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Die Wahrheit · 1917-01-26 · Heft 2 (26.1.1917) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1917
Issue
Heft 2 (26.1.1917)
Date
1917-01-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 2. Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft deS Judentums. Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft deS Judentums in Berlin trat vor kurzem zu ihrer ordentlichen Mitgliederversammlung zusammen. Ihr besonderes Gepräge erhielt sie diesesmal dadurch, daß sie dem Andenken ihres Heimgegangenen ersten Vorsitzenden, des Herrn Prof. Dr. Martin Philippson, gewidmet war, dessen Bild inmitten einer Pflanzendekoration vor dem Rednerpult angebracht war. An der Versammlung nahm außer vielen Mitgliedern und dem fast vollzählig erschienenen Ausschuß anch^die Witwe des Heimgegangenen mit ihren nächsten Angehörigen teil; der Bruder des Verstorbenen, Herr Geheimrat Prof. Alfred Philippson-Bonn, war am Erscheinen verhindert. Herr Rabbiner Prof. Dr. Guttmann-Breslan eröffnete die Versammlung mit einem tiefempfundenen Nachruf auf den Verewigten, den die Versammlung stehend anhörte. In bewegten Worten pries er Martin Philippson, den großen Sohn des großen Vaters, den seine Liebe zur Wissenschaft und zum Judentum zum Führer des deutschen Judentums und vor allem zum Gründer und Leiter der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums befähigte. Er habe die Gesellschaft auf seinen Händen und im Herzen getragen. Die heutige Generalversammlung habe nach Vollendung seines 70. Lebensjahres eine Jubelfeier werden sollen; nach GotteS Willen sei sie zu einer 'Trauerfeier geworden. Aber der Name Martin Philippsons und der Segen, der von ihm ausgegangen sei, würden für die Dauer der Gesellschaft bleiben und willen. Die Versammlung trat dann in den geschäftlichen Teil der Tagesordnung ein, der sich schnell erledigen ließ. Der Jahres- und Kassenbericht, über den wir bereits berichteten, wurde ohne Erörterung genehmigt; der bisherige Ausschuß wurde unter Znwahl von Herrn Geheimrat Prof. Alfred Philippson-Bonn wiedergewählt. Dann ertönten die weihevollen Klänge eines Harmoniums und der Redner des Abends, Herr Rabbiner Prof. Dr. Bloch- Posen, betrat das Rednerpult. Mit der ihm eigenen Wärme und mit feinem Empfinden entwickelte er ein Bild der wiffenfchaftlichen Persönlichkeit Martin Philippsons, dessen vornehmer Charakter, dessen lautere und reine Natur ebenso in seinem wissenschaftlichen Schaffen sich offenbarten, wie sie ihm zum Führer feiner Mitstrebenden machten. Sein Verlust fei der schwerste, den die Gesellschaft feit ihrem Bestehen zu verzeichnen habe. Schon sein Name hatte einen werbenden Klang, denn im vorigen Jahrhundert zählte das Judentum zu feinen besten und populärsten Namen Ludwig Philippson. Es war der Vater des Verewigten, der auch mit Stolz feinen Namen trug. Aber es war ein edler Stolz, da er die Verpflichtung fühlte, welche der Name ihm auferlegte und er der Verpflichtung stetgetreulich nachkam. Bei der Begründung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft deS Judentumhat er ein ähnliches Unternehmen seines VaterS im Grunde nur wieder ailfgenommen und mit wahrer Schaffensfreude und eifriger Tatkraft zur Blüte gebracht. Er hat die Organisation der Gesellschaft geschaffen, nach derMbeitSmethode, die er eingeführt, wird noch heute gearbeitet, der Arbeitsplan, den er entworfen, wird heute noch festgehakten, Ein feiner Takt, eine aus dem Herzen kommende Höflichkeit, eine Rücksicht auf Gegengründe machte die Mitarbeit unter ihm zu einem wahren Genuß. Unwirsch wurde er nur, wenn er die Ehre der. Gesellschaft beeinträchtigt fürchtete. Denn er besaß ein empfindliches Verantwortlichkeitsgefühl. Er organisierte auch das Gesamtarchiv der deutschen Juden, welcheunter seiner Leitung bald einen überraschenden Aufschwung nahm und zur ersten Forschungsslätte für die Geschichte der deutschen Juden wurde. Auch an dem Grundriß der Gesamtwissenschaft deS Judentums hat er mitgearbeitet und „Die neueste Geschichte des jüdischen Volkes" in drei Bänden geliefert, ein Werk, daS ebenso viel Genuß wie Belehrung bietet. Daß er kerndeutsch gefühlt und gestrebt hat, hat er in Brüssel bewiesen, alS er auf Rektorat und akademische Würden verzichtete, weil er den deutschfeindlichen Studenten jedwedes Zugeständnis verweigerte. Ebenso treu erwies er sich seinem Glauben. Die Wahrheit zu vertreten in jeglicher Beziehung, war der Inhalt seines Lebens und das Ziel seines Strebens.. Mehr als Orden und Auszeichnungen schmückt ihn in den Augen echter Wahrheitsstennde der gute Name, den er sich erworben, den er znrückläßt. Wenn von irgend jemandem kann von ihm das bekannte Wort gerühmt werde»; „Und hinter ihm im wesenlosen Scheine lag. was uns alle bändigt, das Gemeine." — In tiefer Ergriffenheit folgte die Versammlung den Ausführungen des Redners, welche durch abermaliges Harmoniumspiel beschlossen wurden. Dann beantragte Herr Prof. Gnttmann eine letzte Ehrung für den großen Toten, welche die Versammlung einmütig genehmigte, die Ernennung Martin Philippsons zum e r st e n I m in e rwährenden E h r e n m l t g l i e d e. In tiefer Ergriffenheit löste sich die Versammlung auf. Verschiedene Nachrichten. Wien. (Bar Mizwafeier in der „Heimstätte für jüdische Kinder XV. Herklotzgaste 21.) Samstag, den 20. Januar 1917 fand beim Jugendgottesdienste im Tempel XV. Tnrnergaffe 22 die Barmizwafeier von fünf Schützlingen der Heimstätte statr. Die Ansprache an die Knaben hielt Herr Professor Dr. M. H u jj. Der Feier im Tempel wohnten sämtliche Zöglinge der Heimstätte, die Kuratoren Dr. S a m u e l y, Ed. Schwarz und Theodor Mayer, sowie eine Anzahl von Gönnern der Heimstätte als Gäste bei. Anschließend an den Gottesdienst wnrde den Schützlingen im Heime eine Festjause geboten. Nach Begrüßung der Gäste, unter welchen sich Herr Rabbiner Dr. Taglicht, die Vorstandsdamen deS Wiener Frauenvereines Laura- Kren berge r, Gisela Z i r n e r, Regine K o p p e r l, ferner die Gründerin der Heimstätte Frau Regine B e t t e l h e t m, Fran kais. Rat Tr. S. Krüger, Frau Amtsleiter Kraus befanden, hielt Se. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. T a g l i ch t an die Konfirmanden eine Ansprache, in welcher er sie zur Treue und Auhängllchkeiten au die angestammte Religion ermahnte und darauf hinwies, daß durch ihr Heranwachsen zn rechtschaffenen Menschen, sie ihren Gönnern gewiff den geeignetesten Dank abstatten werden. Die Kinder hielten deklamatorische Vorträge und saugen mehrere Lieder. Den Konfirmanden wurden von ihren Gönnern sinnreiche Geschenke geboten. Um die Feier bemühten sich die Angestellten der Heimstätte, -die Lehrerin Fräulein Clara R o s e n b a u m und der Präfekt Ernst Singer eifrigst. In der Heimstätte für jüdische Kinder befinden sich derzeit 40 Knaben, verlassene Kinder, darunter eine Anzahl von Kriegerwaisen, die nach jeder Richtung hin in fürsorglichster Weise erhalten und erzogen werden. Vien. Eine segensreiche Tätigkeit entfaltet der Vorstand des Kaiser Franz I o s e s I. H u l d i g u n g s t e m p e l s, II. Bez., Pazmanitengasse 6, indem er nicht nur für einen musterhaften Gottesdienst Sorge trägt, der auf jeden Besucher des herrlichen Tempels einen erhebenden Eindruck macht, sondern auch der religiösen Erziehung der Jugend seine vollste Aufmerksamkeit widmet. Die Sprach- und Bibelschnle wurde zu Anfang deS Schuljahres reorganisiert, tüchtige Lehrer angestellt, so daß der Unterricht nach pädagogischen Grundsätzen erteilt wird. Weicher Beliebtheit sich die erwähnte Schule erfreut, geht aus dem Umstaude hervor, daß dieselbe von fast 400 Kindern besucht wird. — Auf die fünfte Kriegsanleihe zeichnete der Vorstand X 65.000.—, davon für die Sprach- und Bibelschule X 15.000.— Wien Die für den 20. d. M. einberufene Btonatsveriammlnng deS „Israel, h n m a u i t ä r e n U n t e r st ü tz u n g s v e r e i u e s der Kolomeaer" ist aus Samstag, den 27. d. Dt. halb 8 Uhr abends (Restaurant Barschak, II., Große Schiffgaffe 3) verlegt worden. -Wien. (Der Jüd. Nationalfonds int Jahre 1916.) Im Dezember 1916 erreichten die Einkünfte des Nationalfonds die Höhe von M 136.131. Die Spendeneinnahmen des Jüd. Nationalfonds 1916 betragen M 749.380; davon entfallen M 2920 aus den Genostenschaftsfonds. Diese Ergebnisse darf im Vergleiche mit dem der beiden, vorhergehenden Kriegsjahre (1914 M 595.763, 1915 M 509.428) besriedigend genannt werden und wnrde nur durch das Friedens» rekordjahr 1913 (M 811.200) übertroffen. Der Anteil der einzelnen Länder am Jahresergebuis des INF ist wie folgt: Nordamerika M 214.655. Oesterreich M 170.987, Deutschland M 130.789, Rußland M 65.068 (davon M 26.864 ans dem besetzten Gebiet Polen nnd Lithanen), Ungarn M 28.987, Holland M 28.737, Argentinien M 18.246, England M 16.613, Rumänien Dt 15.218, Südafrika Dt 12.002, Canada M 8237, Südslavische Länder Dt 5855, Schweiz M 5838, Griechenland M 3329, (Alt-Griechenland M 712, Neu- Griechenland M 2817), Belgien M 3329, Bulgarien M 3031, Dänemark M 2923, Aegypten Dt 2707, Frankreich (mit Tunis) Dt 2394. Ferner: Osten Dt 2050, Australien Dt 1533. Italien M 1051, Schweden M 922, Portugal Dt 750, Brasilien M 601, Neuseeland M 419, Norwegen M 64, andere Länder M 25. Alle Unternehmungen des Jüd. Nationalfonds in Erez Jisroel konnten aufrecht erhalten werden.

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