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Die Wahrheit · 1918-06-14 · Heft 12 (14.6.1918) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1918
Issue
Heft 12 (14.6.1918)
Date
1918-06-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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z. “T^ ~ Nedaktion nnb «dmiuißratio«: Wien, II., Novarngafle 27 Telephon: NedaMoa Automat Administration Aut. 47.664 fl. t. Ssterr. Postsparkasto- €®e<t*ßouto Nr. 100.918. Inserate: Die viermal gespaltene Nonparrille-Atilr 96 Heller. vbonnrmentS« und Juserlio««!- vtträg« find in Wir» zahlbar und klagbar. «abhängige AecksHrift für jvöische K r l iß t i n i ] eden & r t s t a ♦*. Mott*: „Daa Sieg«2 Gotte« ist WaJUrheitl** DezugSpreir: Vanztiihrig.IL. 10.— Hattlsthri,.K &- Für IkttltuSbeattite: atantjährl^.K 12.— Für AnSlnud: «anijaprig.10 »<uf Kr. 12. 1918. Inhalt: Zeichnet achte Kriegsanleihe. — Sanierung der Schulschüden. — Aus dem Jahresberichte der Israelitischen Allianz zu Wien. — Redisch, der Kantorenfresser. — Dank des Kultusvorstandes in Wladimir-Wolynski an Herrn Feldrabbiner Dr. Färber. — Verschiedene Nachrichten. — Aufruf. Zeichnet achte Ariegsanleihe. Saniermig der SchnlschSden. ' Unter dem Ministerium Stürgkh brachte bekanntlich der Ausbruch des Weltkrieges sofort den Völkern Oesterreichs schwere Schädigungen, welche mindestens in solcher Größe durchaus nicht notwendig waren. Sofort nach Ausbruch des Krieges wurden nicht nur alte, bereits im Militärverbande, wenn, auch nur im Reserverhältnisse stehende Lehrpersonen ohne Rücksicht auf den Unterrichtsbedarf zur militärischen Dienstleistung herangezogen, sondern überhaupt alle noch waffenfähigen zum Landstürme gemustert und bald darauf einberufen. Die Hörerschaft von den Hoch- und Fachschulen und die Lehramtskandidaten rvurden nahezu ganz der Landesverteidigung zugeführt, so daß diese Bildungsanstalten beinahe verwaisten, nur Hörer der theologischen Fakultät und Rabbinatskandidaten wurden enthoben. Nicht genug, daß dadurch die Schulen ihrer kräftigsten und leistungsfähigsten Lehrkräfte beraubt wurden, nahm die Heeresverwaltung rasch auch viele Schulen, ganz besonders in Wien und in anderen großen Städten, für Militärzwecke sowohl als Notspitäler wie auch als Militärquartiere in Beschlag, wodurch die Institution der Schulsprengel aufgelöst erschien, die Unterrichtszeit und mit ihr der Unterricht zu großen Schaden desselben verringert werden mußte. In manchen Schulen wurden die Schüler dreier Schulen unterrichtet, was oft die Unmöglichkeit herbeiführte, die Schulzimmer gehörig zu lüften. Die ohnehin so zugestutzte Unterrichtszeit wurde aber durch allerlei unpädagogische Patrioten, die ins Schulgetriebe hineinpfuschen konnten, noch weiter vermindert. So zum Beispiel wurden viel zu oft die Schulkinder während der Unterrichtszeit angehalten, sich an allerlei Sammlungen zu beteiligen. Wie viel Zeit ging dadurch verloren, wenn die Schulklassen zu einem Kriegsbilde geführt wurden, um es zu „benageln?" Ost wurden die Schulkinder vom regelmäßigen Schulbesuche befreit und auf die Straßen geschickt, um Blumen oder andere Dinge den Passanten anzubieten und zu verkaufen. Die schulfreien Tage wurden fortwährend vermehrt und bald zwang die auftretende Lebensmittelnot auch die Schuljugend schon bei grauendem Morgen und widrigem Wetter stundenlange vor die Verkaufsläden und Marktbuden, wo dieselbe gelegentlich ihrer „Anstellung" die verderblichsten Gespräche und Unterhaltungen anhören konnte. Hatten Judenkinder das Unglück, mitanwesend sein zu muffen, dann konnten sie neben anderen Gemeinheiten auch Aeußerungen des ordinärsten, tendenziösen Judenhasses anhören. Aber auch derbe Kritik des Wiener Bürgermeistes, des Marktwalters, der Wachleute und der Uebergriffe der Marktverkäufer konnte man da hören und mit welchem Lerneifer dann diese armen, übernächttgen Kinder in die Schule kamen, wenn sie dies überhaupt taten, kann sich jederinann unschwer ausrnalen. Es ist Tatsache, daß der Ertrag der Schularbeit in Oesterreich während der vier Kriegsjahre auf ein Minimum gesunken ist. Die Lehrpersonen, welche der Krieg noch in der Schule belassen hat, werden außer der Schulzeit noch in Brot- "und Aufbringungskommissionen hineingezwungen und mit Arbeiten überbürdet. Wenn sie von der Aneickennung ihrer Ueberarbeit satt werden könnten, wäre es recht, aber die Schulerhalter gehen höchst ungerne daran, auch die unbedingt notwendigen Teuerungszulagen und Anschaffungsbeiträge zu bewilligen und die Lehrpersonen sind immer die letzten unter den Angestellten der Gemeinschaft, die willig erhört werden. Oesters hat es auch in den Wiener Schulen Kohlenferien im Winter gegeben, weil man versäumt hatte, rechtzeitig vorzusorgen. Die Juden gehören bekanntlich zu denjenigen Staatsbürgern, die den Wert einer guten Schulerziehung zu schätzen wiffen. Sie bedauern daher das offenbar werdende Schulmanko in Oesterreich nicht nur um ihrer eigenen Kinder willen, sondern auch deshalb, weil der geistige und moralilische Rückgang des ganzen Volkes auch ihr Behagen und die Zukunft ihrer Kinder verschlechtert. Die Kriegsbefiie äußerte sich im österreichischen Schulwesen bald auch durch die meist ganz unbegründete weitere Untersagung des öffentlichen Schulbesuches von Kindern, die aus den feindlichen kriegführenden Staaten stammen. Die politischen Gründe, die zu solchen Verordnungen führten, sind Leuten mit normalem Geiste unerfindlich; Tatsache ist aber, daß durch diese Kriegsverordnungen in der Regel nur jüdische Kinder getroffen und geschädigt wurden, die aus dem russischen Staate stammten. Die Ettern dieser Kinder hatten in Rußland Pogrome erlebt und vor diesen zaristischen Verfolgungen in Oesterreich Zuflucht gesucht und gesunden.

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