Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 22 (2.11.1917)
- Date
- 1917-11-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063801-3063823--10463-3077802- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
akryeit - Dteboftio» nnfe Ildminiftralion: | Wien, 11., Novaragasse 27 | Trlr»tz«u:!" Rtdaktt»« «Mtouiat 42.888. 1 Huabhängige Aeiischrift für jüöisch« B e z II g s p r e i »r «au,1«hri,.* IS — Halbtilhrig.I 7.80. Sbtniniftiotitn Mut. 47.864 jj Jt. LJftexr. Postsparkassa- 1 Echkck-Konl« fit. 100.81t. | Hsterrjsev. Für KiiltuLbeaiute: chtauzjilhria.K 10.— Inserate: \ — Die »ictxtäl grfpnlttuc jj fton»avtia<«Seilt *6 Hell«. | Erscheint jeden Arei tag. Für AnSltiuh: BftottiumruU« iinfe Jusertious- 1 .S Mark . betrLgr find in Wien zahlbar B uufe klagbar. J U»N»: „Dae Siegel Gottes ist Wahrheit!** 8 Nudel oder 18 Fre». Kr. 22. Wien, 2. November 1917. Inhalt: Zeichnet die siebente Kriegsanleihe! — Sollen sich jüdische Staatsbürger aus den öffentlichen Volksschulen ausdrängen lassen $ — Der Weltkrieg im Lichte des jüdischen Geistes. — Die Berner Friedenskonferenz und die Judensrage. — Aus dyc Wiener Kultus gemeinde. — Kais. Rat Dr. Theodor Lieben. — Der Wiederaufbau des Leopoldstädler Tempels. — Tie wirtschaftlich» Notlage der Kultusbeamten. — Verschiedene Nachrichten. — Aufruf. Zeichnet dir siebente Kriegsanleihe! Von neuem ist an uns der Ruf ergangen, dem Vaterlande die Mittel zur siegreichen Beendigung des ihm aufgezwungenen Kampfes um sein Dasein zu gewähren. Alles muß daran gesetzt werden, um der zu diesem Zwecke ausgelegten siebenten Kriegsanleihe einen überwältigenden Erfolg zu verschaffen. Wir halten es deshalb für unsere Plicht, an unsere Glaubens- und Volksgenoffen, die noch niemals versagt haben, wenn es galt, mit Gut und Blut für das Heil unseres Vaterlandes einzutreten, die Aufforderung zu richten, sich mit allen Kräften an der Zeichnung zu beteiligen. Tue jeder seine Schuldigkeit! Solle« sich jüdische Staatsbürger au» de« öffentliche« Uolksfchnle« ansdrange« taffe«? Herr Adolf Fried tritt in Nr. 21 der „Wahrheit" (19. Oktober 1917) in einem kurzen Aufsätze für die Errichtung jüdischer Volksschulen ein, wie er dies wiederholt schon tat, nur macht er sich diese seine Aktion gar zu leicht. Herr Fried sagt nicht einmal, wer diese Schulen errichten soll und ob dieselben öffentliche oder Privatschulen sein sollen. Zur näheren Aufklärung dieser Frage scheint es mir nötig, dieselbe eingehender zu beleuchten. Bis zum Jahre 1869 waren in Oesterreich alle öffentlichen Volksschulen katholisch und als solche auch unter dem' Regime der Kirche. Die Juden waren daher besonders in ihren Kultusgemeinden genötigt, eigene jüdische Volksschulen zu gründen und zu erhalten. Diese Schulen behielten aber den privaten Charakter und wenn ein Zögling solcher Schulen beabsichtigte in Mittel- oder Hochschulen überzutreten, mußte er seine Studienberechtigung erst durch eine Prüfung an einer öffentlichen Hauptschule erwerben. Diese jüdischen Privatvolksschulen wurden auch vollständig von den Juden erhalten und der Staat steuerte nichts dazu. Die damals sehr mächtige, freisinnige Bürgerschaft entriß nun durch die neue Gesetzgebung der Kirchenmacht die öffentlichen Volksschulen und unterstellte sie der Aufsicht des Staates, *■«- ». V _ 1 ... -TT ~. P — gesamte weltliche Unterricht sollte von jedem kirchlichen Einflüsse befreit werden und deshalb wurde auch die Lehrerschaft von der kirchlichen Schulaufsicht befteit. Um aber mit der in der Schule entthronten katholischen Kirchenmacht wieder Frieden zu schließen wurde, der konfessionelle Religionsunterricht in den öffentlichen Volksschulen als Hauptgegenstand erklärt. Alles und jedes wurde nun in der öffentlichen Volksschule gesetzlich festgelegt und 2 Stunden wöchentlich für die Religion bestimmt. Für die Juden genügen nun 2 Stunden wöchentlich durchaus nicht, weil dieselben bekanntlich ihre Gebete^ in der heiligen hebräischen Sprache sprechen und auch ihre religiöse Literatur in der hebräischen Sprache geschaffen wurde. Herr Fried hat deshalbganz recht, wenn er die damaligen Spitzen des Judentumes in Wien und ganz Oesterreich beschuldigt, seinerzeit die Thora beseitigt zu haben. Zu seiner Zeit waren die Juden in Oesterreich mächtig genug, für ihre Kinder in den öffentlichen Vorschulen mehr Religionsstunden zu begehren und auch durchzusetzen, aber der Freisinn war damals modern und die einflußreichen Juden fürchteten keine Nachrede so sehr als die der Rückständigkeit. Sie ließen es sich allen Ernstes einreden, das Begehren von mehr Religionsstunden für ihre Jugend sei rückständig, sobgleich sogar christliche Theologen undtz Sprachforscher eifrig hebräisch lernten. — Eltern, die eine jüdische Erziehung für ihre Kinder wünschten, konnten sie trotzdem in die öffentlichen Volksschulen schicken, denn es gab allezeit auch Bibelschulen, die sie benützen konnten. Abgesehen von der Tatsache, daß die privaten Talmud-Thoraschulen im allgemeinen eine schlechte Schuldisziplin hatten, wollten viele jüdische Eltern auf den Vorteil nicht verzichten, den eine gemeinsame Schulerziehung mit christlichen Kindern ihren Kindern in den öffentlichen Volksschulen bot. Man dachte dadurch daS gegenseitige alt eingerottete Vorurteil endlich aus der Welt schaffen zu können, denn alle ungerechten Anwürfe kann doch ein Mensch nicht ohneweiters annehmen, der mit andersgläubigen Kindern in die Schule gegangen und sie eingehender kennen gelernt hat. Die öffentlichen Volksschulen hätten der jüdischen Jugend sicherlich nicht geschadet, sofern deren Eltern daS religiöse Leben in der Familie auftecht erhalten und dafür esorgt hätten, durch ausreichenden hebräischen Unterricht die Kinder für ihr religiöses und kulturelles Eigentum zu erwärmen. Dies ist nicht geschehen und die damaligen Rcchbiner und Vorstände der israel. Kultusgemeinden find daran