Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 20 (5.10.1917)
- Date
- 1917-10-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20. Die Wahrheit Seite 7. Meine verehrten Herren! Als Sie den Beschluß faßten, zusammenzukommen, um uns irr der Not beizustehen und den alten Tempel wieder zu errichten, so war in Ihrem Herzen die alte Tradition wieder lebendig geworderr. Und so meine Herren, rnöchte ich wünschen, daß Sie an die Arbeit gehen und sich konstituieren und daß durch Ihre freiwillige Arbeit der Vorstand bald in die Lage kärne, sich mit der Wiedererbauung des Tempels zu beschäftigen, und. sagen könnte: mm ist es genug. Mit diesenr Wunsche begrüße ich Ihre freiwillige Mission. Wir werden sehr viel Geld brauchen, unr den Schaden zu reparieren, wir haben wohl noch keinen Ueberblick, was dies kosten wird: aber eines ist klar, Millionen werden erforderlich sein. Es ist mir ein Bedürfnis, Sie, meine verehrten Herren, zu Beginn Ihrer Tätigkeit zu begrüßen, und hoffe und wünsche ich, daß es Ihnen gelingen möge, dieses Werk zu einem erfolgreichen Ende zu führen. Der provisorische Obmann, Herr Dr. Theodor Gutmann, dankt dem Präsidenten für sein das Komitee ehrende Erscheinen bei dieser Versammlung und für die herzliche Begrüßung. Hierauf entwickelte sich eine lebhafte Debatte über die Art der Zusammenstellung des Kornitees, die Aufgaben desselben mfw., an welcher sich die Herren Komm.-Rat Reif, Earl L e m b e r g e r, Rabbiner Dr. G r u n w a l d, der u. a. die Gründe entwickelte, die ihn bestimmten, von der Uebernähme des Vorsitzes im Komitee abzustehen, ferner Doktor Thaler, Dr. Winternitz und Dr. Gutmann beteiligten. Mit dem Beschlüsse, an die Wiener jüdische Bevölkerung einen Aufruf zu erlassen, schließt die Sitzung. Wir sind in der angenehmen Lage berichten zu können, daß Herr Louis Freiherr v. Rothschild sich bereit erklärt hat, das Ehrenpräsidium des Komitees zu übernehmen, und daß bereits Spenden in größerer "Anzahl und höheren Beträgen eingelaufen sind. Neuorganisation der Dnkowmaer Jndrnschaft. In Erkenntnis der Notwendigkeit der durch die Kriegsereignisse unter allen Volksteilen am schwersten betroffenen Iudenschaft der Bukowina eine Organisation zu schaffen, die es ermöglichen soll, den politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbau kräftigst zu fördern, hat der aus den zehn Mitgliedern beider jüdischen Parteien bestehende „Jüdische Landtagsklub" wiederholt eingehende Beratungen gepflogen und den einhelligen Beschluß gefaßt, an die jüdischen Parteien des Landes den Appell zu richten, alle zu Parteiungen führenden Differenzen als beigelegt zu betrachten und an der Bildung der einheitlichen Land es Partei mitzuwirken. Die Notwendigkeit, eine Neuorganisation der Bukowinaer Judenschaft zum Schutze und zur Wahrung ihrer politischen Rechte, sowie ihrer wirtschaftlichen und sozialen Jmeressen zu schaffeil, wurde allseits anerkanllt und demzufolge über Einladung des „jüdischen Landtagsklub" am 12. v. M. eine vertrauliche Beratung abgehalten, an der zahlreiche Vertreter beider Parteischattierungen und aller Berufstände teilnahmen. Auf Grund der vonl Landtagsabgeordneten Dr. Max F o k s ch a n e r und dem Reichsrats- und Landtagsabgeordneten Dr. Benno S t r a u ch e r erstatteten Referate wurden die Anträge derselben freudigst begrüßt und einhellig folgende Beschlüsse gefaßt: An Stelle der bisher bestandenen zwei politischen jüdischen Parteien der Bukowina wird eine einhetliche jüdische Landespartei gebildet und mit der Wahrnehmung und Vertretung der Rechte und Interessen der Judenschaft Ein Parteiausschuß betraut, aus dessen Mitte ein Arbeitsausschuß delegiert lvird, der bis zur defenitiven Zusammensetzurrg der Parteiorganisation sich mit den vorbereitenden Arbeiten für den Wiederaufbau zu beschäftigen haben wird. In diesen Arbeitsausschuß wurden entsendet die Herren: Kommerzialrat Mar Ritter von Anhauch, Gemeirlderat Dr. Friedrich Billig, Gemeinderat Dr. Mayer Ebner, Großindustrieller Nathan E i d i n g e r, Gemeinderat Bernhard Flemminger, Abgeordneter Dr. Max Fokschaner, Gemeinderat Adolf Hart, Kommerzialrat Abgeordneter Jakob Hecht, Kanzleivorsteher Jakob H i l s e n r a d, Advokat Dr. Salomon Kaßner, Abgeordneter Dr. Isidor Katz, Advokat Dr. Heinrich L u p u l, Konimerzialrat Abgeordneter Salomon Rudi ch, Abgeordneter - Dr. Benno Strauche r, Handelskammerpräsident Wilhelm Tittinger, Gemeinderat Adolf W a l l st e i n, Abgeordneter Bürgermeister Dr. Salo von W e i s s e l b e r g e r und Abgeordlleter Dr. Neumann W e n d e r. Zum Präsidenten des Partei-Arbeirsausschuffes wurde Reichsratsabgeordneter Dr. S tr a u ch e r, zum Bicepräsidenten Abgeordneter Dr. Mar Fokschaner und zum ständigen Referenten Gemeinderat "Adolf W a l l st e i n und Dr. Kaßner gewählt und hat der Arbeitsausschuß seine Tätigkeit bereits aufgenonnneu und befindet fich das Parteibureau vorläufig in derr Räumen des Fürsorgekomitees für die Bukowinaer Flüchtlinge Wien, IX., Schwarzspanierstraße 15. Der Kote der Gemeinde. Noch stehen wir inmitten der Feiertage und hoch schlägt das jüdisch-gläubige Herz vor Erbauung und Erschütterung. Wie viel der Tränen flössen in unseren Gotteshäusern, wie viel herzdurchschneidende Seufzer rangen sich zum Himmel empor ob des großen Leides, das der Menschheit Herz zerknirscht! Dort vor der Bundeslade steht der Abgesandte der Gemeinde. Sein Gebet ist viel inniger, sein Gesang gefühlvoller denn je, denn auch sein Herz ist durchwühlt von Leid und Schmerz: ein Jahr lang stand er an der Front, und wenn die Festklänge verhallen, kehrt er zum rauhen Soldatenberufe wieder. Meim misbechi tikochenu lomus, — (von meinem Altäre sollst du ihn nehmen zum Töten) in anderen: Sinne natürlich . . . Der Uebergang wird ohne jegliche Modulation — ganz unmusikalisch — erfolgen. Gewiß verlangt das bedrängte Vaterland während des Krieges von jedem einzelnen Staatsbürger unsägliche Opfer und jedermann bringt sie, wohl schweren Herzens, aber klaglos zmn "Altäre hin. Auch wir, die Träger des Gottesdienstes, tun das Gleiche; und doch ist an uns von seiten der Repräsentaten des Judentums eine Unterlaffungssünde begangen worden, indem die Behörden über die Stellung des Kantors, besonders aber über diejenigen, welche auch den Religionsunterrichr gilt der Kultusgemeinde innehaben, ohne richtige Aufklärung gelassen rvurden! Ich will keine Argumente für meine Behauptung ins Treffen führen und begnüge mich mit der Wiedergabe einer Episode, die der Anregung zum Nachdenken für die Maßgebenden im Judentmu dienen möge! Auf dem Vormarsche bei unserer letzten siegreichen Gegenoffensive in Rußland erkrankte ich und wurde in ein Feldspital geschafft. (Ich war schon im Zivilleben, kein Athlet und die mitgemachten Strapazen während der Hitze verursachten meine vollständige Erschöpfung.) Im besagter: Spitale befand sich ein dürftiges jüdisches Betstübchen und ich raffte meine ganze Kraft auf, zeitig am Morgen und spät am "Abend, mich zu den Gottesdiensten zu schleppe::. Während eines Abendgottesdienftes ging auf mich ein Feldwebel zu und stellte an mich die Frage, ob ich ihn kenne? Ich verneinte die Frage, worauf er mir berichtete, daß er in E. — in der Gerneinde, wo ich als Oberkantor und Religionslehrer seit elf Jahren wirke — anderthalb Jahrs stationiert war und trotzdem er Andersgläubiger ist, sehr oft meinem Gottesdienst beiwohnte. Er versicherte, daß mein Vor-