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Die Wahrheit · 1918-02-22 · Heft 4 (22.2.1918) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1918
Issue
Heft 4 (22.2.1918)
Date
1918-02-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk haben mit dem Erlöschen des Kriegszustandes an der Ostfront von der Ostsee bis zum Schwarzen Meere geendigt. Die Unterbrechung desselben durch den rumänischen Rumpfftaat kann wohl nicht lange mehr andauern, nachdem er isoliert und von allen Seiten von den Gegnern umgeben ist. Könnten wir nun auch auf baldigen Friedensschluß im Westen und Süden hoffen, dann wäre die uneingeschränkte Freude über diese Entwickelung im Osten berechtigt, da dieselbe auch zur Hoffnung auf baldige wesentliche Linderung unserer tristen Ernährungsverhältnisse und Aufnahme der friedlichen Arbeit im Nordosten des Reiches berechtigt. Allein die Staatsmänner Englands, .Frankreichs und Italiens rasseln noch immer mit dem Säbel und stellen trotz der für sie tristen Kriegsentwickelung immer noch unmögliche und für die Mittelmächte unannehmbare Friedensbedingungen auf. Sie erklären, vor dem Friedensschluß noch siegen zu müssen, der deutsche Kaiser erklärt aber, bereits gesiegt zu haben und nun um die Anerkennung des Sieges weiter kämpfen zu muffen. Eine erfreuliche, nicht mehr aus der Welt zu schaffende Frucht des Weltkrieges ist es, daß der Zarismus in Rußland begraben und das weite russische Reich in demokratische Republiken verwandelt wurde. Für die mindestens sieben Millionen zählenden Juden Rußlands ist dies ein hoher Glücksfall, denn mit dem Sturze des Zarismus haben auch die Ausnahmsgesetze gegen die Juden und die barbarischen Verfolgungen derselben ihr Ende gefunden. Der zarische Druck erzeugte aber lange schon Gegendruck und in keinem anderen Reiche gedieh der verzweifelte Nihilismus zu solcher Entwickelung als eben in Rußland. Diese Nihilisten gelangten nun in Petersburg unter dem Namen Bolschewicki an die Spitze der Regierung und die Mittelmächte mußten mit ihnen «m den Frieden verhandeln, so unangenehm dies ihren Diplomaten auch sein mochte. Die Bolschewicki versuchen nun nicht nur in Rußland allein diee Prinzipien der roten Republik ein- und durchzuführen und setzt n sich in ihrem Vaterlande dadurch ins Unrecht, daß sie die auf Grund des allgemeinen Wahlrechtes gewählten Abgeordneten der Konstituante in dem Augenblicke verfolgten und die Konstituante sprengten, als sie erfuhren, daß die Mehrheit dieser Körperschaft nicht für ihre sozialen Ziele Mitarbeiten werde. Sie verloren dadurch auch das moralische Recht, gegenüber den Diplomaten des Vierbundes mit Pathos das Selbstbestimmungsrecht der Völker zu vertreten. ' Die neueste Rede Wilsons an den nordamerikanischen Kongreß, die als Antwort auf die seinerzeitige Einladung -des Grafen Czernin aufzufaffen ist, er möge in Gemeinschaft mit ihm die Vermittlung des Welttriedens übernehmen, deutet an, daß er wohl mit dem Grafen Czernin, nicht aber mit dem Grafen Hertling, über den Weltfrieden verhandeln könne, weil derselbe die Methode des „Wiener Kongresses" wiederholen wolle. Wilson will nur Friedensschlüffe aner> kennen, bei dessen Zustandekommen alle bei diesem Kriege beteiligten Staaten mitgewirkt haben. Die Völker dürfen nur noch gemäß ihrer eigenen Zustimmung beherrscht und regiert werden. Präsident Wilson meint, mit Oesterreich-Ungarn wäre eine Friedensvereinbarung leichter möglich als mit Deutschland. Wilson will nur einen dauernden Frieden, der kein Volk oder eine Provinz ohne Zustimmung wie Steine im Spiele in eine Staatshoheit hineinschiebe. Gebietssragen dürfen nur im Jntereffe und zu Gunsten ihrer Bevölkerungen gelöst werden und nationale begründete Ansprüche müssen die weitgehendste Befriedigung finden. Dies klingt recht schön, aber Herr Wilfon müßte auch den Willen und die Macht besitzen, diese schönen und gerechten Prinzipien auch im Irland, Indien, Algier und Marokko durchzuführen. Auf diesem Gebiete haben bisher alle Eroberungskriege in Europa und im außereuropäischen Gebieten viel Unrecht und Gewalttaten gehäuft. Gegenwärtig leben viele nationale Partikelchen unter anderen Nationen verspritzt, so daß oft eine örtliche nationale Scheidung unmöglich ist. Nationale Friedensschlüsse sind daher nur durch Kompromisse möglich. Sprachliche und konfessionelle Vergewaltigungen und Ausnahmsgesetze sind überall Barbarei und müssen sowie kulturelle Hindernisse weggeräumt werden. Graf Czernin und Kaiser Karl I. wünschen den Weltfrieden und hoffen bestimmt, ihn herbeiführen zu können. Sie wollen denselben nach wie vor ohne Annexionen und Entschädigungen oder strafweisen Schadenersatz und so wie Nordamerika erachten sie auch die Freiheit der Meere, gemeinsame Abrüstung und den Völkerbund zwecks gemeinsamer Schiedsgerichte mit Einverständnis ihrer Bundesgenossen als geeignete Friedesgrundsätzen [nttb so können

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