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Die Wahrheit · 1920-10-06 · Heft 16 (6.10.1920) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 16 (6.10.1920)
Date
1920-10-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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%l \ . ' - a Nr. 16 - Hie Wahrheit , Gelte 1 Tempel und ließ sie aufrufen. Ich verhielt mich vollkommen passiv, hatte nur auf Anfrage deS Lehrers naturgemäß gegen eine Teilnahme der Schüler nichteinzuwenden. Sie -kennen vielleicht den Ausdruck: Mipne darke scholaum. „Um d-s Friedenswillen", der im Kreise jüdischer.Mentalität eine große Wichtigkeit hat. Stellen Sie sich nun den oben genannten jungen Mann, der im Denken und Fühlen und Handeln seit.seiner Kindheit Jude ist, leidenschaftlich national empfindet, der Bar Mizwah wurde, dessen Vater ein geradezu fanatischer Nationaljude ist, denken Sie sich diesen Jungen zurückgewiesen. Sicher: Nach den Buchstaben des Religionsgesetzes ist dieser junge Mann kein Jude. Auf die positive 7 Frage muß das jeder Kenner sagen. Trotzdem gab und gibt es Autoritäten, welche in diesem Falle den jungen Mann als einen „Anuß", d. h. gegen seinen Willen „Nichtjude" bezeichnet und betrachtet haben. Es ging einfach nicht anders, als zu schweigen und dys Ungesetzliche zu dulden, um nicht Schlimmeres hervorzurufen. Der junge Mann wird sich nun beschneiden lassen und ein treuer Jude bleiben und werden. In dieser furchtbaren Zeit, in der, wie in keiner zuvor, Anomalien und Abweichungen von Ueberliefertem oft als Gebot der Stunde erscheinen, war dieser Ausweg der einzig denkbare. Ich war mir meines passiven, duldenden Standpunktes wohlbewußt und halte es auch jetzt für richtig, ohne daß daraus Konsequenzen für weiter gefolgert werden dürften. Obzwar ich im Leben und Denken konservativ bin, mußte ich in Anbetracht der ganzen, höchst komplizierten Sachlage so handeln. Traurig, daß diese besser mit vornehmer Duldsamkeit verschwiegene Sache in die Oeffentlichkeit getragen wird, zumal persönliche Gehässigkeit mit im Spiele war und ist. Ich bitte auch Sie, werter Herr, ohne Leidenschaft zu urteilen und den Standpunkt des um das Judentum und den Frieden tiesbesorgten Seelsorgers zu erwägen, der rein menschlich-jüdisch handelt. * * * Meine Anfrage an Herrn Dr. Frankfurter vom 8. August 1920. . Sehr geehrter Herr Doktor! Tine peinliche Angelegenheit, die mich seit einigen Tagen beschäftigt, ist die Veranlassung dieses Schreibens an Sie. Ich habe durch Zufall erfahren, daß in Währing ein Nichtjude zur Thora gerufen wurde. Ich wandte mich darauf hin an Herrn Dr. Feuchtwang um Aufklärung. In seiner Antwort an mich teilt mir Herr Dr. Feuchtwang u. a. folgendes mit: „Dieser Gottesdienst der Abiturienten sollte in Döbling stattfinden. wurde jedoch dort verhindert." Da ich aus diesen Worten nicht entnehmen kann, wer und wie man diesen Gottesdienst verhindert hat, erlaube ich mir Sie, als den Rabbiner des Tempels, um fteundliche nähere Aufllärung zu bitten. Es ist mir daran gelegen. Genaues über die Angelegenheit zu erfahren, weshalb ich Sie nochmals um ehebaldige Antwort bitte .... * Antwort deS Herrn Dr. Frankfurter vom 6. August 19120. Sehr geehrter Herr Direktor! In höfl. Beantwortung Ihres w. Schreibens vom 5. d. M., beehre ich mich. Ihnen wunschgemäß umgehend folgendes mitzuteilen: Es war am 39. Juni nach dem Abendgottesdienste, als mir Herr M. Miller, der Obmann unserer Gemeinde, mitteilte, daß die jüdischen Abiturienten des Döblinger Gymnasiums am kommenden Sabbath dem Gottesdienste beiwohnen und zur Thora gerufen werden wollen. Tr fügte hinzu, daß der Sohn des Herrn Felix Lederer als Maphtir aufgerufen zü werden wünsche, da es zufällig seine Bar Mizwah-Haphtora sei. In Anbetracht des Umstandes, daß mir diese Mitteilung in Gegenwart einer dritten Person gemacht wurde, zog ich es vor, dieselbe stillschweigend hinzunehmen, richtete jedoch am folgenden Tage an Herrn Müller nachstehendes Schreiben: „Wien, am 30. Juni 1930. Sehr geehrter Herr Müller! Sie teilten mir gestern abends in Gegenwart des Herrn Kostrow mit, daß Herr Bruno Lederer am kommenden Sabbath zur Thora gerufen werden will. Ich wollte in Anwesenheit de- Herrn Kostrow. hierüber nicht debattieren und nahm ihre Mitteilung ohne Widerspruch entgegen. Da aber ein Stillschweigen meinerseits einer Zustimmung gleichkäme, so erachte ich es als meine Pflicht, Ihnen folgendes zu erklären: Herr Bruno Lederer ist — als Sohn einer Nichtjüdin bis heute uydefchnitten — religionsgesetzlich kein Jude. Es ist daher religionsgesetzlich unstatthaft, ihn zur Thora zu rufen. Er wurde seinerzeit Bar Mizwah und zur Thora gerufen, well ich damals, wie ich dies zu wiederholtenmalen erklärt habe, keine Kenntnis davon hatte, daß der Knabe nicht in den Bund Abrahams ausgenommen sei. Mt dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung Ihr Dr. Frankfurter." Am darauffolgenden Tage erzählte mir Herr Vorsteher Jakob Weigel, Herr Felix Lederer habe ihm mitgetellt, daß sein Sohn am Samstag als Maphtir - a v.'.L u, . r i

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