Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 15 (26.7.1918)
- Date
- 1918-07-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Manche jugendlichen Verehrer brachten uns als letztes Angebinde frische Blumen oder noch wertvolleres. . . Ich weiß, daß mich in freien Stunden der Gedanke quälen wird: Fußtdeine Tätigkeit aus realem Boden, oder strebst du nur einer Fata Morgana nach? Ich prüfe und erwäge dann die Aktiva und Passiva. Meine Gutschrift: Ich lebe mit meinen Schülern in gutem Einvernehmen, ja ich darf sogar behaupten, daß viele dieser jungen Freunde für mich selbst zu Märtyrern werden könnten, wenn ich es von ihnen forderte. Mit jugendlicher Begeisterung geben sie daheim meine biblischen Erzählungen wieder und loben die Helden unserer Geschichte. Mancher winzige Recke hat bei Tische den Löffel zur Seite gelegt mit dem kategorischen: „Das esse ich nicht, das ist trefe! (oder chamez). In der Religionsstunde wurde ich belehrt, daß wir, das auserwählte Volk, auch Acht darauf haben müssen, womit wir unfern Leib nähren!" (Allgemeine Belustigung.) Ich darf mich auf. Fälle berufen, wo Eltern für ihre Sprößlinge um Freigabe einer Religionsstunde baten und die Schüler letzten Endes doch zum Unterrichte mit dem Bemerken erschienen: „Es wäre eine Sünde, das Schönste des Unterrichtes — die Religionsstunde zu schwänzen!" Noch eine Bonität: Es kommen zu mir Mütter und erzählen: Die Uebersetzung der Gebetstücke kennt nicht nur unser Junge, wir alle kennen sie bereits, der Papa, das vierjährige Töchterlein und auch schon die Magd und - die arischen Nachbarsleute. Ich könnte ja mit meinem Guthabenkonto zufrieden sein, aber mein Schuldenkonto benimmt mir alle Freuden am Berufe 1 Wenn die zehn Wochen der Ferien um find und tch meine Schäflein sammle, finde ich keine Schäflein mehr, sondern Schafe, dw da blöcken — geist- und harmonielös, die die hebräische Schrift wieder wie rätselhafte Hieroglyphen anstarren. Ratlos stehe ich wieder vor einem Grenzstein Und Miß . die Schrift nicht zu deuten. Und ich quäle meine Seele Äst den fragen wieder: Ist deine Methode eine zeitgemäße, Meckentsprechende? Wo liegt der Fehler, wo der Weg zürn Ersprießlichen? — Und ich finde keine Lösung und keinen Ausweg! Bei unfern Altvordern galt als Lehrgrundsatz: lälwoä ui ei am eck! Lernen und Lehren! . worunter die unaufhörliche Betätigung im Gottesworte verstanden war, das sogenannte sehogur befi — geläufig im Munde. Kann aber die altbewährte Methode auch noch für uns ihre Vollgültigkeit besitzen? Und schweren Herzens müssen wir die Frage entschieden verneinen. Man bedenke: einst lehrte man täglich mehrere Stunden Religion, übte zuhause die vaso droodo8 (hundert Segenssprüche) beim Aufftehen und Niederlegen. Und erst im Gotteshaufe! Da stand bereits der vierjährige Knabe an der Seite des Vaters und sprach und sang die heiligsten Gebete und hüpfte das Kodausch u. s. f. Jetzt hingegen stehen uns bloß ein bis zwei Stunden wöchentlich für den Religionsunterricht zur Verfügung — wir wollen die Kriegsmiseren, Lehrkräftemangel, Kohlenferien, Verrohung der Jugend nur kurz streifen — auf eine Unterweisung oder Unterstützung im Hause können wir in den äußerst settensten Fällen rechnen — indessen müssen wir auch ins Kalkül ziehen, daß viele Eltern sogar mutwillig ihre Kinder dem Religionsunterrichte entziehen durch Ausstellung den Tatsachen nicht entsprechender Entschuldigungsschreiben, wodurch auch der Lüge Tür und Tor geöffnet wird. Es gibt aber auch Ettern, die die Worte des Religionslehrers dem Kinde als Humbug und Blödsinn bezeichnen und vor Befolgung derselben warnen. Es gibt Fälle, wo die Ettern in Gegenwart des Kindes den Gruß des Religionslehrers mtt einem geringschätzenden Kopfnicken quittieren, was gleichzeittg auch ein Oiülui haschem vorübergehenden Nichtjuden gegenüber bedeutet, weil die sich sagen: „Bei den Juden ist der Katechet oder der gottesdienstliche Funktionär ein Geächteter!" Die jüdischen Jntellettuellen wollen durch ihre zur Schau getragene Geringschätzung dem jüdischen Religionslehrer gegenüber ihre geistige Ueberlegenheit dokumentieren, erzielen aber das Gegenteil: der Schatten der Zopfzeit, wo der Schullehrer in ähnlichem Ansehen stand, fällt auf fie zurück! Der Schullehrer hat bekanntlich längst gesiegt! Und solange kein besseres Mittel zur seelffchen Erziehung des Kindes als die Religion vorhanden ist, müßte an dem Sieg auch der Religionslehrer teilhaben, wenn sich nicht Hypergescheitheit breitmachen wollte. Die angeführten Argumente sprechen also dafür, daß wir mit der alten Methode „lilmod ulelamed“ nicht mehr haushatten können. Aber woher nehmen wir Ersatz? Ersatz, bitte, Ersatz! Ich höre sagen: (gewiß meinen es auch diese ehrlich) das Hinweisen auf die ethischen und humanen Setten des Unterrichtes, von der Apologetik unserer Thora und unseres Volkes unaufhörlich sprechen, das jüdische Kind bei jeder Ge-