Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 8 (9.6.1920)
- Date
- 1920-06-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063928-3063935--10889-3078262- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 12 Die Wahrhcit Nr. 6 überhaupt über kein Gewissen verfügen. Es gibt jedoch ein zweites und sehr radikales Mittel, das ist die Internierung der Ostjuden. Wir müssen die unter ihnen, die nicht ausgewiesen werden können, in Flüchtlingslagern konzentrieren. Dieser Vorgang hat den Wert, daß die Praktiken der Ostjuden überhaupt umnöglich gemacht werden, und zweitens werden es wahrscheinlich viele Ostjuden vorziehen, plötzlich wieder ihre Dokumente zu finden, um über die Grenze zu gelangen. Was die Judenfrage im allgemeinen anbelangt, so sind wir leider Gottes durch die Bestimmungen des Friedensvertrages in der Lage des Mannes mit den gebundenen Händen. Der Friedensvertrag eröffnet nur eine Möglichkeit hinsichtlich des RechtSftandpunkteS und seiner moralischen Unterlagen. Er anerkennt die Juden als eine selbständige Nation und es hat die Entente dieser Ansicht praktischen Ausdruck gegeben, da fie den Juden einen eigenen Staat in Palästina gegeben hat. Die Juden sind also ein ausländisches Volk, ergo können wir sie als fremde Nation behandeln. Wir haben infolge des Friedensvertrages auch noch die Möglichkeit der Behandlung nach den Grundsätzen des Minoritätenschutzes. Wir müssen allen fremden Nationen ihr eigenes Schulwesen geben, konsequenterweise also auch den Juden eigene Judenschulen. Aber nicht nur die räumliche Trennung zwischen arischen und jüdischen Schulen ist die Folgerung, sondern auch das Verbot, daß ein Jude an arischen Schulen Unterricht erteilt. Alle Minoritäten haben ferner Anspruch, ihr Recht, zu finden nach ihrer Sprache, ergo auch die Juden nach ihrer nationalen Eigenart, weshalb wir nur soviele jüdische Richter anzustellen brauchen, als wir zur Erledigung der jüdischen Rechtssachen benötigen. Daraus ergibt sich von selber, daß wir natürlich auch nicht soviel jüdische Advokaten brauchen und auch die Anwendung auf unsere Hochschulen geht daraus hervor. Es muß der numerus clausus dort eingeführt werden, der Jude wird nicht ausgeschlossen vom Hochschulstudium, aber nur zugelassen im Verhältnis der Zahl seines Volkes zu unserer deutschen Bevölkerung. Wir verlangen darum die Behandlung der Juden als Minoritätsvolk in allen Konsequenzen, eine Forderung, auf die sich alle Arier vereinigen, mögen sie sonst welcher politischen Partei immer angehören. Wenn wir dieses Programm zur Plattform neuer Nationalratswahlen machen, (Stürmischer Beifall) dann glaube ich, sind wir dem Worte des Dichters näher gekommen, welche er vorgezeichnet hat wie eine Warnung, als er sagte: Geht, sperrt sie wieder in die engen Gassen, ehe sie euch wieder in die Christenviertel sperren." (Brausender Beifall.) Dem Wiener Judentum blüht somit nichts geringeres dank der jüdischnationalen Bestrebungen, als daß sie abermals in ein Ghetto eingesperrt werden sollten. Wenn wir auch nicht gleich befürchten, daß die Bäume der Herren Stricker & Comp, in den Himmel wachsen können, so ist schon die Vorstellung einer solchen Eventualität höchst peinlich und kann für das Wiener Judentum die bedeutungsvollsten Folgen haben. Und das sollen sich die Wähler am 27. Juni wohl merken! Nus den Tempelvrreinen Leopoldftadter Tempelverein „Aeschel Awrohom". Ein dreifaHe§ Familienfest. Am 3. Juni feierte die allverehrte Familie des Herrn Adolf Frei ein dreifaches Fest in unserem Gotteshanse. Das Oberhaupt der Familie, Herr A. Frei, feierte die fünfzigste Wiederkehr, dessen Sohn, Herr- Ignatz Frei, die fünfundzwanzigste Wiederkehr des Hochzeitstages und als drittes Paar im Bunde stand die anmutige Tochter des letzteren unter drm Trau Himmel, um ihren Treubund mit Herrn V. Birnbaum am Glückstage der Eltern zu schließen. Es war ein herzerhebender Anblick, die drei Paare unter dem schön dekorierten Trauhimmel, umringt von zahlreichen Freunden und Verwandten, stehen zu sehen und Herr Rabbiner Dr. S. Funk konnte mit Recht bemerken, daß hier Herbst, Sommer und Frühling sich harmonisch aneinanderreihten, denn in der Familie Frei huldigten Alt und Jung den gleichen Idealen, den Idealen des Judentums. Am SamStag wurden die Jubilars zur Tora gerufen. Herr Rabbiner Dr. S. Funk feierte die Verdienste derselben um die Heiligtümer unseres Volkes in einer besonderen Ansprache und die Familienmitglieder bedachten die Wohlfahrtsvereine der Gemeinde mit namhaften Spenden. * Samstag den 5. Juni fand die Barmizwah- Feier des Siegfried Springer, des einzigen Sohnes des Herrn Jakob Springer, in unserem Gotteshause statt. Zur Feier derselben waren viele Freunde und Verehrer deS Hauses herbeigeeilt, die den Konfirmanden wie dessen Eltern herzlich beglückwünschten. Er laß die Haftorah mit genauer Betonung, was bei den Gästen, sowie beim Vorstande des Tempels besonderes Gefallen erregte. Barmizwa. Am zweiten SchowuoStage wurde der Barmizwa Ernst Wilkowitsch, der Sohn des Teplitzer OberkantorS als Maphtir zur Thora gerufen. Nachdem sich der Knabe in schöner Weise der Haphtorarezitation entledigte, hielt Herr Rabbiner Dr. Grünfeld an ihn eine zu Herzen gehende Rede, in der er den Weg deS Guten und Edlen wies. Nach dem Gottesdienste erschienen die Honoratioren der KultuSgemeinde im Hause des Herrn Oberkantors, vor allem der Herr Kultusvorsteher Eduard Löwy, der Herr Rabbiner, Damen deS Frauenvereines, des Tempelchores und überbrachten Wünsche und Geschenke in reichlichem Maße. Die Kameraden des Barmizwa, etwa dreißig an der Zahl, führten bei der Jause Theaterstücke auf und vergnügten sich bis zum Abend.