Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 24 (30.11.1917)
- Date
- 1917-11-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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aßirßeit : Redaktion imb Ndminiürotion: i Wien, II., Novaragasse 27 Telrvbon: Redaktion Automat »r.v8v. Administration Änt. 47.85» R. k. Ssterr. Voftsparkaffo- Schrck-Konro Nr. 1VV.V18. Insrrate: Die viermal gesvatteue Ronvareille-Zeile W Heller. LdonneuikttlS- und Insertion«. detrSge find in Wien zahlbar und klagbar. Anakhängige Heltfchnfi für jüöifche Slrterejse«. Krfcheint jeden Ar ei tag. Httti: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!' Bezugspreis: ivaniiahri».IC IB-— Halbfithr!».K 7.BO; Für KultuSbeamte: Manzfiihrtg.IC 10.— Für Ausland: Ganzltihrig.0 Watt 6 Rubel oder tO IreD. Kr« 24. Wien» 30. November 101V. Inhalt: Kriegstreiber und Judenfeinde. — Der neue Gesetzentwurf betreffend die Kultusgemeinden in Oesterreich und der „Scholiach Zibbur" Offenes Schreiben. — Die Judenfrage in Rumänien. — Vielleicht noch höher. — Kaiserin Elisabeth Kriegerwaisenhe im. — Verschiedene Nachrichten. Kriegstreiber und Judenfeinde. Daß Kriegstreiber uud Judenfeinde zusammengehören, liegt in Oesterreich-Ungarn und Deutschland klar zutage. Die großen deutschen politischen Vereinigungen der Christlichsozialen und Deutschnationalen haben.in ihrer Presse ein wahres Kesseltreiben gegen alle Friedensfreunde veranstaltet, die ste ernstlich als Verräter des Vaterlandes hinzustellen suchen. Wenn sie es auch nicht immer wagen, als unbedingte Feinde des Friedens aufzutreten, so faseln sie doch unentwegt von der Notwendigkeit eines vorteilhaften, ergiebigen Friedensschlusses. Trotz wiederholter Versicherungen der österreichischen Regierung und des Ministers des Aeußern, daß wir zu einem billigen Verständigungsfrieden ohne Eroberungen upd Entschädigungen bereit sind, und trotz der Friedensbersiühungen des Papstes in gleichem Sinne hören diese scheinfrommen Christen nicht auf, die Fortsetzung des Weltbrandes anzuraten. . Ja, warum haben denn die Christlichsozialen und Deutschnationalen vom überlangen Weltkriege noch nicht genug? Eine genauere Prüfung der Abgeordneten der genannten Parteien führt zur Erkenntnis, daß ihre Wähler zum großen Teile in den Reihen der Groß- und betörten Kleinagrarier, der Großproduzenten der Industrie und der beschwatzten Handwerkerschaft zu suchen sind. Diese Produzenten haben nun noch nie ihre Erzeugnisse so teuer an den Mann gebracht wie während dieses Weltkrieges. Es ist Tatsache, daß Großagrarier und Fabrikanten ihren Besitz durch jahrelange Fantasiegewinne unglaublich vermehren konnten. Die Regierung ließ sich durch die Zahlenverhältnisse im Abgeordnetenhause blenden und wagte es nicht — trotz demokratischer Gleichstellung der Kriegslasten und ganz besonders der schwersten, der Blutsteuer — diesen vermeintlich allmächtigen Parteien wehe zu tun und ihrer Gewinnsucht energisch genug entgegenzutreten. Hätte dies die Regierung rechtzeitig getan, dann wären sicherlich solch fürchterliche Fantasiepreise für alle Lebensmittel und andere Lebensbedürfnisse nicht entstanden. Im Kriege, wo die Staatsmacht alle wehrfähigen Männer von Beruf und Familie hinweg an die Kricgsfronten ruft, kann sie alle Arten von Produzenten auch zu einem Minimum von Arbeit, die für die Allgemeinheit nötig ist, verhalten, umsomehr als sie auch in der Lage ist, etwa fehlende Arbeitskräfte in Form von Kriegsgefangenen beizustellen. Sie kann auch ein Minimum von abzuliefernden Lebensmitteln nach dem Verhältnisse der Bodenfläche und ihrer Beschaffenheit zu festen annehmbaren Preisen heischen, denn das Interesse der Allgemeinheit ist während der Kriegszeit das oberste Staatsintereffe und der Krieg darf keine günstige Situation für die Taschen der Kriegswucherer werden. Dies ist aber leider nicht geschehen und wir sehen, wie Milch, Erdäpfel, Fleisch und Fett, Zuckerrüben usw. noch immer mit staatlicher Bewilligung verteuert werden. Wohl kann man gegen die bessere Versorgung der bäuerlichen Landbevölkerung nichts stichhältiges einwenden und ein mosaisches Gebot verbietet ja bekanntlich auch dem Ochsen auf der Tenne das Maul zu verbinden, aber aufreizend wirkt es ohne Zweifel, wenn die Gleichheit in der Lebensmittelversorgung immer rvieder zu Gunsten der Reichen durchbrochen wird. Gerade jene Volksschichten aber, zu deren Gunsten solche aufreizende Inkonsequenzen begangen werden, sind nicht nur offenkundige Kriegstreiber, weil ihnen der Krieg reiche Früchte in den Schoß wirft, sondern auch — Judenfeinde. Wohl ist es zweifelhaft, ob diese Judenfeindschast in allen Fällen echt ist, denn es find zahlreiche Fälle bekannt, wo arische Agrarier und Produzenten aller Art sich sehr gerne jüdischer Agenten und Händler bedienen, aber als politisches Aushängeschild scheint ihnen die Judenfeindschaft willkommen zu sein. Agrarier, Kriegsfabrikanten und Lieferanten der Christlichsozialen und Deutschnationalen benötigen nämlich für ihre vielen und großen Sünden, die sie an den Arbeitern, Beamten, Lehrern und allen Arten von Angestellten durch ihre Habsucht begehen, einen geeigneten Sündenbock. Einen solchen dünkt ihnen die Judenschast abgeben zu können, denn dieselbe liefert verhältnismäßig ein großes Kontingent von Händlern, die man Uneingeweihten leicht für alle Kriegsleiden, die sie schmerzlich verspüren, verantwortlich machen kann. Tatsächlich hoben besonders die Christlichsozialen mit auffallend unchriftlichem 'Eifer jüdische Kriegsverdiener ans Licht der Oeffentlichkeit gezerrt, während sie chrfftliche Lebensmittelwucherer liebevoll schonten. Daß auch unter den Juden der größere Teil arm ist und unter der Kriegsnot entsetzlich leidet, wird vorsätzlich verschwiegen, und der Glaube tendenziös verbreitet, daß die Juden in der Regel reich seien und sich den Kriegsleiden entziehen können. Der psychologischen Erfahrung eingedenk, daß nur der Haß vorurteilslose Untersuchungen hindert, schämt man sich nicht, wie dies einschlägige Reden christlichsozialer Abgeordneter, unter anderen auch des famosen Herrn Dr. Jerzabek, beweisen, den Raffenhaß sogar auf die armen