Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 7 (26.5.1920)
- Date
- 1920-05-26
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Gerte 1ä Nr. 1 Die Wahrheit Aufruf eines Chriftenknaben a« unsere »jüdische Schuljugend für die einzige jüdische Augenklinik in Jerusalem! Innsbruck, den 8. Mai 1920. Meine lieben israelitischen Schulkameraden in Wien! Fragt einmal Eure lieben Eltern und den Herrn Religionslehrer wegen der „Palästina-Hilfe" und dann soll einer von Euch in jeder Klasse und auch ein . Mädchen in jeder Klasse der Volks-, Bürger- und Mittelschulen und den Religionsschulen vom Herrn Hofrat Dr. Schlag in der Oberen Donaustraße 109 sich einen Sammelbogen geben lassen und der Sammler muß von jedem seiner Klassenkameraden einen Beitrag, seien es nun 20, 50, oder mehr Heller, desto besser, bekommen. Wenn jeder etwas gibt, wird der Bogen bald voll und der Sammler schreibt Eure Namen ein und wenn der Bogen voll ist, bringt ihn der Sammler dem Herrn Hofrat Dr. Schlag, der große Freude haben wird. Jeder Sammler soll trachten, mehr zusammenzubringen, so auch die Mädchen-Sammlerinnen. Gott, der Herr im Himmel, sieht Euch zu und wird Euer Werk auch segnen zum Erfolge. Auch Eure Klassen- und Religionslehrer müssen mittun. Mit vereinten Kräften! Wer weiß, ob nicht einige von uns Knaben einstens im Palästina- Spital Aufnahme suchen und finden werden, es kann leicht fein! Alle unsere gesammelten Kronen sind Bausteine zum Palästina-Spital und wir wollen bauen helfen und Bausteine herbeischaffen. Darum auf! Ihr liehen israelitischen Schulkameraden und Kameradinnen und ans Werk! Die kleine wackere Trude Rieß soll die Sammelführerin der Mädchen sein. In der Zeitung „Wahrheit" werde ich mit Neugierde Eure Sammelerfolge lesen. Wenn ein Sammelbogen, voll ist, nehmt einen neuen und so fort. Es grüßt Euch herzlichst alle Euer Tiroler Franzl. Per Adresse Peter Scheithauer, Innsbruck, Hauptpost, 1. Stk. rrrrrrr Literatur ♦♦♦♦♦♦♦ ♦mm Jakob Fmgermauu, Menschen iw Abgrund. Roman. Wien und Berlin, R. Löwit, 1920, Preis 12 Mk. — Das Buch trägt als Leitspruch die Strafandrohung Jeremias: „Darum werde ich ihre Weiber den Fremden geben und ihre Aecker neuen Besitzern". Und wenn man es in fiebernder Hast Seite um Seite gespannt bis zum letzten Schlußpunkt durchflogen hat, muß man gestehen: Eindringlicher kann keine Predigt sein, als diese Höllenfahrt. Ein Dante könnte keine erschütternderen Töne, ein Brueghel keine schreienderen Farben finden, um für diese „Menschen im Abgrund" Mitleid bald und bald Abscheu in uns zu wecken. Was der Weltkrieg an dem Judmtum Polens verbrochen, welches haarsträubende physische Elend seinen Spuren gefolgt, welche sittliche Verwilderung seine treue Begleiterin war, berghoch haben sich die Einzelberichte darüber gehäuft. Geschichten von dieser, von jener Schandtat, von diesem, jenem leidvollen Erleben. Sie verklingen, verblassen, ersterben, sowie das Blut, das sie gefärbt, ^getrocknet, die Tränen, die sie durchtränkt, verdunstet sind. Zum festen Bestand der Geschichte wird diese Schauermär, dieses grausige Kapitel menschlicher Verworfenheit erst, unaustilgbar aus dem Gedächtnis der. Nachwelt, durch Bücher, wie diese Dichtung Fing er manns. Es ist ein echter Dichter, der hier die Feder führt. Und was uns sein Werk besonders wert macht: ein echt jüdischer Dichter. Mit jüdischem Auge gesehen, mit jüdischer Seele empfunden ist all das hier bloßgelegte widrige Gebräu aus politischen Ränken, Niederträchtigkeiten einer entsittlichten Soldateska, Selbsterniedrigung hemmungsloser Geld- und Genußgier, jammervoller Versumpfung durch Not vertierter Hilflosigkeit. So schonungslos auch auf diesen Blättern der unbestechliche Richter die Geißel seines Urteiles schwingt, in jeder Zeile schlägt doch der Puls tiefen jüdischen Mitgefühls, ein Herz, das unter jedem dieser Hiebe selbst stöhnt und blutet. Ein ganzer, echter Jeremia. Was wir im Westen jetzt unter dem zügellosen Treiben vom Osten ausgeworfener Unholde zu. leiden haben, ein Unwesen, für das noch unsere unschuldigen Enkel werden büßen müssen, wir lernen es durch Fingermann in einem neuen Lichte sehn. Es sind Blüten und Früchte aus der Giftsaat, mit der gerade unsere westliche „Kultur" den Osten während der Okkupationszeit, ja schon längst zuvor beglückt hat. Um so strahlender heben sich von diesem unsauberen Hintergründe die Gestalten ab, die in wurzelstarkem Festhalten an altMischer Sittenreinh eitv o ndem Schmutz der Umgebung engelhaft unberührt geblieben sind. Wahre Märtyrer jüdischer Standhaftigkeit. Was könnte für die edle, unverwüstlich gesunde Kernigkeit des Ostjudentums schlagender zeugen, als Erscheinungen, wie dieser Dichter, wie solche Söhne dieses Volkes, die ohne Scheu und falsche Scham selbst den Finger in die Wunden ihrer Brüder legen, dafür aber auch um so glaubwürdiger die Oasen heldenmütiger Treue gegen das altjüdische Familienleben mit seiner fleckenlosen Charakterlauterkeit und seiner einzigen Gemütstiefe hervorheben dürfen. An solchen Idyllen fehlt es auch bei Fingermann nicht. Sie bilden die Herzenszuflucht (seiner im Kotmeer ihres Milieus gescheiterten Glücksritter. Und so weht ein Hauch der Versöhnung auch Über demMbgrund, in den er uns einen Einblick eröffnet mit einer Kunst, die uns erschaudern läßt, deren Meisterschaft wir aber volle Bewunderung zollen. Dr. G r u n w a l d. Max Brod, Sozialismus im Zionismus. R. Löwit, Verlag, Wien-Berlin 1926, Preis drosch. Mk. 7.—, geb. Mk. 10.—. Ein höchst beachtenswertes Buch, dessen Gedankenreichtum und ethischer Ernst Anerkennung verdient. Die so oft gesuchte Versühnung von individualistischer,und kommunistischer Weltgestaltung findet Max Brod, nachdem er sich mit dem Marxismus gründlich auseinandergesetzt, unter Anschluß an das System von Popper-Lynkeus und an altjüdisches Gedankengut, indem er seine eigene Idee vom geistigen Wesen sozialer Umwälzung („Mehr Zeit") entwickelt. Das Buch, aus unmittelbarer Tätigkeit des Dichters auf dem Gebiete der jüdischen Politik entstanden, ist keine parteipolitische Schrift, sondern es wendet sich an die geistigen Führer aller Völker.