Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 8 (19.4.1918)
- Date
- 1918-04-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Noch wütet er im Westen Europas schreckenerregend gegen den hoffnungsvollsten Nachwuchs seiner fortgeschrittensten Stationen, noch werden blühende Städte und Dörfer in Schutt gelegt und weite Kulturstrecken furchtbar verwüstet. Doch ist bereits die schauungbegründet, das Kriegswüten bedeute gegenrtig nur mehr sein letztes Todeszucken, denn auf keinen Fall kann der Weltkrieg in den bisherigen Dimensionen noch jahrelang andauern, gleichgiltig ob die Deutschen ihre Gegner vollständig und restlos besiegen können oder nicht. Nur die Führer der kämpfenden Staaten gebärden sich noch kriegslustig, aber selbst die stolzesten und tapfersten Völker sind bereits kriegsmüde, denn der Völkerselbstmord wird - den breiten Volksmassen nie verständlich werden. Der Weltkrieg hat bereits zu viel Schaden und Not aufgehäuft und die gewissenlosen Kriegsverlängerer haben ein furchtbares Volksgericht zu erwarten. Ist ein vollständiger Siegfrieden unerreichbar, dann wird und muß man wieder einen ehrenvollen Verständigungsfrieden schließen. — Voll Freude erlebte die Menschheit und ganz besonders der vermögenlose und schwerarbeitende Teil derselben die Friedensschlüsse an der Ostfront. Sie erweckten den polnischen Staat aus seinem mehr als hundertjährigen Scheintode, befreiten Lithauen, Kurland, Finnland und Estland aus nationaler Vergewaltigung, machten die Ukraine zu einem selbständigen Staat und erlauben den Großruffen nun die innere Erneuerung ihrer Staatlichkeit nach eigenem Geschmacke. Sie bringen nun auch dem ernüchterten Rumänien den Frieden. Wohl wird es lange dauern bis all: die furchtbaren Kriegswunden wieder g'eheilt sein werden und sich die Völker beruhigt haben, denn das Meer von Blut und Tränen, von Trürnmern des Menschenglückes, die der grausame Weltkrieg aufgehäuft hat, ist leider unermeßlich. Auch die Judenheit wurde von ihm unerbittlich hart betroffen, denn zu den Kriegslasten wurden die Mitglieder derselben selbst dort im vollen Maße herangezogen, wo man sie bisher entrechtete, selbst im zarischen Rußland und im Königreiche Rumänien. Trotz der nie dagewesenen Not hatten die Juden doch Ursache, das letzte Pessachfest hoffnungsvoll zu feiern. Im weiten Rußland ist der Großteil der Juden am Erdbälle mit den anderen Bewohnern dieses nun im weitesten demokratischen Sinne befreiten und umgeformten Staates gleichberechtigt worden. Wohl sind die begüterten Juden Rußlands, welche sich an die dortigen korrupten Verhältnisse und an die unbeschränkte Macht des Besitzes trotz der Ausnahmsgesetze gegen die Juden gewöhnt hatten, durch die nun so radikal erfolgte soziale Umwälzung hart getroffen worden, aber die Mehrheit der Juden in Rußland war auch vor dem Kriege arm und lebte kümmerlich von der Arbeit, die sie lvegen der barbarischen räumlichen Beschränkung nur sehr unvollkommen anbieten konnten. Mit vielen Millionen russischen Kleinbauern und Arbeitern, welche bis zur Gegenwart im rechtlichen Verhältnisse von Sklaven standen und nun durch die Enteignung der großen Landgüter und Fabriken gleich dem israelitischen Volke in Egypten rechtlich und sozial befreit wurden, erscheinen nun auch die besitzlosen und doppelt entrechteten Juden Rußlands befreit und einem günstigeren Schicksale entgegengeführt. Sie werden sich unter den neu geänderten günstigen Verhältnissen bald zu brauchbaren und geschickten Landleuten, Fabriksarbeitern und Handwerkern qualifizieren und ein zufriedenes, ehrenhaftes Leben führen können. Gewinnt die geschilderte soziale Umwälzung in Rußland Stetigkeit, dann müssen sich eben auch die bisher reichbegüterten Juden daran gewöhnen und damit versöhnen. Auch sie können dann, wenn auch unter bescheideneren Verhältnissen gedeihen. Nach den jüngsten Versicherungen des österreichischen Ministers des Aeußern, Grafen Czernin, dessen jäher Rücktritt tief zu bedauern ist, wird im Friedensschlüsse mit Rumäniep auch die gesetzliche Gleichberechtigung der dortigen Juden gewährleistet und damit ein weiterer Barbarismus, die bisher trotz des Berliner Friedens faktisch bestandene Rechtlosigkeit der Juden in Rumänien, aus der Welt geschafft, denn es ist nicht anzunehmen, daß es die Mittelmächte dann wie bisher dem rumänischen Staate erlauben werden, diese Bestimmungen nicht zu beachten, denn nun steht kein mächtiger barbarischer Schutzherr, wie früher der Russenzar, hinter ihn. Die Weststaaten bedrückten auch vor dem Kriege das jüdische Volk nicht. Sie besaßen aber derart verschwindende Bruchteile der jüdischen Nation und vornehmlich geistig und sozial hervorragende Elemente derselben, so daß dies gar nicht auffiel. Doch war auch dort der Judenhaß nicht ganz entschwunden, was durch die Affaire Dreyfuß in Frankreich