Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1917
- Issue
- Heft 3 (9.2.1917)
- Date
- 1917-02-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 Die Wahrheit.. Seite 7. s) Privatvorbereitung wird unter gewissen Bedingungen zugelassen. In der Anstaltsbildung wird aber insofern ein Vorzug erkannt, als durch das Zusammenleben und Zusammenarbeiten ein Mittel gegeben ist, um Lebensführung und Lebensart zu regeln '.und izu befestigen. Darum ist die private Einzelausbildung nur in Ausnahmefällen als gleichwertig zu erachten. f) Eine Kantorenhochschule für gehobene Ausbildung wäre sehr erwünscht. 3. Für die Prüfungsabnahme wird vorgeschlagen: a) Bei SemiüaMldung in einer der angedeuteten Formen ist das Abgangszeugnis maßgebend. Eine Prüfungskommission für jedes Seminar ist zu empfehlen, die im Einvernehmen mi^t dem zielbewußten Streben des Allgemeinen Deutschen Kantorenverbandes ihres Amtes waltet. b) Muif poivaten Wege Vorbereitete können, wenn sie sich der Semiüarprüfung nicht anschließen wollen, vor einer einzusetzenden Prüfungsbehörde entsprechend der genannten Prüfungskommission, den Grad ihres Wissens und Könnens begutachten lassen. c.) Es wird auch auf eine „schlichte" und „höhere" Prüfung hingewiesen, hie gewissermaßen als erste und zweite Dienstprüfung gedacht werden kann. Durch Able-» gung der letzteren wurde ein Anspruch auf erste Kantorenstellungen erworben werden. 4. Für die Durchführbarkeit unserer Wünsche und Forderungen bezüglich eines Befähigungsnachweises wird hingewiesen: a) auf ein Organisationsgesetz für die deutschen Juden, in welchem den erhobenen Wünschen und Vorschlägen (Rechnung getragen wird. b) auf landesgesetzliche Regelung der Anstellungsverhältnisse. e) auf Selbstregulierung, die eintreten wird, wenn ' -einmal Einrichtungen für sachgemäße, systematische Ausi bildung vorhanden sein werden. Dann wird sich bald zeigen, haß so vorbereitete Beamte vor länderen vorgezogen werden. d) auf Belehrung und Einwirkung durch die Presse, wodurch gute Resultate nach dieser Richtung gezeitigt werden. | Vorstehende Erwägungen werden der Oeffentlichkeit j unterbreitet, einerseits um den eigentlich selbstverständlichen j Gedanken des B efähigungsnachw eis es für Kantoren klarzulegen und auf seine Durchführbarkeit hinzuweisen, an-, dererseits um als Unterlage für weitere Besprechungen zu dienen für alle, die sich für diesen Gegenstand interessieren, Dr. Mark«« Epstein Inmitten einer rastlosen litherarischen Tätigkeit, deren Gedankentiefe und Sachkenntnis von den Lesern unseres wiederholt bewundert werden konnte, erreichte ihn, den genialen Menschen, ein grausam tragischer Tod. Cizr, Mann des Glaubens und des Gottvertrauens, ein Mann des Wissens, ein Mann voll Edelsinn und Nächstenliebe, ein Mann der edlen hohen Tat ist mit ihm dahingegangen. Seine unermüdliche Tätigkeit und Selbstaufopferung, seine stete Opferbereitschäft im Dienste der guten Sache kannte keine Grenzen. Durch seine Milde und Sanftmut, durch, fein bescheidenes Wesen und seinem biederen Charakter erwarb er sich die Sympathien seiner Mitbürger in hohem Maße. Jeder Einzelne, der sich, vertrauensvoll an ihm wendete, konnte seiner wärmen Teilnahme und Unterstützung sicher sein. Von bleibenden Werte sind sein so liebenswürdiges aufrichtiges! Wesen, seine Wohltätigkeit, seine nie versagende Hilfsbereitschaft und sein Familiensinn. Als 82 jährsger hatte er sich eine Rüstigkeit des Körpers und eine Frische des Geistes bewahrt und muß die liebevolle Hingäbs mW der er unsere altehrwürdige Bibel, seine biblistischen Arbeiten und jüdischen Aufsätze behan? delte, wie die „Poesien des alten Testaments utt deutschen Gewände" (I; Teil Pentateuch und die ersten Propheten), „Das Älteste Liebeslied der Welt" (/Das Hohelied Salamons II. Teil) „Psalmistische Studien", „Eine psalmistische Advent-Studie", „Eine psalmistische Kalender-Studie", „Der Krieg in den Psalmen", „Eine psalmistische Herbststudie" u. a. m., die in der „Wahrheit" und anderen Blättern erschienen sind, vollste Anerkennung gezollt werden. Seine vielfachen schriftstellerischen Arbeiten unter anderm auch „Der Krieg und das Patentwesen", ^Englands Lieferungen! für die österr. Marine", fanden allgemeines Interesse. Beachtenswert ist.auch ein Büchlein „Eine Fußreise vor 50 Jahren durch die böhmischen Bäder" (Leitmeritzer- Zeitung), die von seiner im elterlichen Hause gewordene Erziehung handelt. Seine hervorragenden Arbeiten auf dem Gebiete des Eisenbahn- und des Tarifwesens waren nls Fachjgröße. bekannt. Seine letzte Arbeit bildete eine unvollendete Abhandlung des gewesenen Olmützer Fürsterzbischof, Dr. Kohn. An dem am 31. v. M. in Brünn stattgefunden,en Leichenbegängnisse nahmen nächst den Angehörigen des Verstorbenen, Vizevorstand der Chewra-Kadischa, Herst Seligmann, eine Deputation des Advokatenftplndes, sowie viele Freunde ünd Verehrer des Verblichenen teil. In der Zeremonienhalle hielt Rabbiner Dr, Löwy einen tiefempfundenen Nachruf. Herr Oberkantor Heller samt Cho,r versähen die kantoralen Funktionen. An seiner Bahre trauern nicht nur die Familienangehörigen, sondern auch alle jene, die die Bedeutung der jüdisch-deutschen Literatur zu schätzen wissen. L. R. Tranerscier für Rabbiner Dr. pilitdm Münz. G!" i w i tz, 24. Jänner. Selbst jetzt, wo die furchtbaren Geschehnisse der Zeit dem Einzelschicksal, und sei es ein hervorragendes, wenig Teilnahme schenken, hat es doch weil über unsere Stadt hinaus bei der Nachricht vom Tode des Rabbiners Dr. Wilhelm Münz ein Besinnen auf die ewigen Dinge des Lebens gegeben: auf Liebe, Gerechtigkeit, Menschenfreundlichkeit! Diese Drei bildeten bei Rabbiner Dr. Wilhelm Münz, der allen Religionen tolerant gegenüberftand, eine Einheit. Die Liebe aber stand obenan. Wer der gestrigen Trauerfeier für.den Heimgegangenen in der Synagoge beigewohnt hat, empfand, daß es sich um mehr als um die übliche i letzte jEhrung handelte.! Nicht nur der bedeutende Rabbiner und Glaubens-, j streiter wurde geehrt, sondern auch der Mensch mit dem goldigen Herzen, mit dem tiefen Gemüt und seinem starken Mitgefühl für alles Leid. Die sich im Trauerschmucke zeigende Synagoge war, als sich bald nach 11% Uhr ihre Pforten öffneten, schnell überfüllt. Auch Angehörige anderer Konfessionen waren zahlreich erschienen: an der Spitze -Bürgermeister .Dr.. Geister und Stadtbaurat Hache als Vertreter der Stadt. Der tiefgebeugten Gattin und der Tochter, die dem Vater lange Zeit die treueste Pflegerin war, wendete sich die allgemeinste Teilnahme zu. Vor dem im Kerzenlicht -erstrahlenden Altar stand der einfache schwarze Sarg, der barg, was sterblich war an Dr. Münz. Rechts und links saßen die oberschlesischen Amtsbrüder des Verblichenen, sowie der Verstand und die Repräsentanten der jüdischen Gemeinde. Ferner bemerkte man katholische und evangelische Geistliche. Man muß weit wandern, um einen Chorgesange zu lauschen, wie dem, per gestern unter Chordirigent Fleischers mlit fortreißender Leitung die Herzen erschütterte. Von der Vergänglichkeit alles Menschlichen wurde zuerst gesungen. Und dann die Rezitative des stimmgewaltigen Oberkantors Singer-Kattowitz! Der wundervolle Gesang von oben aus der Hohe und vonnAltar schuf hie Stimmung .für die nun folgenden Reden.