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Die Wahrheit · 1920-10-20 · Heft 17 (20.10.1920) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 17 (20.10.1920)
Date
1920-10-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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ansr Är, 11 Die Wahrheit (Seite 9' wie Bethmann-Hollweg sagt, der Staatsmann, sondern jede politische Partei die Zeichen der Zeit verstehen muß. Die Jüdischnätionalen hatten eben dieses Verständnis nicht, hatten sich in ihr System und Prinzip so starrsinnig verbissen, daß die jüdische Wählerschaft, die außerhalb des jüdischnationalen Dogmas steht, die Gefolgschaft versagen, mußte. Von diesem Bruderzwist im Hause Israel zogen die großen politischen Parteien ihren Vorteil. Messen wir an der großen Zahl jüdischer Wähler in Oesterreich das Stimmenergebnis der Strickermänner, so muß es diesen endlich die Augen darüber öffnen, wohin eine unbeirrbare Prinzipienreiterei letzten Endes führt. Es ist aber die alte, immer neubestätigte Wahrheit, daß alle politischen, wirtschaftlichen und sozialen Konflikte auf dem Rücken der Juden, diesmal durch deren eigenes Verschulden, ausgetragen werden. Cm Brief aus Palästina. Wir bekommen folgenden, an eine hochangesehene Familie Wiens gerichteten Brief zur Veröffentlichung. Nach persönlichen, privaten Aussprachen heißt es: „Mir geht es -nicht schlecht. Ich arbeite sehr schwer bei Entsumpfungen und Straßenbau und bin zufrieden. Das Einzige, was mich sehr schmerzt, ist die Unreligiösität. In einer Kwuzah (Arbeitergruppe) aus siebzehn Pvalim waren wir kaum drei, die am Roschhaschono beten gingen, und als wir dann zurückkamen, lachte man uns aus. . . . Schon fünf Monate bin ich im Lande der Verheißungen. Fünf Monate arbeite ich schwer im eigenen Lande, in Erez Jisrael, aber die Wahrheit gesagt, das, was ich erhoffte, habe ich nicht gefunden. Ich »will damit nicht sagen, daß. ich eine Enttäuschung erlebt habe. Das.Land könnte wirklich.ein Erez sowat ch alaw . udwasch sein und verspricht es auch zu werden. Ich habe alles viel bester vorgefunden als ich, hoffte,-aber eines vermisse ich hier. Zum Judenland fehlt das Judentum. Zwar sprechen die Gerim sogar hebräisch, ja sogar manche Araber bedienen sich der hebräischen Sprache. Aber das ist alles. Wenn der Mensch sieben Tage in der Woche arbeiten könnte, würde man hier ganz getrost Samstag arbeiten. Und so geht das Judentum hier von Tag zu Tag und von Generation zu Generation zurück. Wenn kein Rückstoß von religiösen Massen (die einwandern werden, um zu arbeiten, denn nur der produktiv arbeitende Mensch kann hier einen Druck ausüben) in Bälde kommen wird, so ist Palästina als jüdische Heimstätte im wahren Sinne deS-Wortes verloschen." Die Zuschrift ist aus Jawneh-Tiberiaß und stammt, wie der Stil verrät, von einem gebildeten jungen Menschen, der auch tief religiös ist. Wir fragen nun die Verkünder deS prohetischen Zionismus, ob sie vorerst wieder den Baalsdienst in Palästina aufrichten wollen, um dann mit des Propheten Flammenwort die Lehre des einig einzigen Gottes zu verkünden, oder ob es nicht-tief traurig ist,^ daß die Sehnsucht nach, Palästina mit der Bloßstellung der religiösen Gebote verbunden ist? Der Brief des jungen Mannes beweist, das. Nationalismus Areligiosität ist und er beweist, daß der heutigen zionistischen Bewegung der hohe religiöse Funke - fehlt. Das sind Wahrheiten, die nach allen bisherigen Erfahrungen nicht bestritten werden können. Armes Volk und arme Führer! on Nutz und Fern Ein uugewöhulicher Streitfall. Der ehemalige k. k. Generalkonsul in Konstantinopel Herr P r o m l e r hatte dort vor Jahren ein wenig Wochen altes Kind aus einem brennenden Hause gerettet, adoptiert und ihm alle Sorgfalt angedeihen lassen. Herr Promler, der selbst kein Jude war, aber für diese stets lebhafte Sympathie empfand, weil er unter ihnen die edelsten Menschen fand, bestimmte vor seinem 1916 erfolgten Ableben testamentarisch, daß sein Vermögen in der Höhe von einer Viertelmillion Kronen der Wiener jüdischen Gemeinde zwecks Errichtung eines Waisenhauses zufalke. Er hat nun seine Adoptivtochter zu bestimmen gewußt, einen Erbverzicht zu unterschreiben und sich mit einem Legat von jährlich 2400 Kr. zufrieden zu geben. Sie erhob aber gegen das Testament Einspruch und klagte nunmehr die Kultusgemeinde auf Herausgabe der Pflichtteilergänzung, da der durch „fortgesetzte Drohung" (die sich wohl schwerlich wird Nachweisen lassen) zustande gekommene Verzicht unwirksam sei. Die israel. Kultusgemeinde stand ihrerseits auf dem Standpunkt, daß man es mit einem rechtsgültigen Testament und einem rechtsgültigen Erbverzicht zu tun habe; alle vom Gesetze verlangten Formalitäten und Bestimmungen seien vorhanden. Der Gerichtshof hat nach Schluß deS Beweisverfahrens beschlossen, das Urteil im schriftlichen Wege bekanntzugeben. Jubiläum bell Oberrabbiners Reich. Der berühmte, auch in den orthodoxen Kreisen des Auslandes allgemein bekannte greise Oberrabbiner der Budapester orthodoxen Gemeinde Koppel Reich beging am Vorabende des Roschhaschonoh-Festes daS Jubiläum seiner dreißigjährigen Budapester Amtstätigkeit. Dernunmehr dreiundachtzig Jahre alte Meister ist schon feit sechzig Jahren erfolgreich als Rabbiner tätig und hat die Hälfte seiner segensreichen Rabbinatstätigkeit an der Spitze der Budapester orthodoxen Gemeinde verbracht, zu deren kulturellen und wirtschaftlichem Auffchwung er reichlich fein Scherfiein beigetragen hat. Anläßlich feines Jubiläums erschien unter' Führung des Gemeindepräses Abraham von Freudiger eine Deputation beim Jubelgreis, um ihm eine kostbare Ehrengabe der Gemeinde zu übermitteln. Jakob H. Schiff. Der „Allgemeinen Zeitung des JudentumeS" entnehmen wir folgenden Nachruf: Aus New-Aork kommt die telegraphische Nachricht, daß Jakob H. Schiff, der Seniorchef des Bankhauses Kuhn, Loeb & Co., im Alter von 76 Jahren gestorben ist. Mit Schiff geht einer der führenden Männer der internationalen Finanzwelt und einer der vornehmsten Philanthropen unserer Zeit dahin. 1647 zu Frankfurt a. M. als Sohn einer uralten, dort ansässigen jüdischen Familie geboren, ging Schiff achtzehnjährig nach New Aork und eröffnete dort bald ein eigenes Bankgeschäft. 1875 wurde er Teilhaber des Bankhauses Kuhn, Loeb & Co., das unter seiner Leitung eines der größten Privatbankhäuser der Welt

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