die Wunder und für die- Großtaten", die E r geübt „in jenen Tagen, in dieser Zeit!" Auch jetzt fchlt es nicht,. namentlich in Europa, an -wiedererstandenen Hamans, die ihren angeborenen Haß zu üben versuchen. Aber immer wiederholt sich das Beispiel, daß der moderne Haman mit seinen Plänen zu Schanden wird und daß das ewige, unveräußerliche Recht der bedrückten Menschheit obsiegt. Das Purimfest ist nach dem Sinne des Sprachgebrauches ein Fest des Loses und wie überall sind es die schwarzen und die heiteren Lose, die sich nach dem Walten der Vorsehung dnrchzuisetzen haben. Bald ist es der Glaube der Juden als solcher, bald die soziale Gefahr, die fiir die öffentliche Gesellschaft aus dieser Religionsgenossenschaft von ihren Feinden betont wird, die zu einschränkenden Maßregeln aufruft oder in den Ländern mit rückständiger Kultur zu offener brutaler Gewalt, Verfolgung uud Vernichtung greift. Aber durch alle diese schweren Nöte und Drangsale hat sich der jüdische Geist und die jüdische Seele erfolgreich durchgesetzt. Darum bleibt auch das Purimfest nicht nur ein Tag der Freude, sondern auch der Hoffnung, daß nach all diesem Trübsal, das die moderne Kultur so reichlich auf uns Juden heraufbeschworen hat, stch die Erkenntnis des Besseren bald durchsetzen wird. —sch.

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