Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 9 (3.5.1918)
- Date
- 1918-05-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9. Die Wahrheit Seite 7. verwirklicht worden zu sein, da sechs Jahre später ein weiterer Befehl zur Ausweisung aller Juden aus der Ukraine ergangen war. Gegeu diesen Befehl trat später der ukrainische Hettrnann auf mit der Begründung, daß es im Interesse der Förderung des Handels auf den Jahrmärkten der Ukraine liege, die Juden dort wohnen zu lassen. Daraufhin wurde den Juden der Großhandel und sechs Jahre später auch der Kleinhandel in der Ukraine gestattet. Im Jahre 1739 wollte man wieder durch eine Verordnung die Juden aus der Ukraine ausweisen, aber im Jahre 1764 erwirkten die Hettmannen dei Katharina II. das Wohrecht für die Inden in der Ukraine mit der Begründung, daß die materiellen Interessen des Landes es erforderten. Eine praktische Bedeutung haben zwar die Maßnahmen der russischen Regierung gegen die Juden nicht gehabt, da sie zu einem unentbehrlichen Element im Lande geworden waren. Viel günstiger war jedoch die Lage in der polnischen Ukraine, wo sie sich ökonomisch entwickelten und große Gemeinden mit bedeutenden jüdischen Bildungsstätten errichteten. Dennoch hätten sie unter den häufigen Aufständen der Kosaken gegen die Polen nicht wenig zu leiden. Die Metzeleien wurden zu einer Landplage nicht allein für die Juden, sondern auch für die Polen. Als z. B. die Kosakenhorden anfangs des 18. Jahrhunderts Belozerkow einnahmen, metzelten sie die jüdische wie die polnische Bevölkerung der Stadt nieder. Im .19. Jahrhundert ging bereits die ganze Ukraine an Rußland über. Vielerorts wurden jüdische landwirtschaftliche Kolonien dort gegründet. Die Pogrome hörten jedoch nicht auf, obwohl sie nicht mehr den früheren grausamen Charakter. trugen. Auch juridisch und ökonomisch hat sich die Lage der Juden in der Ukraine verbessert. Vis auf den heutigen Tag spielen die Juden im ukrainischen Handel eine ° äußerst wichtige Rolle. Wenn, sie in ökonomischer Hinsicht zum Teil besser als in anderen Gebieten Rußlands gestellt sind, so hatten sie doch unter dem Druck der zaristischen Gesetzgebung in mancher Hinsicht viel zu leiden. Hoffentlich werden die Juden in der erneuten, selbständigen Ukraine recht bald gleichberechtigte Bürger des Landes werden. Die Situation der rumänische« Jude«. Ueber die Judenfrage in den Friedensoerhandlungen mit Rumänien schreibt das Jüdische Preßbureau in Stockhorm folgendes: Die. Judenheit aller Länder ist wegen des bevorstehenden Separatfriedens der Zentralmächte mit Rumänien sehr beunruhigt. Namentlich die jüdischen politischen Kreise der neutralen Länder und der Entente-Staaten befürchten allgemein, daß die Rechte der Juden beim bevorstehenden Friedensschluß ignoriert oder daß sie jedenfalls nicht auf genügende Weise sichergestellt werden könnten. Allerdings sollen sich der gewesene österreichische Außenminister Czernin sowie auch die bulgarische Regierung mit Energie für die jüdische Gleichberechtigung in Rumänien eingesetzt, allein die führende Regierung der Mittelmächte, die deutsche Regiernng, verhält sich anscheinend sehr kühl zu den jüdischen Forderungen, obgleich der Deutsche Reichskanzler, der eine Abordnung der neugegründeten Vereinigung jüdischer Organ.isationen Deutschlands zur Wahrung der Rechte der Juden des Ostens in "dieser Angelegenheit empfing, erklärt hat, daß die deutsche Regierung an einer befriedigenden Regelung der rumänischen Judenfrage Interesse nehme und sie bereits zum Gegenstand von Besprechungen im Rahmen der in Bukarest stattfindenden Verhandlungen gemacht habe. Es wird darauf hingewiefen, daß gerade Deutschland diejenige Signatarmacht des Berliner Vertrages ist, die zuerst die rumänische. Konstitution, die die Juden ihrer in diesem Vertrage festgesetzten Rechte beraubte, anerkannte und daß sie immer ihre schützende Hand über das Judenmorden der Rumänen hielt, während England und Amerika wiederholt gegen die Verfolgungen im Bojarenlande Einsprache erhoben. Die rumänische Regierung ist gegenwärtig bemüht, durch neue Versprechungen die internationale Oeffentlichkeit irrezuführen, indem sie durch ihre offizizllen Vertreter erklären läßt, daß sie nach Friedensschluß aus freien Stücken an die Lösung der Judenfrage schreiten werde und daß eine Intervention anderer Mächte für die Juden schädlich fei. Die jüdische Welt hat es aber satt,' sich von der rumänischen Regierung mit Versprechungen abspeisen zu lassen, und besteht darauf, daß die Emanzipation der Juden Rumäniens durch den Friedensvertrag feftgelegt wird, und zwar in einer Weise, die der rumänischen Regierung jede Handhabe zn neuen Verdrehungen und Verschleppungen nimmt. Welches Mißttauen Rumänien gegenüber geboten ist, beweist zum Ueberfluß die Tatsache der andauernden grausamen Judenverfolgungen in dem von rumänischen Truppen besetzten Beßarabien. Die jüdische Welt fordert deshalb die Bestimmung, daß innerhalb einer kurzen festzusetzenden Frist die Juden Rumäniens zu Bürgern des Landes erklärt und sämtliche sogenannte Fremdengesetze außer Kraft gesetzt werden sollen. Die jüdische Welt begnügt sich aber heute auch nicht mehr mit bürgerlichen Rechten und fordert die Anwendung des Prinzips der nationalen Selbstbestimmung auf die Judenheit Rumäniens, die in Sprache, Sitte und Tradition einen Bestandteil des Oftjudentums bildet. Besetzung der Rabbiuerftelle am Stadttempek. In der am Mittwoch, den 24. April 1918 stattgefundenen Plenarsitzung des Vorstandes der Wiener israel. Knltusgemeinde wurde der O b e r r a b b i n e r von Trie st, Dr. H. P. ChajeS zum Rabbiner der Inneren Stadt und Oberrabbiner- Stellvertreter mit dem Rechte der Nachfolge gewählt. Im Sinne der Gemeindestatuten fand vor der Borstandsfitzung eine Bertrauensmänner-Bersammlung statt, zu welcher über 200 Einladungen ergangen sind (das Statut schreibt nur die Einladung der doppelten Zabl der zur Zeit fungierenden Vorstandsmitglieder (dermcll 33) vor). Der Einladung hat der größte Teil der Geladenen: Delegierte sämtlicher Bezirkskommissionen, Tempelvereine, scnstiger Körperschaften und Gemeindemitglieder, den verschiedenen religiösen Richtungen angehörig Folge geleistet. In der Versammlung hielt Oberrabbiner Dr. Chajes seinen programmattschen Vorttag, welcher auf die Anwesenden einen ttefen Eindruck machte. Hierauf fand in Abwesenheit des Kandidaten eine Aussprache statt, an welcher sich mehrere Mitglieder der Versammlung beteiligten, ihre Zustimmung zu den programmattschen Ausführungen Ausdruck gaben und die hohe wissenschaftliche Bedeutung sowie die bisherige erfolgreiche seelsorgerische Tätigkeit des Oberrabblner Dr. Chajes herdorhoben. Dr. Chajes, welcher einer schon im 14. Jahrhundert bekannten jüdischen Gelehrtenfamilie entstammt, hat die Mittelschule an dem Deutschen Staatsgymnasium in Brody absolviert, wurde 1894 an der Wiener Universität zum Doktor der Philosophie promoviert und erhielt im Jahre 1898 an der theologischen Lehranstalt in Wien, zu deren eminentesten Schülern er gehörte, das Rahbinatsdiplom. Schon als Hochschüler hat Dr. Chajes durch seine wissenschaftliche Tättgkeit die Aufmerksamkeit gelehrter Kreise auf sich gelenkt. Im Jahre 1901 wurde er zum Sekretär des Orientalischen Institutes an der Wiener Universität ernannt, erhielt 1902 eine Berufung nach Florenz, wo er als Professor an der Universität und am Rabbinerseminar Geschichte und Bibel dozierte. Seit 1912 ist Dr. Chajes Oberrabbiner von Triest. Hier hat Oberrabiner Dr. Chajes nicht nur eine intensive wissenschaftliche Tättgkeit entfaltet, sondern auch auf sozialem Gebiete und ganz besonders bei Ausbruch des Krieges in der Kriegsfürsorge Hervorragendes geleistet. Für das hohe Verttauen, welches Oberrabbiner Dr. Chajes sich auch bei unseren Regierungsstellen zu erwerben gewußt hat, spricht unter anderem auch die Tatsache, daß ihm die Leitung der israel. Militärseelsorge in Triest anvertraut wurde. Bon den bisherigen größeren Publikattonen Dr. Chajes seien hervorgehoben: Markus-Studien, Berlin 1899, Kommentar zu den Psalmen, 2 Bände, welcher 1907 in 2. Auflage erschien, Provexbia- Studien (Berlin, Schwetschka 1899), Hebr. Kommentar zu Amon (Kiew 1907), Hebr. Ausgabe von Rabbi S. ben Jathom, (Mekize Mrdamim, Berlin 1>09—1910). Seine „Beiträge zur nordsemitischen Onomatologie" und „Jüdische und jüdisch-indische Inschriften aus Aden" sind als Sonderberichte der kaiserlichen Akademie der Wiffenschaften in Wien 1900, bezw. 1903 erschienen. Dr. Chajes ist seit vielen Jahren Herausgeber, bezw. Mitarbeiter der bedeutendsten wissenschaftlichen Zeitschriften, in welchen zahlreiche Arbetten von ihm erschienen sind und auch Mitglied einer ganzen Anzahl gelehrter Gesellschaften. Zu dem vorstehenden, uns zugekommenen Berichte wollen wir noch ergänzend hinzufügen, daß die endliche Besetzung der