Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 15 (10.9.1920)
- Date
- 1920-09-10
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Die Wahrheit Nr. lö Seite 14 diese Stimmen bei dem zweiten jüdischen Skrutinium hinzugezählt werden, wodurch mit hoher Wahrscheinlichkeit ein zweiter Vertreter der Juden für die Nationalversammlung durchgesetzt werden könnte. Dr. A. B., Baden bei Wien. * * * Die Anregung des hochangesehenen Herrn Dr. A. B. ist sehr beachtenswert und wäre gut, wenn wenn wir es'nicht mit den jetzigen Jüdischnationalen zu tun hätten. Sie sind nicht ehrlich genug, um Vereinbarungen treu zu halten. Sie glauben, daß Schlauheit Klugheit ist. Dann hat ihr Treiben bei den Wahlen in den Kultusvorstand die Juden Wiens derart abgeschreckt, daß die meisten eine Verbindung selbst für den Augenblick nicht begreifen und verwerfen werden. Wir hatten bisher den Juden Stricker in der Nationalversammlung. Wir hoffen, einen andern statt seiner in die Nationalversammlung zu bringen und so haben wir der Zahl nach dieselbe Vertretung, ohne uns bloßzustellen und selbst nicht einwandfrei zu erscheinen. Die Redaktion. Gottesdienst L« Baden bei Wien. Ein Kurgast schreibt uns aus Baden bei Wien: In dieser materiellen Zeit, wo die Tradition wenig Pflege mehr genießt, hatte ich ein wundervolles Erlebnis, als ich, hier zur Kur weilend, am ersten Freitagabendgottesdienst im hiesigen Tempel der Kultusgemeinde teilnahm. Fürwahr, eine" Ueberraschung! Oberkantor Kreutsteins herrlicher Tenor gab den uralten Gebeten heiligen Abglanz. Seine von unbeschreiblicher Wärme durchglühte Stimme schenkte den Gesängen innerste, tiefste Weihe. Auch der zweite Kantor, Herr D uke s z, ist von nicht alltäglicher Begabung. Sein Vortrag ist höchst beachtenswert. Die darauf folgende geist- und gemütvolle Predigt des OberrabbinerS Reich bot den Andächtigen reinste Erhebung. Der würdevolle Gottesdienst gereicht der Badener Gemeinde zur Ehre und erfüllt ein tiefes Bedürfnis der hier weilenden Kurgäste. Todesfälle. Der Tempelverein des 13. Bezirkes in Wien hat einen schmerzlichen Verlust erlitten. Sein zweiter Vizepräsident, Herr Isidor Bernfeld, ist am 24. August in Parsch bei Salzburg gestorben und wurde am 29. August in Wien begraben. Seit Gründung deS Tempelveines war Isidor Bernfeld im Borstand tätig und hat seine große Intelligenz und Tatkraft mit Eifer in den Dienst des Tempelvereins gestellt. Dieser hat dem Verstorbenen viel Anregungen und viele Erfolge zu danken. Namentlich in den Verhandlungen mit dem Kultusvorstand wegen der Unterstützung des Tempelbaues in Hietzing und bei dem geschäMchen Verkehr mit dem Architekten bewies Bernfeld eine meisterhafte Kunst der Verständigung. Viel zu früh wurde er den Seinen und der Hietzinger Judenschaft genommen. Die Kollegen im Vorstand und der Hietzinger Tempelverein werden Bernfelds Wirken und seine Persönlichkeit stets in dankbarer Erinnerung behalten. * Nus den Tempelvereinen Leopoldstädter Tempelverein „Aefchel Awrohow". Adolf Wenger. Wie bereits in diesem Blatte seinerzeit berichtet, beging der Obmann unseres Tempelvereines seinen 70. Geburtstag fern von Wien und fern allen wohlverdienten Ovationen. Jetzt aber nach seiner Rückkehr und dem wiederbegonnenen gesellschaftlichen Leben ist es geboten, dem trefflichen Menschen und verdienten Obmanne unseres Tempelvereines die gebührende Anerkennung zu zollen, für welche diese Zeilen nur der schwache Auftakt sein sollen. Seit -zwölf Jahren widmet Herr Rat Adolf Wenger seine Dienste dem Leopoldstädter Tempelverein, anfangs als Stellvertreter des unvergeßlichen Obmanns Adolf Schramek, nach dessen Hinscheiden der Jubilar vom Vorstande einstimmig zum Obmann gewählt wurde. Und es konnte in der Tat an diese Ehrenstelle keine geeignetere Persönlichkeit treten, deren großzügige, seit vielen Jahren geübte unermüdliche Hilfsbereitschaft für den Tempelverein, Tempelbau und dessen Einrichtung, nur wenigen im vollen Umfange bekannt sein dürfte. An der reichen, vornehmen Jnnenausschmückung beteiligte sich auch die edelsinnige Gemahlin unseres Jubilars Frau Ernestine Wenger. Sein Charakterbild wäre nicht vollkommen, bliebe die Tatsache unerwähnt, daß Herr Adolf Wenger bei verschiedenen bedeutenden Anlässen sein Wirken für die Interessen des Wiener Judentums selbstlos dokumentierte. So besonders bei der Intervention zum Ankauf des neuen erweiterten Friedhofareals und bei der schwierigen Aktion eines Baugrundes für den jüdischen Spitalspavillon im Augarten. Herr Obmann Wenger unterstützte bei jedem Anlaffe die fördersamen' Interessen unseres Tempelvereines durch reiche Mittel. Es ist nun selbstverständlich blos ein geringer Zoll gebührender Anerkennung, wenn der dankbare Vorstand im Sinne aller Vereinsmitglieder und weiter Kreise des Wiener Judentums in einer nachträglichen Feier den 70. Geburtstag seines verehrten, hochverdienten Obmannes Herrn Adolf Wenger zu begehen, den Entschluß gefaßt hat. Dieselbe wird durch eine würdige Veranstaltung am 27. September (l. Sukkothtag) eingeleilet. Sonntag, den 5. d. M. fand anläßlich des Tempelweihe-Gedenktages die Stiftungstrauung in einer würdigen Weise unter Beteiligung des gesamten Vorstandes, mit dem Obmanne Rat A. Wenger an der Spitze, statt. Die Braut wurde von dem Obmann und dem Schriftführer unter den Trauhimmel geführt. Nach einer herzlichen, der Bedeutung des Tages Rechnung tragenden Ansprache vollzog Rabbiner Dr.S. Funk den feierlichen Akt. Die kantoralen Funktionen versah Oberkantor G i b l i ch m a n n in würdiger Weise. * Gemeinderabbiner Dr. M. Rosenmann hat einen schweren Verlust erlitten. Seine Mutier, Frau Anna Rosen mann, eine geistig hochstehende Dame, ist am 24. V.M. nach langem schweren Leiden verschieden. Samstag, den 11. d. M. wird Herr Rabbiner Dr. S. F u n k einen populär-wissenschaftlichen Vortrag über die talmudische Lehre: „Die Gebote sind nicht als Genuß gegeben worden" (Roschhaschono 28a)chalten. ■ae ÜK