Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 8 (9.6.1920)
- Date
- 1920-06-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Gerte 4 Die Wahrheit Nr. 8 v Religiöse Einheit. V. Wir wollen die Einheit der Kultusgemeinde nach innen und außen erhalten und treten deshalb dafür ein, daß allen religiösen Richtungen die gleiche Förderung zugewendet und die Möglichkeit freier Betätigung geboten werde. Religionsunterricht. VI. Als Vorbedingung für einen wirksamen und nachhaltigen Religionsunterricht verlangen wir, daß dieser Unterricht nur von solchen Lehrkräften erteilt werde, welche ihre Ausbildung an einer jüdischen Lehrerbildungsanstalt mit gutem Erfolge vollendet haben und welche einen religiös einwandfreien Lebenswandel führen. Daoberste und wichtigste Ziel deS Religionsunterrichtes soll die Durchdringung der Jugend mit dem ethischen und moralischen Gehalte und den sozialen Grundsätzen deS Judentums sein. DaS Bewußtsein, einer Kulturgemeinschaft mit unvergänglichen Werten anzugehören, soll durch Kenntnis und Vertiefung in die Geschichte und Literatur deS jüdischen Volkes erweckt und dauernd erhalten werden. Simultanschule. Wir stehen unverbrüchlich auf dem Boden der staatlichen Schulgesetzgebung und werden demnach insbesondere immer für die Simultanvolksschule eintreten. Es soll aber auch das eifrigste Bestreben des neuzuwählenden KultuSvorstandeS sein, dafür Sorge zu tragen, daß unsere Religionslehrer die Jugend zu guten Juden und getreuen Bürgern unseres Staates erziehen. Jenen SchMrn, welche eine weitere Ausbildung in der hebräischen Sprache anstreben, soll die KultuSgemeinde die unentgeltliche Möglichkeit dazu bieten. Den Inspektoren für den Religionsunterricht soll ein auS den Elternkreisen gebildeter Beirat zur Seite stehen, um so die unerläßliche und gegenwärtig schwer vermißte UeVereinstimmung zwischen Schule und Haus in der Pflege jüdischen Geister herzustellen. Tempel- und Bethausvereine. VH. Die Tempelvereine haben stch um die Kräftigung deS religiösen LebenS der Gemeinde außerordentliche Verdienste erworben. Ihnen danken wir das Erstehen zahlreicher würdiger, ja monumentaler Stätten der Gottekverehrung und die regelmäßige Abhaltung der täglichen öffentlichen Gottesdienstes in den Vereinssynagogen. Hiedurch haben fie der Kultusgemeinde die Obsorge für die religiösen Bedürfniffe großer Gruppen von Gemeindemitgliedern abgenommen. Es ist daher nur eine Forderung der Gerechtigkeit und Billigkeit, daß den Tempel- und Bethaus, vereinen ein entsprechender Einstuß auf die Verwaltung der Kultusgemeinde eingeräumt, eine feste Norm für die -ihnen auS den Mitteln der Kultusgemeinde zu gewährenden Jahresbeiträge geschaffen werde und daß^ deren Funktionäre die rituellen Obliegenheiten bei Bezirksbewohnern jedes Standes und Vermögens zu versehen haben, falls nicht die Parteien die Beistellung anderer Funktionäre wünschen. Palästina als Heimstätte für verfolgte Juden. VIII. In der Sehnsucht nach Erfüllung der Palästinahoffnung erkennen wir vor allem ein religiöses Bedürfnis. Wir sprechen uns ferner dafür aus, daß auch die Wiener israelitische Kultusgemeinde für die Erwerbung Palästinas als rechtlich gesicherte. Heimstätte für jene Juden, die in ihren Heimatländern nicht bleiben können und wollen, eintrete. Kultusbesteuerung. IX. Wir halten die Neuregelung des Kultussteuerwesens nach folgenden Grundsätzen für notwendig: a) Das Besteuerungsobjekt ist das Einkommen des Zensiten. b) Leistungen für Zwecke von Tempel- und Bethausvereinen, sowie für Zwecke der sozialen Fürsorge sind bei der Steuerbemessung zu berücksichtigen. c) Zu den Steuerkommissionen sind Delegierte der im Bezirke wirkenden Bet- und Tempelvereine zuzuziehen. Das Vorschlagsrecht steht diesen Vereinen zu. ä) Der Steuersatz nach oben bleibt unbegrenzt. Aufrechte Juden, pflichteifrige und gewissenhafte Männer. X. Auf Grund dieses Programmes wollen wir den Kultusvorstand durch solche aufrechte Juden erneuern, deren Charakter, Fähigkeiten und Pflichteifer volle Bürgschaft dafür bieten, daß sie gewissenhaft Mitarbeiten werden, das Ansehen unserer Gemeinde zu wahren und den von uns erhobenen Forderungen zum Durchbruche zu verhelfen. « * * So lautet das Programm der nicht-jüdischnationalen Parteien für den neuen Kultusvorstand und eS bedarf wahrlich keiner Anpreisung von uns und durch uns, um dieses Programm als eine Plattform von dauerndem Werte für den Bestand und die Blüte der großen Wiener KultuSgemeinde zu verkünden. DaS Programm umfaßt alle Gebiete der Tätigleit unserer Kultusgemeinde und beschreibt diese Tätigkeits-